LebenslaufBin das wirklich ich?

Der Druck, einen perfekten Lebenslauf zu schreiben, ist groß. Warum man sich dennoch nicht verrückt machen sollte. von 

Den Rücken gerade. Das Kinn höher. Die Zähne zeigen – aber bitte freundlich! Wer sich bewirbt, kennt das: Schon beim Fotografen muss man sich fremden Erwartungen anpassen. Das Foto soll den zukünftigen Chef davon überzeugen, dass man ein interessanter Kandidat ist. Es soll perfekt sein. Also lächelt man, bis die Mimik versteinert. Und fühlt sich, als hätte man sich eine Maske über das Gesicht gestülpt.

So ähnlich ist es mit dem Dokument, auf dem das Foto klebt: der Lebenslauf, mit dem Persönlichkeiten vergleichbar gemacht werden sollen. Ein guter Abschluss, Auslandssemester, Praktika, Ehrenamt – das ist die Liste der Stationen, die zu einem optimalen Werdegang gehören. Was als optimal gilt, bestimmen die Personalchefs, die neue Stellen besetzen, die Unis, die Masterplätze vergeben, die Stiftungen, die Stipendien ausschreiben.

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Wer diesem Druck gerecht werden will, muss sein Leben nach dem Lebenslauf ausrichten: ein Praktikum machen, weil das noch fehlt. Eine Sprache lernen, weil das auf dem Papier gut aussieht. Aus "Ich mache das für mich" wird "Ich mache das für den Lebenslauf". Aber: Gibt es den perfekten Lebenslauf überhaupt? Woher kommt der Druck, dem sich viele Bewerber ausgesetzt fühlen? Und wie kann man ihm entgehen? Um das zu verstehen, haben wir uns auf eine kleine Reise gemacht. Wir haben Menschen getroffen, die sich auskennen mit Lebensläufen. Julia Rohleder zum Beispiel.

Erste Station: Die Firma

Julia Rohleder hat den Händedruck einer Personalchefin: schön fest. Bloß kommt sie immer seltener dazu, den anzuwenden. "Inzwischen machen wir viele Bewerbungsgespräche per Skype", sagt Rohleder. Seit acht Jahren arbeitet die 31-Jährige beim Versandhaus Otto, wo sie unter anderem für die Auswahl von jungen Führungskräften zuständig ist. Mehr als 4200 Mitarbeiter sind hier angestellt, ständig kommen neue Bewerbungen. Trotzdem ist der Schreibtisch von Julia Rohleder leer: ein Monitor. Eine Tastatur. Eine Lampe, von der ein silberfarbenes Herz baumelt und im Licht der Leuchtstoffröhren schimmert. Wo sind die Postfächer, in denen sich die Bewerbungsmappen stapeln? "Die gibt’s nicht", sagt Julia Rohleder, "der gedruckte Lebenslauf stirbt langsam aus." Otto hat komplett auf digitale Bewerbungen umgestellt – wie die meisten Großunternehmen.

Es gibt Firmen, die wollen gar keinen Lebenslauf mehr sehen, weil alle Angaben in Onlinemasken eingetippt werden. In diese Masken muss jedes Leben passen. Wenn man in einem Menü beim Stichwort "Auslandserfahrung" sein Häkchen nur bei "weniger als 6 Monate" setzen kann oder aus einer Liste mit 20 Computerprogrammen diejenigen auswählen soll, die man beherrscht, hat man schnell den Verdacht, dass es andere gibt, die besser abschneiden. Und dass es nicht um Menschen, sondern um die maximale – und maximal unpersönliche – Vergleichbarkeit von Daten geht. "Das hätte mich als Bewerberin abgeschreckt", sagt Julia Rohleder, "schließlich macht man sich doch die Mühe, den Lebenslauf schön zu gestalten, um etwas von sich mitzuteilen." Bei Otto gibt es deshalb ein gemischtes Verfahren: In Masken trägt man seine Daten ein, Name, Geburtsdatum, Gehaltsvorstellungen. Dann lädt man einen klassischen Lebenslauf hoch, als PDF oder als Word-Datei. Nur Papierbewerbungen fasst Julia Rohleder nicht mehr an. Wer sich postalisch bewirbt, dessen Mappe wird eingescannt und das Original zurückgeschickt, bevor die Personalabteilung die Bewerbung bearbeitet.

