ProfessorenkolumneWie die Uni das freie Denken verhindert

Die Uni sollte ein Ort der Ideen sein, findet unser Kolumnist Fritz Breithaupt. Doch meist werden Freidenker klein gehalten. Studenten hilft da nur ein Dickkopf. von Fritz Breithaupt

Professoren sehen sich gern als Querdenker – leider selten zu Recht. Käme ein Student mit einer mutigen Arbeit über den Ursprung des Erzählvermögens zu mir, würde ich ihn dann für seine kreativen Anwandlungen loben? Vermutlich nicht. Denn mit einer ähnlich steilen These habe ich mich in meinem letzten Buch selbst in die Nesseln gesetzt. Der Herr Professor reicht also lieber die Kritik, die er bekommen hat, wie ein Blitzableiter an seine Studenten weiter.

Die Uni sollte ein Ort der Ideen sein. Ein Ort, wo große Thesen erprobt und alternative Welten erdacht werden. Doch tatsächlich ist die Uni oft ein Strafsystem, das Freidenker klein hält.

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ZEIT Campus 3/13
Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.  |  © ZEIT CAMPUS

Wer Ideen entwickelt, bekommt schnell eine Abmahnung: Man weist ihn auf fehlende Daten oder Erklärungslücken hin. Das führt zu hämischem Kopfnicken der Bewacher des Status quo. Auf Nummer sicher geht, wer eine winzige Forschungslücke beackert und dabei auf große Ideen verzichtet. Und wer sich selbst etwas verbieten muss, der straft dies bei anderen bekanntlich besonders eifrig.

Was also hilft Studenten? Das Modell Dickkopf: Immun werden gegen Lob und Tadel. Oder das Modell Mitläufer: Kritik selbst gekonnt weiterreichen. Vielleicht leiten Sie ja eine Pfadfindergruppe...

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Leserkommentare
  1. wenn ein Großteil meiner Studierenden überhaupt mitdenken würde, anstatt sich nur berieseln zu lassen. Häufig interessiert eher "was man für die Prüfung/Klausur" "wissen" müsse. Auch das Interesse an Diskussionen zu inhaltlichen Fragen ist z.T. erschreckend gering.

    Allerdings gibt es auch immer mal wieder ein paar sehr interessierte Studierende, mit denen man sich dann auch angeregt austauschen kann. Das entschädigt dann für so manches.

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    immer meckern über die doofen Studenten...

    hier mal ein Beispiel für einen Dozenten mit einem "Gehirn wie ein Schweineschwanz! Anderthalb Windungen - dann ist es aus!"

    „Ich habe die Idee zu einem sozialen Netzwerk für Wissenschaftler meinem Professor in Hannover vorgestellt, weil ich halbtags daran arbeiten wollte“, erzählt Madisch. Doch der deutsche Professor habe das als „Firlefanz“ abgetan. „

    Dann ist der "Firlefanzer" in die USA gegangen...

    Bill Gates investiert in Berliner Start-up
    Aus Firlefanz wird Research-Gates
    http://www.tagesspiegel.d...

    Sie wären froh... "wenn ein Großteil meiner Studierenden überhaupt mitdenken würde, anstatt sich nur berieseln zu lassen"

    dann verzichten Sie doch einfach mal darauf mit ihrem Laptop und Powerpoint per Klick an die Wand gebeamte Texte zusätzlich akustisch runterzuleiern, welche man sich später sowieso ausdrucken kann...

    • Kauri
    • 06. Juni 2013 13:15 Uhr

    Es wird nur noch für die Klausuren auswendig gelernt. " Ist der Stoff klausurrelevant?" ist die am häufigsten gestellte Frage in Vorlesungen. Studierende merken natürlich auch, dass die akademische Konkurrenz mit der Zahl der Studierenden größer wird. Da wird alles getan um einen stromlinienförmigen Lebens- und Studienverlauf hin zu bekommen.
    Prof. und Dozenten , die einen gewissen Anspruch stellen, werden abgewählt oder in den Netzwerken / dubiosen Berurteilungssystemen nach unten geratet.
    Als nebenamtlicher Dozent, der sein Brot in der Wirtschaft verdient, macht einem das nichts. Dann quittiert man den Job, so schade es auch um die 30% der wirklich Interessierten ist. Es ist heute vieles wichtiger, als studieren: Party, Smartphone, Netzwerke....
    O.K. Die bekommen alle irgendwie ihren Bachelor, weil es weniger Bergründungsaufwand ist jemandem noch gerade eine "vier" zu geben, als eine "5" .
    Dann wird in den Klausureinsichtsterminen noch um die Note "gehandelt" , wie auf dem Basar. So etwas geht aus Sicht von Dozenten sicherheitshalber nicht mehr ohne Zeugen!
    Die Anzahl der Studenten, die noch "richtig" studieren, ist mit der Vermassung der Uni/FH sehr gering geworden. Am besten sind in der Regel die, die eine praktische Ausbildung vor dem Studium absolviert haben. Die wissen worum es geht und haben auf dem Arbeitsmarkt die besseren Chancen ohne den Praxisschock erfahren zu müssen!
    So ist das, wenn man jeden "mitnehmen" soll....

