Das erste MalDas Sterben erleichtern

Der Assistenzarzt Benjamin Storek, 35, lindert die Schmerzen von unheilbar kranken Menschen – und begleitet sie auf ihrem Weg in den Tod. von Konstantin Teske

Als C. anfing zu bluten, war es klar. Ich habe ihm in die Augen geschaut und gesehen, dass er es wusste: Bald stirbt er. Wir gaben ihm Morphium, damit er die Schmerzen besser aushielt. Er wurde etwas ruhiger, aber die Angst blieb. Ein paar Stunden später starb er. Seine Familie war dabei.

Ende der Fahnenstange. Das ist das Erste, was die Patienten denken, wenn sie auf eine Palliativstation kommen: Sterbestation, Schmerzstation, Abschiebestation. Was stimmt: Hier, auf der Palliativstation der Berliner Charité, geht es nicht mehr um Heilung. Zu uns kommen Patienten im fortgeschrittenen Stadium ihrer Krankheit, viele von ihnen haben Krebs. Die Aufgabe von meinen Kollegen und mir ist es, ihre Symptome zu mildern und ihre Schmerzen zu lindern, so gut es geht. Sie sollen ihre letzte Zeit dadurch besser aushalten können und vielleicht ein paar Tage länger leben. Dabei arbeiten wir zusammen mit Psychologen, Physiotherapeuten, Sozialarbeitern und Seelsorgern, auch die Angehörigen werden von uns betreut.

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Als C. auf die Station kam, war er 34 Jahre alt. Etwa so alt wie ich jetzt. Ich nenne ihn C., weil seine Familie nicht möchte, dass man ihn hier erkennt. Eineinhalb Jahre zuvor hatte man Bauchspeicheldrüsenkrebs bei ihm diagnostiziert, eine sehr aggressive Krebsart. Trotz drei Chemotherapien hatte der Krebs sich immer weiter ausgebreitet. Sein Magen-Darm-Trakt war in einem katastrophalen Zustand, er konnte sich nicht mehr selbst ernähren. Die Lungen waren von Metastasen befallen. Er hatte starke Schmerzen, bekam oft keine Luft mehr und musste immer wieder erbrechen. Auf unserer Station sollte er so weit zu Kräften kommen, dass wir ihn nach Hause entlassen oder sogar die Chemotherapie fortsetzen könnten.

Aber wir konnten schon am ersten Tag sehen, dass er für eine weitere Chemotherapie zu schwach war. Ich fand es schlimm, seinen Eltern zu sagen, wie es um ihn stand und dass die Therapie erst mal nicht mehr infrage kam. Sie waren ja gerade erst mit der Hoffnung zu uns gekommen, dass wir helfen könnten. C. war schnell einverstanden damit, dass wir die Chemotherapie abbrechen. Er hatte schon vorher einige Medikamente und eine Magensonde abgelehnt. Normalerweise kenne ich das eher von älteren Patienten: Wenn sie sich mit dem Tod auseinandergesetzt haben, wollen sie bestimmte Therapien nicht mehr bekommen. Sie wollen, dass es schneller vorbei ist. C. wollte aber vor allem nicht daran erinnert werden, dass er ernsthaft krank war, und ein Schlauch mehr in seinem Körper hätte genau das gemacht: ihn erinnert. Ich überzeugte ihn davon, dass ein paar Medikamente nötig waren, damit er sich von den Schmerzen und dem ständigen Erbrechen erholen konnte. Aber ansonsten machte er dicht.

ZEIT Campus 3/13
Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.  |  © ZEIT CAMPUS

Ich weiß nicht, was ich tun würde, wenn jemand aus meiner Familie so schwer krank wäre. Vor einigen Jahren hatte meine Mutter Darmkrebs. Die Diagnose war schlimm für uns. Meine vier Geschwister, mein Vater und ich waren hilflos. Keiner wusste, wie er damit umgehen sollte. Jeder von uns hat geglaubt, er allein müsse die Familie retten, alte Konflikte kamen wieder hoch. Meine Mutter hat die Krankheit überlebt. Damals habe ich mich für ein Medizinstudium entschieden.

