Als C. anfing zu bluten, war es klar. Ich habe ihm in die Augen geschaut und gesehen, dass er es wusste: Bald stirbt er. Wir gaben ihm Morphium, damit er die Schmerzen besser aushielt. Er wurde etwas ruhiger, aber die Angst blieb. Ein paar Stunden später starb er. Seine Familie war dabei.

Ende der Fahnenstange. Das ist das Erste, was die Patienten denken, wenn sie auf eine Palliativstation kommen: Sterbestation, Schmerzstation, Abschiebestation. Was stimmt: Hier, auf der Palliativstation der Berliner Charité, geht es nicht mehr um Heilung. Zu uns kommen Patienten im fortgeschrittenen Stadium ihrer Krankheit, viele von ihnen haben Krebs. Die Aufgabe von meinen Kollegen und mir ist es, ihre Symptome zu mildern und ihre Schmerzen zu lindern, so gut es geht. Sie sollen ihre letzte Zeit dadurch besser aushalten können und vielleicht ein paar Tage länger leben. Dabei arbeiten wir zusammen mit Psychologen, Physiotherapeuten, Sozialarbeitern und Seelsorgern, auch die Angehörigen werden von uns betreut.

Als C. auf die Station kam, war er 34 Jahre alt. Etwa so alt wie ich jetzt. Ich nenne ihn C., weil seine Familie nicht möchte, dass man ihn hier erkennt. Eineinhalb Jahre zuvor hatte man Bauchspeicheldrüsenkrebs bei ihm diagnostiziert, eine sehr aggressive Krebsart. Trotz drei Chemotherapien hatte der Krebs sich immer weiter ausgebreitet. Sein Magen-Darm-Trakt war in einem katastrophalen Zustand, er konnte sich nicht mehr selbst ernähren. Die Lungen waren von Metastasen befallen. Er hatte starke Schmerzen, bekam oft keine Luft mehr und musste immer wieder erbrechen. Auf unserer Station sollte er so weit zu Kräften kommen, dass wir ihn nach Hause entlassen oder sogar die Chemotherapie fortsetzen könnten.

Aber wir konnten schon am ersten Tag sehen, dass er für eine weitere Chemotherapie zu schwach war. Ich fand es schlimm, seinen Eltern zu sagen, wie es um ihn stand und dass die Therapie erst mal nicht mehr infrage kam. Sie waren ja gerade erst mit der Hoffnung zu uns gekommen, dass wir helfen könnten. C. war schnell einverstanden damit, dass wir die Chemotherapie abbrechen. Er hatte schon vorher einige Medikamente und eine Magensonde abgelehnt. Normalerweise kenne ich das eher von älteren Patienten: Wenn sie sich mit dem Tod auseinandergesetzt haben, wollen sie bestimmte Therapien nicht mehr bekommen. Sie wollen, dass es schneller vorbei ist. C. wollte aber vor allem nicht daran erinnert werden, dass er ernsthaft krank war, und ein Schlauch mehr in seinem Körper hätte genau das gemacht: ihn erinnert. Ich überzeugte ihn davon, dass ein paar Medikamente nötig waren, damit er sich von den Schmerzen und dem ständigen Erbrechen erholen konnte. Aber ansonsten machte er dicht.

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen. © ZEIT CAMPUS

Ich weiß nicht, was ich tun würde, wenn jemand aus meiner Familie so schwer krank wäre. Vor einigen Jahren hatte meine Mutter Darmkrebs. Die Diagnose war schlimm für uns. Meine vier Geschwister, mein Vater und ich waren hilflos. Keiner wusste, wie er damit umgehen sollte. Jeder von uns hat geglaubt, er allein müsse die Familie retten, alte Konflikte kamen wieder hoch. Meine Mutter hat die Krankheit überlebt. Damals habe ich mich für ein Medizinstudium entschieden.

C. war insgesamt sechs Tage bei uns auf der Station. Wir bekamen die Infektionen trotz unterschiedlicher Antibiotikatherapien nicht mehr in den Griff. C. wollte nach Hause. In den ersten zwei oder drei Tagen habe ich gehofft, dass das noch möglich sein würde. Wir hatten schon ein spezielles Bett und Pumpen für die Schmerzmittel bestellt, um eine Pflege zu Hause zu ermöglichen. Sein Zustand verschlechterte sich aber so schnell, dass wir ihn nicht gehen lassen konnten. C. hat so gewirkt, als würde er das alles nicht an sich heranlassen. Sogar als ich ihm gesagt habe, dass er wahrscheinlich nur noch kurz leben werde, hat er abgeblockt. Er wollte nicht über das Sterben reden und sich erst recht nicht die Angst vor dem Sterben anmerken lassen. Er hat es gehasst, von irgendetwas abhängig zu sein, wollte möglichst nicht die Kontrolle über sich selbst verlieren. Die Fürsorge seiner Familie war ihm manchmal zu viel. Und er wollte auch nicht, dass sein Freund oder jemand anderes aus seiner Familie bei ihm im Zimmer übernachtet. Als die Schmerzmittel wirkten und ein Psychologe mit ihm gesprochen hatte, öffnete er sich aber. An seinem letzten Tag waren alle bei ihm. Ich bin mir sicher, dass C. das gut fand.