    • F.K.
    • 06. Juni 2013 15:26 Uhr

    Ich habe mal bei einer Evaluierung (natürlich von mir, nicht etwa den Studenten) zu lesen bekommen "Ich erwarte von Herrn ... eine prüfungsorientierte Vorlesung" (es geht um Mathe). Und das Argument von @4 ist auch ein gerne Genutztes: Es werden nur die Folien runtergerasselt. Ich habe aber auch schon die Kritik bekommen, dass Folien und Script nicht den gleichen Inhalt hätten und der/diejenige deshalb sich noch extra ein Buch besorge musste. Dass ich nicht lache. Würde ich was anderes erzählen als das, was auf Folien steht, würde ich genau so eine Klatsche bekommen. Wenn ich böswillig wäre und 70% rausprüfen wollte, ließe ich solche Trivialitäten machen wie von ln(ax+b) die Umkehrfunktion bilden oder im rechtwinkligen Dreieck, in dem die beiden Katheten gegeben sind, den Sinus von einem der beiden stumpfen Winkel ausrechnen. Lustig ist, dass die guten Studenten sich nicht beschweren, sondern tatsächlich mit dem Erlernten kreativ umgehen. Was ist denn das "Freie Denken". Mal beiseite lassen, dass 1+1=2 ist? Aufgabe der Uni ist es zunächst einmal, Basis-Wissen in einem Fachgebiet zu vermitteln. Wer das nicht braucht, der kann die Millionen doch gerne in einem Start-up scheffeln. Solch einen Fall kenne ich übrigens aus meinem persönlichen Umfeld in der Software-Branche. Nur hat der Mann sein Geld nicht mit Freidenken verdient, sondern mit Wissen, dass er sich zunächst einmal zäh erarbeiten hat, und zwar neben dem Studium her.

    ...wenns mit den Studenten nicht so läuft in der Stunde: Zu 95% liegts am Lehrenden. Man muss schon gut vorher überlegen, wie man den Studenten die "Karotte" des Themas hinhalten muss, damit sie interessiert reagieren. Prüfung hin oder her. Der "Schüler" ist eigentlich nie Schuld.

    • wauz
    • 07. Juni 2013 16:47 Uhr

    Wer studiert, sollte abschließen wollen. Das heißt: Scheine machen, Punkte sammeln. Daher ist es ökonomisch richtig, nur so viel Wissen anzusammeln, wie zum Erwerb des Testats benötigt. Und mehr als Wissen ist nicht gefragt, da nicht prüfbar. Wie will man bloß eine "kreative Idee" bewerten?
    Wer sich bilden will, wird zum ewigen Studenten. Und alsbald entweder rausgeprüft oder weggeekelt. Zwangsexmatrikulation wegen Studienzeitüberschreitung kommt auch bald.
    Die Idee von der Universität ist überholt. Wir brauchen Berufsbildungsinstitute, Lehrerseminare, Polizei- und Militärakademien, Ingenieursschulen.
    Bildung kann man sich im Internet holen.
    Denken können wir sowieso sein lassen, das ist in Deutschland nicht gefragt.

    • Thurse
    • 06. Juni 2013 11:52 Uhr

    Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Das freie und kritische Denken als solches habe ich nicht an der Uni kennen gelernt.
    mfg
    Thurse

    Eine Leserempfehlung
  2. immer meckern über die doofen Studenten...

    hier mal ein Beispiel für einen Dozenten mit einem "Gehirn wie ein Schweineschwanz! Anderthalb Windungen - dann ist es aus!"

    „Ich habe die Idee zu einem sozialen Netzwerk für Wissenschaftler meinem Professor in Hannover vorgestellt, weil ich halbtags daran arbeiten wollte“, erzählt Madisch. Doch der deutsche Professor habe das als „Firlefanz“ abgetan. „

    Dann ist der "Firlefanzer" in die USA gegangen...

    Bill Gates investiert in Berliner Start-up
    Aus Firlefanz wird Research-Gates
    http://www.tagesspiegel.d...

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  3. Sie wären froh... "wenn ein Großteil meiner Studierenden überhaupt mitdenken würde, anstatt sich nur berieseln zu lassen"

    dann verzichten Sie doch einfach mal darauf mit ihrem Laptop und Powerpoint per Klick an die Wand gebeamte Texte zusätzlich akustisch runterzuleiern, welche man sich später sowieso ausdrucken kann...

