Susan Sontag"Ich will mit vielen Leuten schlafen"

Als Studentin neigt die Intellektuelle zur Selbstzerstörung. Die Mittel ihrer Wahl: Eine Hochzeit und ein Masterstudium von 

Die Sängerin auf der Bühne des Mona’s ist sehr groß, sehr blond und wunderschön. Im Abendkleid und mit nackten Schultern steht sie im Scheinwerferlicht. Und ihre Stimme! So tief und stark, Susan ist beeindruckt. Sie ist zum ersten Mal in dieser Bar bei den Piers von San Francisco, Harriet hat sie mitgenommen, die beiden kennen sich aus der Uni-Bibliothek in Berkeley. Harriet ist 21, Susan erst 16, sie dürfte noch gar nicht hier sein und sich von älteren Frauen zu Drinks einladen lassen. Doch im Mona’s gelten andere Gesetze als in der Welt da draußen. Während Susan noch über die Sängerin staunt, lächelt Harriet und verrät ihr ein Geheimnis: Da vorn auf der Bühne, das ist ein Mann in Frauenkleidern. Kurz darauf beginnt Susan eine Vokabelliste in ihrem Tagebuch. "Gay slang", schreibt sie und darunter: "drag", "be in drag", "a drag party". "Box" bedeutet Muschi, "to have a box" Oralsex. Dann notiert sie einen Satz, den sie vielleicht im Mona’s aufgeschnappt hat: "When you gonna let me have some of that box, honey?"

Es ist das Jahr 1949. Der Zweite Weltkrieg ist vorbei, der Kalte Krieg hat längst begonnen: In Deutschland blockieren sowjetische Soldaten alle Straßen nach Berlin, in Washington wird die Nato gegründet. Susan Sontag beschäftigt das nicht besonders. Später wird sie als Verteidigerin des Friedens und der Meinungsfreiheit weltberühmt. Jetzt zählen andere Dinge: Susan ist neu an der Uni, weg vom Stiefvater und von der Mutter, zu der sie kein gutes Verhältnis hat. Sie liest viel – Goethe, Hesse, Thomas Mann –, geht oft ins Theater und bekommt gute Noten. Und sie ist bisexuell, das weiß sie jetzt. Offiziell gilt Homosexualität als Krankheit, die in der Psychiatrie mit Elektroschocks behandelt wird. Eine Regierungskommission soll schwule Beamte aufspüren, die im Kalten Krieg ein Sicherheitsrisiko darstellen könnten. Doch Harriet zeigt Susan, dass sie nicht alleine ist, und nimmt sie mit in Bars wie das Mona’s, wo Männer Kleider und Frauen Anzüge tragen und sich jeder in jeden verlieben darf. Susan knutscht mit Männern und Frauen, sie verachtet Treue und Keuschheit. "Ich will mit vielen Leuten schlafen", schreibt sie in ihr Tagebuch.

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Bisher wollte Susan Literaturwissenschaftlerin werden. Jetzt kann sie ihre Dummheit kaum fassen. Ein ganzes Leben an der Uni? Um dann als Professorin zu enden? Niemals! "Ich bin lebendig ... ich bin schön ... was braucht es mehr?", schreibt sie. "Ich gedenke nicht, mich von meinem Verstand dominieren zu lassen!" Susan will Sex, Schmerzen, das ganze körperliche Leben und nicht bloß Theorie. Nicht mal einen Master will sie machen, beschließt sie jetzt, im ersten Bachelorjahr: "Ich bin neu geboren."

Zwei Tage später erhält Susan einen Brief: Die Uni in Chicago gewährt ihr ein Stipendium. Was dann und in den nächsten Jahren folgt, widerspricht allem, was sie eben noch beschlossen hatte. Sie wechselt von Berkeley nach Chicago. Dort geht sie in eine Vorlesung des zehn Jahre älteren Soziologen Philip Rieff. Der sucht einen Hiwi, jemanden, der Recherchen für sein Forschungsprojekt übernimmt. Sontag bekommt den Job. Das ist im November 1950. Im Dezember sind Rieff und Sontag verlobt. Am 3. Januar 1951 notiert sie in ihrem Tagebuch: "Ich heirate Philip im vollen + beklemmenden Bewusstsein meines Drangs zur Selbstzerstörung."