ZEIT Campus 3/13
Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.  |  © ZEIT CAMPUS

Bei Rohleder kommen die Daten an, über eine Software, die aussieht wie das Computerspiel Minesweeper auf Windows 95: graue Flächen, scharfe Kanten, viel zu klicken. Auf den ersten Blick sieht sie die persönlichen Daten, mit einem Doppelklick öffnet sich der Lebenslauf. Rohleder sichtet die Bewerbungen, trifft eine Vorauswahl und gibt sie weiter an ihre Kollegen. Früher musste die Mappe mit der Hauspost verschickt werden und lag auf einem Schreibtisch, bis sie weitergeschickt wurde und auf einem anderen Schreibtisch landete. Heute genügt ein Klick, und die Bewerbung erreicht alle, die zuständig sind. Gibt es den perfekten Lebenslauf? "Ich liebe Lebensläufe, die nur eine Seite lang sind", sagt Julia Rohleder. "Ein Lebenslauf kann immer nur ein Teaser sein, der das Interesse wecken soll, einen Menschen kennenzulernen."

An jedem Lebenslauf, der bei Julia Rohleder ankommt, haben sie und ihre Kollegen ein bisschen mitgeschrieben: indem sie in Stellenanzeigen Ansprüche an ihre Bewerber formuliert haben. Doch nicht nur Unternehmen schreiben mit, indem sie die Erwartungen erhöhen. Am perfekten Lebenslauf feilen viele Menschen schon lange bevor sie sich zum ersten Mal auf einen Arbeitsplatz bewerben. Sie durchsuchen dafür den Stellenmarkt, sie schauen, was andere schreiben. Und sie lesen Ratgeber wie Das Hesse/Schrader Bewerbungshandbuch.

Leserkommentare
    • Nimzo
    • 05. Juli 2013 8:38 Uhr

    [ Einen "lückenlosen Lebenslauf"? Wie albern! "Ihr Leben wird schon ohne Lücken verlaufen sein", sagt Hesse, ]

    Hier ist der Punkt:

    Coaches, Buchautoren usw. profitieren vom mystischen Glauben, dass eine bessere Bewerbung im Arbeitsmarkt die Chancen (immer weiter) erhöht.

    Ein Tabu scheint in der Branche (und Medien !!) zu sein, einfach die Wichtigkeit des Vitamin B zuzugeben.

    Auch wer z.B. im Fach Controlling als Jahrgangsbester mit Topnoten und Regelstudienzeit sich auf eine gewünschte Stelle bewirbt, benötigt nicht selten Vitamin B.

    Jetzt stelle man sich z.B. die Masse an Bewerbern mit Studienschwerpunkt Marketing und Personal (überbelegt) vor...

    Ein Personaler muss aus seiner Perspektive nicht unbedingt den Besten finden. Nur einen potentiell geeigneten, dessen Empfehlung er (auch später) nachvollziehbar begünden kann.

    D.h.: Eine Masse an fachlich qualifizierten. => Vitamin B, Bauchgefühl nach subjektiven Kriterien.

    Man stelle sich mal folgendes vor:

    Wir Leser müssten als Personaler x in der Firma y einen Bedarf decken. Für die Stelle einer Vertriebsassistentin erhalten wir 20 bewerbende Akademiker mit der Note 2 und Regelstudienzeit, Praktikum und geradem Lebenslauf.

    Wieso soll man das (eigene) Risiko eingehen, ein "Genie" mit ungeradem Lebenslauf aufzuspüren. Bei den vielen Topkandidaten, falls da nicht schon Mr. Vitamin B ausgesucht wird, kann man genauso gut würfeln oder nach dem Bauch entscheiden.