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  4. Im Zuge des Übergangs vom Studium in den Beruf sehen sich Examinierte allzu oft dem Vorwurf ausgesetzt, bislang noch nichts geleistet zu haben und daher erst noch zeigen zu müssen, tatsächlich einen Beitrag für die Wissenschaften erbringen zu können. Finden solche erwiesenermaßen fernab aller Wirklichkeit gemachten Vorhaltungen kein Ende, ist die Arbeitskraft selbst noch der auf ihrem Gebiet begabtesten Forscher innerhalb kürzester Zeit zerschlissen. Zwar verabschieden zunehmend mehr Universitäten Grundordnungen, die besagtes Fehlverhalten bereits im Vorfeld explizit ausschließen sollen. Dessen ungeachtet betreiben nicht wenige Hochschulangehörige die dadurch in Rede stehende Sabotage; allerdings um den Preis, von vornherein auch in Zukunft lediglich zu unaufgeklärtem Handeln imstande zu sein, weil die längst gesicherten Erkenntnisstände auf diese höchst verbotswidrige Weise preisgegeben sind.

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    Es ist ja kein "Vorwurf" an die Jungakademiker "bislang noch nichts geleistet zu haben und daher erst noch zeigen zu müssen", sondern meistens eine Tatsache. Neue Ideen sind ausserdem bedrohlich und daher im Establishment nicht immer gerne gesehen, aber nur so kommt die Forschung weiter.

    Als Doktorand hatte ich Ergebnisse, die mein Betreuer als Artefakte betrachtete und die wir nie publizierten. Erst Jahre später wurden die bestätigt und in Science und Nature publiziert.

  5. Das ist nämlich nicht nur ein Problem der Universitäten, sondern zieht sich durch das gesamte Leben. Sobald man in seinen Denkformen etwas abweicht geht man die Gefahr ein, ein Außenseiter zu werden und das wollen nunmal nur die wenigsten.

    Mal objektiv seine eigenen Freunde kritisieren, anstatt immer nur blind zu ihnen zu halten? Oh mein Gott! Das darf nicht sein! Und wenn man dann auch noch etablierte Dinge der Gesellschaft öffentlich kritisiert, ist es gleich ganz vorbei.

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  6. Das ist ein bisschen wie ein Jammern, auf dem offenen Meer würde so wenig einen Schatten spenden. Freies Denken und Universität sind für mich eher unversöhnliche Gegensätze. Außer, der Student selbst sorgt für eine eigene Freiheit im Kopf, indem er gerade nicht an den Vorlagen und Beschränkungen seiner Universität festhält.

    Die Universitäten habe ich bereits vor Jahrzehnten als verkrustete Apparate kennen gelernt. Dozenten, die Vorlesungen halten, die es längst in gedruckter Form gibt, weil der mündliche Vortrag, da jedes Jahr der selbe, irgend wann bis ins Detail von Zuhörern aufgezeichnet gewesen war. Fachbereichsleiter, die ihre Ansichten stützen, Widerspruch nicht dulden und gleichzeitig dafür sorgen, dass keine Mitarbeiter hinzu kommen, die anderes vertreten könnten. Prüfungen, die bereits damals Tendenzen zeigten, die zuletzt durch unsägliche "Reformen" nur verstärkt wurden, hin zu einer "Vergleichbarkeit" durch Standardisierung. Und natürlich Fachgebiete, an denen - besonders in den Naturwissenschaften und technischen Ausrichtungen - die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte spurlos vorüber gingen.

    Politisch scheint nichts anderes gewollt. Und ich fürchte, die Zahl jener Freidenker unter den Pöstchenwahrern an den Hochschulern ist ebenfalls zu gering.

  7. Lieber Herr Breithaupt,

    ich hätte mich gefreut, hätten Sie Ihren Gedanken weiter ausgeführt und die Strukturen an unseren Hochsculen mit in den Fokus genommen. Immerhin gehen Sie von einer Professoren - Studierenden Beziehung aus. An vielen Universitäten scheint das bereits zu viel verlangt zu sein.

    Ich wage zu behaupten, dass sich die Antwort auf die Problemstellung die Sie aufmachen trotzdem bereits in Ihrem Text enthalten ist. Durch eine Form der Lehre die gemeinsame Forschung wäre, müssten Sie den Studierenden nicht als Blitzableiter dienen - die Studierenden würden selbst erfahren worum es geht. Es gibt solche Modelle der Lehre, sie werden noch heute praktiziert. Das ist natürlich zeitaufwändiger als Vorlesungen und kurze Besprechungstermine - aber auch verantwortungsvoller.

    Ich selbst studiere an der Universität Witten/Herdecke und finde hier genau das vor: Eine Gemeinschaft aus Lehrenden, Forschenden und Lernenden. Wir Studierende bestimmen unser Curriculum selbst und viele von uns haben den Anspruch sich weit über das eigene "Fachgebiet" hinaus zu bilden. Es gibt auch weitere Einrichtungen, wie z.B. einige liberal Arts Colleges in den Niederlanden, die diesen Weg gehen.

    Mit freundlichen Grüßen,
    Jonathan

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    nichts mehr hinzufügen, außer vielleicht noch neben der UW/H - die ich als Paradebeispiel für eigenes, selbstständiges Denken kenne - die Zeppelin University zu erwähnen.

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