ZEIT Campus 3/13
Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.  |  © ZEIT CAMPUS

Mit 19 bekommt Susan Sontag einen Sohn, David, und beginnt ihr Masterstudium in Harvard. Hausfrau wird sie wohl nicht werden, aber doch Professorin? Und ihr ganzes Leben mit einem einzigen, älteren Mann verbringen? Sontag spekuliert über ihre goldene Hochzeit, stellt sich vor, wie ihre Enkel fragen, ob sie jemals Gefühle hatte. "Ja", antwortet sie in Gedanken, "eine Krankheit, die ich mir in meiner Jugend eingefangen habe. Aber ich bin darüber hinweggekommen." Als sie für einen Forschungsaufenthalt nach Paris reist, nimmt sie ihre Familie nicht mit. Sontag schaut Filme in der Cinémathèque (manchmal mehrere pro Tag), besucht Cafés (mindestens vier pro Abend) und ist selten vor drei Uhr nachts in ihrer Wohnung. Sie trifft Harriet wieder und beginnt eine Affäre mit ihr. Zurück in Amerika, trennt sie sich von Philip Rieff und nimmt ihren Sohn zu sich.

Bekannt wird Susan Sontag durch einen Aufsatz über "gay slang": 1964 schreibt sie über "camp", ein Codewort für den ironischen Umgang mit überkandidelten Formen, wie er etwa für Dragqueens typisch ist. Bisher verlief ein Graben zwischen solchen Pop-Phänomenen und der ernsthaften Beschäftigung mit Kultur, wie sie an den Unis gelehrt wird. Sontag gehört zu einer neuen Generation von Kritikern, die diese Trennung nicht mehr akzeptieren. Sie schreibt kluge Texte über Themen, die bisher tabu waren: Pornografie, Science-Fiction und die eigene Krebserkrankung. Statt in Fachjournalen erscheinen ihre Essays in Hochglanzheften und Büchern, die bis heute nachgedruckt werden. Susan Sontag wird ein Star. Heiraten wird sie nie wieder.

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Leserkommentare
  1. In den 80er Jahren war sie mit ihren Texten z.B. über Fotografie eine kreative Triebfeder für uns. Rückblickend, heute erschrecke ich mich über meine damalige Naivität, denn vieles von Susan Sontag ist auf Zerstörung angelegt und einfach nur tragisch.

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    • 29C3
    • 24. Mai 2013 9:00 Uhr

    Allerdings war sie schon damals auch darin auf die (m.E. teilweise selbst eingeredeten) feministischen und sozialen Aspekte vor allem bei Diane Arbus dermaßen fixiert, dass es dem Leser hier und da mal reichlich überspannt erscheinen konnte.

    ps. Es ist zwar nicht wirklich wichtig, aber... warum sie auf Montparnasse in Paris beerdigt wurde ist mir auch ein Rätsel. Weiß einer mehr?

  2. dass der sehr gut geschriebene Text über die äußerst interessante Frau so kurz geraten ist.

    9 Leserempfehlungen
    • 29C3
    • 24. Mai 2013 9:00 Uhr

    Allerdings war sie schon damals auch darin auf die (m.E. teilweise selbst eingeredeten) feministischen und sozialen Aspekte vor allem bei Diane Arbus dermaßen fixiert, dass es dem Leser hier und da mal reichlich überspannt erscheinen konnte.

    ps. Es ist zwar nicht wirklich wichtig, aber... warum sie auf Montparnasse in Paris beerdigt wurde ist mir auch ein Rätsel. Weiß einer mehr?

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    Redaktion

    Liebe(r) 29C3,

    zu Ihrer Frage nach Sontags letztem Wunsch lohnt sich vielleicht ein Blick in Daniel Schreibers Sontag-Biografie "Geist und Glamour".

    Ich habe das Buch gerade nicht hier und die Textstelle nicht im Kopf, aber es geht dort auch um Sontags Liebe zu Paris und zu einigen der Geistesgrößen, die unweit von ihr beerdigt worden sind.

    Herzliche Grüße,
    Oskar Piegsa
    ZEIT CAMPUS

  3. 4. Schade

    dass diese Frau sich derart verirrt hat. Das Glück hat sie wohl nicht gefunden.

    2 Leserempfehlungen
  4. Redaktion

    Liebe(r) 29C3,

    zu Ihrer Frage nach Sontags letztem Wunsch lohnt sich vielleicht ein Blick in Daniel Schreibers Sontag-Biografie "Geist und Glamour".

    Ich habe das Buch gerade nicht hier und die Textstelle nicht im Kopf, aber es geht dort auch um Sontags Liebe zu Paris und zu einigen der Geistesgrößen, die unweit von ihr beerdigt worden sind.

    Herzliche Grüße,
    Oskar Piegsa
    ZEIT CAMPUS

    Eine Leserempfehlung
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    • 29C3
    • 25. Mai 2013 11:54 Uhr

    Ich werde dem nachgehen.

    • 29C3
    • 25. Mai 2013 11:54 Uhr

    Ich werde dem nachgehen.

    Antwort auf "Re: Montparnasse "

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  • Serie Ehemaligenverein
  • Schlagworte Susan Sontag | Tagebuch | Heirat | Berkeley | Homosexualität | Master
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