    Tausende Bücher, Coaches, Lehrgänge. Artikel. *Augenroll*

    5 Leserempfehlungen
  1. Ich dachte wir haben Fachkräftemangel. Wieso also noch Wert auf die Form von Lebensläufen legen. Die Firmen sollten doch froh sein über jeden, den sie kriegen können und deshalb nicht so sehr auf die äußerer Verpackung schauen, sondern eher mal was Mensch tatsächlich zu bieten hat. Blender gibts schließlich genug!

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    .... ob im Anschreiben oder im Lebenslauf. Fachkräftemangel ist erstens nur ein Gerücht und zweitens bedeutet das nicht, dass man einfach überall "Mühelos" angestellt wird.
    Ich hatte Lebensläufe die an Klopapier erinnerten oder einen Geruch aus einer Raucherlounge verströmten! Wenn man dauernd Bewerbungen liest, erkennt man auf Anhieb abgeschriebene oder standardisierte Texte. Worte aus der Ausschreibung wiederholen .... Eigenschaften die passen könnten einbringen .... Bücher Internet macht es möglich. Als ich selber gesucht habe, wurde mir deutlich, wie schwierig Formulierung und Selbstdarstellung sein kann.
    Helfen tut nur eines! Bei sich bleiben. Man unterscheidet sich von anderen durch seine Persönlichkeit. Die sollte zum tragen kommen! Gibt ein gutes Gefühl und Sicherheit - auch später beim Bewerbungsgespräch.
    Abschreiben kann jeder!

    und Fachkräftemangel. Die Form einer Bewerbung sollte schon ordentlich sein, was mich stört ist das Bewerbungsfoto. Ich habe von Fällen gehört, in denen hochqualifizierte Personen aufgrund eines fehlenden Bewerbungsfotos nicht berücksichtigt wurden.

    Solange das Foto wichtiger als die Qualifikation ist, gibt es in Deutschland keinen Mangel an Fachkräften.

  2. und aufgeblähten Recruitierungsapparaten.

    Wer ehrlich ist wird zugeben müssen, dass "moderne" Procedere; angefangen von der kreativen schriftlichen Bewerbung, über AC, Coaching, Telefoninterviews, und persönlichen Gespräch; zu keinen qualitativen Verbesserungen geführt haben. .Im Gegentei, die Fluktuationsraten steigen und damit die den Recruitern anzulastenden Fehlleistungskosten.

    5 Leserempfehlungen
  3. Der Autor schließt mit der Feststellung "Wer sein Leben danach ausrichtet, den perfekten Lebenslauf zu haben, der schadet womöglich sich selbst. Weil er nicht tut, worauf er am meisten Lust hat. Und weil er am Ende unter all den perfekt genormten Bewerbern nicht mal mehr auffällt."

    und hält sich damit auch nur an den Äußerlichkeiten auf, die in den letzten zwanzig Jahren so wichtig wurden. Nicht nur die Lust und Auffallen sind wichtig. Das Wichtigste für das Berufsleben fehlt.

    Mit dem Leben für den Lebenslauf geht einher, dass man Ansprüche aufgibt, den an sich selbst hohe Leistung zu vollbringen und den an (potenzielle) Arbeitgeber, den Raum dafür zu bieten. All die Berater, Ratgeberautoren und Personalchefs müssten nur mal in einschlägige Zeitschriften der 1970er Jahre sehen. Da steht das alles schon. Neue Forschung und Ratgeber sind überhaupt nicht notwendig.

    Um Ergebnisse für Unternehmen und Zufriedenheit der Mitarbeter zu optmieren müsste man einfach 'mal nur das leben, was schon einmal Konsens in unserer Gesellschaft war.

    3 Leserempfehlungen
    • Salera
    • 05. Juli 2013 10:49 Uhr

    "Ein Lebenslauf kann immer nur ein Teaser sein..."

    Ein was? Meine Güte...

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    "Teaser" bedeutet Vorschau. Steht auch im Duden :). Weischt?

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