C. war insgesamt sechs Tage bei uns auf der Station. Wir bekamen die Infektionen trotz unterschiedlicher Antibiotikatherapien nicht mehr in den Griff. C. wollte nach Hause. In den ersten zwei oder drei Tagen habe ich gehofft, dass das noch möglich sein würde. Wir hatten schon ein spezielles Bett und Pumpen für die Schmerzmittel bestellt, um eine Pflege zu Hause zu ermöglichen. Sein Zustand verschlechterte sich aber so schnell, dass wir ihn nicht gehen lassen konnten. C. hat so gewirkt, als würde er das alles nicht an sich heranlassen. Sogar als ich ihm gesagt habe, dass er wahrscheinlich nur noch kurz leben werde, hat er abgeblockt. Er wollte nicht über das Sterben reden und sich erst recht nicht die Angst vor dem Sterben anmerken lassen. Er hat es gehasst, von irgendetwas abhängig zu sein, wollte möglichst nicht die Kontrolle über sich selbst verlieren. Die Fürsorge seiner Familie war ihm manchmal zu viel. Und er wollte auch nicht, dass sein Freund oder jemand anderes aus seiner Familie bei ihm im Zimmer übernachtet. Als die Schmerzmittel wirkten und ein Psychologe mit ihm gesprochen hatte, öffnete er sich aber. An seinem letzten Tag waren alle bei ihm. Ich bin mir sicher, dass C. das gut fand.

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Leserkommentare
  1. Unterlassen die Ärzte einer Palliativstation alles, wodurch das erwiesenermaßen stets sozial verfasste Wesen des Einzelnen auf deshalb noch nie ermöglichte Weise in Abrede gestellt wird, ist bereits die Hilfe gewährleistet, auf die jeder Mensch notwendig angewiesen ist. Sich also nicht im Mindesten mit den Dingen der sozialen Welt vertraut gemacht zu haben, handelt nicht allein äußerst unwissenschaftlich, sondern gibt schierer Stümperei den Vorzug mit der Folge, gleich welche Patienten verboten eigenmächtig zu töten.

  2. ihren Beitrag auch bitte so formulieren das man ihn verstehen kann?

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    1. Die Ärzte sollen alles unterlassen, was das soziale Person sein der Patienten untergräbt.
    2. Wer sich als Arzt nicht mit den sozialen Voraussetzungen dieses Person seins vertraut gemacht hat, stümpert.

    So besser "Gummistiefel"?

  3. Vor Menschen wie Herrn Storek habe ich den allergrößten Respekt und möchte mich auf diesem Wege bei all denen bedanken, die wie er in den letzten Tagen und Stunden Beistand leisten.

    4 Leserempfehlungen
  4. 1. Die Ärzte sollen alles unterlassen, was das soziale Person sein der Patienten untergräbt.
    2. Wer sich als Arzt nicht mit den sozialen Voraussetzungen dieses Person seins vertraut gemacht hat, stümpert.

    So besser "Gummistiefel"?

    Antwort auf "Können sie"
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    jetzt nicht weniger kauderwelschig, ehrlich gesagt.

    Vielleicht ist dem Laien einfach unklar, was Sie mit "Person sein" meinen.

    Allerdings würde ich eh sagen, dass man als Laie solche Aussagen wie "Ärzte sollen" oder "Ärzte sollen nicht" eher vorsichtig tätigen sollte.

  5. Da kann womöglich der ein oder andere Arzt selbst eine psychologische Betreuung brauchen...bei so einem Alltag.

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    Und was ist mit den Psychologen? Die brauchen doch auch Betreuung... nee im Ernst, um die Supervision ist es nicht gerade gut bestellt in unseren Kliniken, auch außerhalb von Palliativstationen.

