Professorenkolumne : Wie die Uni das freie Denken verhindert

Die Uni sollte ein Ort der Ideen sein, findet unser Kolumnist Fritz Breithaupt. Doch meist werden Freidenker klein gehalten. Studenten hilft da nur ein Dickkopf.

Professoren sehen sich gern als Querdenker – leider selten zu Recht. Käme ein Student mit einer mutigen Arbeit über den Ursprung des Erzählvermögens zu mir, würde ich ihn dann für seine kreativen Anwandlungen loben? Vermutlich nicht. Denn mit einer ähnlich steilen These habe ich mich in meinem letzten Buch selbst in die Nesseln gesetzt. Der Herr Professor reicht also lieber die Kritik, die er bekommen hat, wie ein Blitzableiter an seine Studenten weiter.

Die Uni sollte ein Ort der Ideen sein. Ein Ort, wo große Thesen erprobt und alternative Welten erdacht werden. Doch tatsächlich ist die Uni oft ein Strafsystem, das Freidenker klein hält.

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen. © ZEIT CAMPUS

Wer Ideen entwickelt, bekommt schnell eine Abmahnung: Man weist ihn auf fehlende Daten oder Erklärungslücken hin. Das führt zu hämischem Kopfnicken der Bewacher des Status quo. Auf Nummer sicher geht, wer eine winzige Forschungslücke beackert und dabei auf große Ideen verzichtet. Und wer sich selbst etwas verbieten muss, der straft dies bei anderen bekanntlich besonders eifrig.

Was also hilft Studenten? Das Modell Dickkopf: Immun werden gegen Lob und Tadel. Oder das Modell Mitläufer: Kritik selbst gekonnt weiterreichen. Vielleicht leiten Sie ja eine Pfadfindergruppe...

Anzeige

Forschende Fachhochschulen

Die deutschen Fachhochschulen entwickeln sich von reinen Lehranstalten zu Schmieden der anwendungsbezogenen Forschung - unterstützt von Politik und Wissenschaftsrat.

Mehr erfahren >>

Kommentare

33 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Komische Erfahrungen....

Ich bin allen gegenüber zunächst mal aufgeschlossen! Note und Geld( dürfen) keine Rolle spielen.
Natürlich sind nicht alle Professoren, die Übermenschen, die der Titel vermuten lässt.
Es treibt sich da an den Unis//FH 's auch mancher/ manche herum, die in der freien Wirtschaft nicht die geringste Chance hätten. Das wissen die auch. Das Ergebnis ist oft akademische Überheblichkeit. Die steigt übrigens mit der vermeintlichen Macht und der Ferne vom wirklichen Leben. Also Überheblichkeit aufgrund von Minderwertigkeitskomplexen. In soweit gebe ich Ihnen recht.
Nun zu den berühmten Klausuren: Meinen Sie einem Hochschullehrer macht das Spass?
Man muss sich tagelang zwingen schlechte Handschriften zu dechiffrieren , Rechtschreibfehler zu ignorieren um so einigermaßen objektiv zum eigentlichen Kern vorzudringen. Also: Von mir aus können Klausuren bis zum Examen entfallen. Was glauben Sie , was dann los wäre!
Wenn Sie nun mal zu Vorlesungen gehen, die nicht mit Klausuren belegt sind, ist es doch o.k. Dann zeigen Sie doch Interesse. Schön für den dort Vortragenden.
In meinem Studium ( fast 50 Jahre zurück) besuchte ich auch mal Vorlesungen, bei denen man sich so schön zurücklehnen konnte. Das meiste im Leben lernen Sie sowieso nach dem Studium. Das Studium sollte eigentlich nur mal eine gewisse Zeit Gehirnjogging sein und zeigen, wie man selbst lernt und sich einen Gegenstand erarbeitet.
Ich bin mir bewusst, dass eine Massenuni nicht mehr das " alte" Studium ermöglicht.

Auch Hm...

