AuslandssemesterKeine falsche Scheu

Wer in ein fremdes Land richtig eintauchen will, muss in eine Wohngemeinschaft mit Einheimischen ziehen. Erinnerungen an drei ganz besondere Mitbewohner. von Katja Bosse

Kopenhagen: "Jackass" mit Ove

Mein dänischer Mitbewohner hieß Ove, war 78 Jahre alt und hatte wenige Wochen vor meiner Ankunft seine Frau verloren. Um die schlechten Gedanken zu vertreiben, schlugen seine Söhne ihm vor, einen Hund zu kaufen. Ove legte sich lieber einen Austauschstudenten zu: mich. Den Kontakt hatte ich über das International Office der Uni Kopenhagen bekommen. Dort liegt eine Liste mit Angeboten von Dänen aus, die Zimmer vermieten. Ich mag Sicherheit und fuhr deshalb schon vor Semesterbeginn von Kiel nach Kopenhagen, um mir Wohnungen anzuschauen. Oves war die erste – und die einzige, weil wir uns sofort sympathisch waren. Ove ist ein weltoffener Mensch, er hat 40 Jahre lang als Fluglotse gearbeitet und eine zweijährige Grönland-Expedition unternommen. Das fand ich interessant.

Alexander Wehner

24, studiert an der Uni Kiel Sport, Deutsch und Geschichte auf Lehramt und war im siebten Semester in Kopenhagen.

In endlosen Gesprächen frischte ich mein Englisch auf, Oves war schon perfekt. Drei Regeln galt es in seinem Bungalow zu beachten: 1. Nach dem Duschen wird das Bad mit einem Lappen geputzt. 2. Wenn man Weißbrot isst, darf man danach kein Schwarzbrot mehr nehmen. 3. Kein Besuch nach 23 Uhr. Das ging für mich in Ordnung. Feiern konnte ich woanders. Dafür kochte Ove für uns, wenn ich am Schreibtisch sitzen musste. Und die liebevolle Art, mit der er von seiner Frau erzählte, berührte mich. Im Laufe der Zeit wurden wir Freunde: Einmal zeigte ich ihm, was man alles auf YouTube entdecken kann. Er begann, begeistert zu stöbern und mir Links zu "Jackass"-Videos zu mailen, als ich über Weihnachten zu Hause war. Es lohnt sich, ungewöhnliche Wege zu gehen.

Anzeige

Barcelona: WG sucht Mama

Meine erste Wohnungsbesichtigung in Barcelona führte mich in ein Hochhaus in einer zwielichtigen Gegend, wo sich eine alte Dame hinter etlichen Türschlössern verschanzt hatte. Das Kinderzimmer, das sie mir anbot, hatte keine Fenster, aber einen prall gefüllten Kleiderschrank mit den Habseligkeiten ihrer Tochter. Das zweite Angebot stammte von einem Pärchen, das sich sein Monatsgehalt wohl etwas aufstocken wollte und mir daher die Abstellkammer vermieten wollte. Bei der dritten Adresse machte gar keiner auf. Ich war kurz davor zu verzweifeln und habe ernsthaft darüber nachgedacht, den nächsten Flug zurück nach Deutschland zu nehmen. Eigentlich hatte ich alles ganz gut geplant, dachte ich: Ich war etwas früher als nötig nach Barcelona angereist, um erst mal vom Hostel aus eine Wohnung zu suchen. Trotzdem dauerte es dann länger als erwartet, eine nette Unterkunft zu finden.

Eva-Maria Ehemann

23, studiert Jura an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und hat ihr drittes Studienjahr in Barcelona verbracht.

Schließlich fand ich, zentral im Eixample Esquerra gelegen, eine Vierer-WG – mit immerhin einem Spanier. Der war das erste Mal weit weg von Mama und zerstörte gleich am ersten Tag den Geschirrspüler, sodass die gesamte Wohnung unter Wasser stand. Seine Klamotten ließ er so lange in der Waschmaschine liegen, bis sie wieder trocken waren. Insgeheim hatte er wohl darauf gehofft, dass die "reinliche Deutsche" das Putzen übernimmt. Wir haben uns aber arrangiert. Bei Tapas und Sangría waren die ersten Startschwierigkeiten schnell vergessen – und ich war glücklich, trotz der frühen Rückschläge geblieben zu sein.

Istanbul: Schlaflos am Bosporus

Kristof Kuhn

24, studiert Sozialwissenschaften und war in seinem fünften Semester in Istanbul. Inzwischen ist er zurück an der Uni Marburg

Wenn ich von den Trommelschlägen des Mannes erwachte, der schreiend durch unsere Straße lief, wusste ich, dass es ungefähr vier Uhr am Morgen war – und dass meine gläubigen Nachbarn aufstehen mussten, um vor Sonnenaufgang etwas zu essen. Ich bin während des Ramadans nach Istanbul gezogen. Die ersten Wochen waren schlaftechnisch nicht so super. Auch nach der Fastenzeit war an Ausschlafen nicht zu denken: Nun weckten mich die Gebetsrufe von der Moschee. Aber ich wollte die muslimische Kultur kennenlernen. Deshalb wohnte ich auch mit Mesut zusammen, einem türkischen Lehrer. Wenn Mesut nicht an der Schule war, lud er mich zum Çay-Trinken an den Bosporus ein, stellte mich seinen Freunden vor und half mir als Übersetzer, als ich mit einer Lebensmittelvergiftung ins Krankenhaus kam.

ZEIT Campus 3/13
Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.  |  © ZEIT CAMPUS

Mit Mesut hatte ich viel Glück. Mein ursprünglicher Vermieter, mit dem ich von Deutschland aus gemailt hatte, sagte mir zwei Tage vor meiner Abreise ab. Ich wohnte zuerst im Studentenwohnheim und suchte im Internet und im Bekanntenkreis nach einer türkischen WG, um den ganz normalen Alltag der Stadtbewohner kennenzulernen. So fand ich Mesut. Einmal stand ich auf dem Balkon, als eine Kuh durch die Straße gezerrt wurde. Mesut hat mir erklärt, dass an Kurban Bayram, dem höchsten islamischen Fest, überall Tiere geschlachtet werden, um das Fleisch an die Armen zu verteilen. Wir sind auf die Straße gegangen und haben zugeschaut, das fand ich etwas seltsam. Heute liebe ich die Stadt, gerade weil sie anders tickt.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. in die Welt des wohnen. Aber der wählerischen Studentin hätte ich wohl auch nicht die Tür geöffnet. Ihre Geschichte finde ich recht oberflächlich und langweilig.

  2. Would be wonderful to sink into a foreign society that way

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Schlagworte Jura | Ramadan | Sozialwissenschaft | Barcelona | Istanbul | Kopenhagen
Service