  6. Mir selbst wurde bei einer Zweitbegutachtung des Nationalen Tumorzentrums in Heidelberg vor zwei Wochen mitgeteilt, noch eine voraussichtliche Lebenszeit von 6- 8 Monaten zu haben. Der Hals breitflächig verkrebst, inoperabel. Eine Bestrahlung und Chemotherapie wird von mir abgelehnt weil der Verlust an Lebensqualität zu groß wäre. Einige Ärzte schienen entsetzt, eine Ärztin stand mir an der Seite und das rechne ich ihr hoch an. Ich habe von Jugend an mein Leben sehr selbstbestimmt gelebt, viel von der Welt gesehen, interessante Menschen kennengelernt und es mir stets gut schmecken lassen. Mir darf keiner erzählen das auf mich jetzt noch die große Erlebniswelt wartet. Leider muss ich mir gelegentlich Cannabis illegal kaufen um die Schmerzmittel reduziert zu halten und den Appetit aufrecht zu halten. Da sehe ich Handlungsbedarf, Cannabis kann ich sehr empfehlen und ich bestehe darauf, es zu nehmen. Es ist wie ein letzter Kuss der Natur.

    6 Leserempfehlungen
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    Nehmen und machen Sie ruhig alles, was die Schmerzen erträglich macht.

    Sie scheint auch dann noch zu wirken wenn die Schulmedizin bereits die Flinte ins Korn geworfen haben. Es scheint absurd... aber tausendmal besser als Bestrahung und Chemotherapie.

    Schauen Sie sich doch bitte diese Dokumentarfilme (vollständig und umsonst) an:

    http://www.youtube.com/mo...

    http://www.youtube.com/mo...

    http://www.youtube.com/mo...

    Wenn Sie "Gerson" im Suchfeld von Youtube eingeben, finden Sie sehr viel. Sie können zum Beispiel Charlotte Gerson, die Tochter der (deutschen, nach USA emigrierten) Mediziners sehen, die sehr eloquent die Gerson Therapie vorstellt. Zum Beispiel hier:
    http://www.youtube.com/wa...

    Auch Canabis als solches scheint bei der Behandlung von Krebs zu helfen - nicht zur Schmerzlinderung, sondern zur Behandlung der eigentlichen Tumore. Ich kenne mich nicht im Detail damit aus, aber lesen Sie sich mal hier ein:
    http://norml-uk.org/2012/...

    Ich wünsche Ihren viel Glück!

    Gruss aus San Francisco

    Thomas_SF

  7. Nehmen und machen Sie ruhig alles, was die Schmerzen erträglich macht.

    3 Leserempfehlungen
  8. nur wird er in weiten teilen der bevölkerung ignoriert oder sogar verdrängt. es zum leidwesen so mancher sterbender, was ich schon öfters im beruflichen altag erleben musste. zb werden sterbenden infusionen und sondennahrung "angehängt" denn man möchte seine mutter respektive vater ja nicht verhungern und verdursten lassen. aber die wenigsten wissen das zum sterbeprozes gehört das hunger und durst nachlassen. und zusätzliche flüssigkeit und nährstoffe nur leiden verursacht bzw das leiden verlängert. oder das eine zierliche frau 3 mal reanimiert und ihr dabei sämtliche rippen gebrochen wurden bis sie endlich sterben durfte, nur weil sie keine verfügung geschrieben hatte ist in meinen augen unwürdig dem sterbenden gegenüber.

    daher rate ich jedem zu einer patientenverfügung und diese regelmäßig erneuern zu lassen. den nicht nur das leben sollte in würde gefürt werden sondern wir sollten auch alle die möglichkeit haben in würde sterben zu dürfen, doch haben viele nicht mehr die macht selbst darüber zu entscheiden, weil sie zu dement zu krank oder sonstwie zu eingeschränkt sind um ihren willen zu äußern.

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  • Serie Das erste Mal
  • Schlagworte Sterben | Heilung | Krankheit | Pflege | Konflikt | Therapie
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