Das wird insb. dann interessant, wenn von Seiten der Studierenden häufig moniert wird, dass man zu viel "Frontalunterricht" bieten würde, was ja zunächst einmal wichtig ist, um gewisse Grundkenntnisse zu vermitteln. Selbstständiges Arbeiten kann sich dann definitiv später ergeben und ich denke man kann und sollte die Sitzungsgestaltungen auch z.B. durch Diskussionsfragen, Gruppenarbeiten etc. auflockern, nichts desto tortz braucht es eine gewisse Grundlage, um hier vernünftig arbeiten zu können.

Als Klugscheißer oder Nervensäge gilt jemand mEn. nur dann, wenn er/sie kontinuierlich Unsinn redet. Ich habe das bei einem Kommilitonen in meinem Studium damals selbst erlebt, der ständig sein "Wissen" präsentieren musste, aber laufend nur Halbwahrheiten und z.T. Unfug erzählt hat.
Das macht dann eben auch den Unterschied: Fragen zu stellen, diskutieren zu wollen ist etwas anderes als sich als "Experte" zu inszenieren - und das fällt eben sowohl den Profs als auch den Studis auf.

Den Punkt mit der Note kann ich nicht nachvollziehen, weil das voraussetzen würde, dass man die Studierenden und deren Noten allesamt kennt. Letztlich hat man aber jedes Semester so viele neue Gesichter vor sich (mal von ein paar Pilgern abgesehen), dass dieser Punkt mMn. so nicht zutreffen kann. Ein gutes Argument ist ein gutes Argument, ernsthaftes Interesse und durchdachte Rückfragen sind immer gut und für den Kurs bereichernd - egal ob Ersti oder alter Hase.

Mikroökonomische Entscheidungen

Wer studiert, sollte abschließen wollen. Das heißt: Scheine machen, Punkte sammeln. Daher ist es ökonomisch richtig, nur so viel Wissen anzusammeln, wie zum Erwerb des Testats benötigt. Und mehr als Wissen ist nicht gefragt, da nicht prüfbar. Wie will man bloß eine "kreative Idee" bewerten?
Wer sich bilden will, wird zum ewigen Studenten. Und alsbald entweder rausgeprüft oder weggeekelt. Zwangsexmatrikulation wegen Studienzeitüberschreitung kommt auch bald.
Die Idee von der Universität ist überholt. Wir brauchen Berufsbildungsinstitute, Lehrerseminare, Polizei- und Militärakademien, Ingenieursschulen.
Bildung kann man sich im Internet holen.
Denken können wir sowieso sein lassen, das ist in Deutschland nicht gefragt.

Blind um sich greifendes Handeln

Im Zuge des Übergangs vom Studium in den Beruf sehen sich Examinierte allzu oft dem Vorwurf ausgesetzt, bislang noch nichts geleistet zu haben und daher erst noch zeigen zu müssen, tatsächlich einen Beitrag für die Wissenschaften erbringen zu können. Finden solche erwiesenermaßen fernab aller Wirklichkeit gemachten Vorhaltungen kein Ende, ist die Arbeitskraft selbst noch der auf ihrem Gebiet begabtesten Forscher innerhalb kürzester Zeit zerschlissen. Zwar verabschieden zunehmend mehr Universitäten Grundordnungen, die besagtes Fehlverhalten bereits im Vorfeld explizit ausschließen sollen. Dessen ungeachtet betreiben nicht wenige Hochschulangehörige die dadurch in Rede stehende Sabotage; allerdings um den Preis, von vornherein auch in Zukunft lediglich zu unaufgeklärtem Handeln imstande zu sein, weil die längst gesicherten Erkenntnisstände auf diese höchst verbotswidrige Weise preisgegeben sind.

@5 Blind um sich greifendes Handeln

Es ist ja kein "Vorwurf" an die Jungakademiker "bislang noch nichts geleistet zu haben und daher erst noch zeigen zu müssen", sondern meistens eine Tatsache. Neue Ideen sind ausserdem bedrohlich und daher im Establishment nicht immer gerne gesehen, aber nur so kommt die Forschung weiter.

Als Doktorand hatte ich Ergebnisse, die mein Betreuer als Artefakte betrachtete und die wir nie publizierten. Erst Jahre später wurden die bestätigt und in Science und Nature publiziert.