Wissenschaft und Politik : "Opportunismus lohnt sich nicht"

Wissenschaft steht für Objektivität, in der Politik zählt vor allem: Meinung. Was, wenn beides aufeinanderprallt? Der Armutsforscher Ernst-Ulrich Huster hat es erlebt.

ZEIT Campus: Herr Huster, Sie sind Professor und lehren an der Universität Gießen. Was haben Sie mit Politik zu tun?

Ernst-Ulrich Huster: Ich mache als Wissenschaftler auch Auftragsforschung. Dann arbeite ich unter anderem für die Bundesregierung, in den letzten zehn Jahren aber vor allem für die Europäische Union. Einige Berichte, die dort herausgegeben werden, basieren auf wissenschaftlichen Gutachten oder auf Beratungen von mir.

ZEIT Campus: Warum sind Sie so gefragt?

Huster: Weil Armut ein brisantes Thema ist, schon seit Jahrzehnten. Keine Partei kommt an den wesentlichen Fragen vorbei: Wie verteile ich das Geld? Wie viel nehme ich wem aus der Tasche? Welche Steuersätze sind angemessen? Um das zu beantworten, wenden sich Politiker an Experten aus der Wissenschaft. Im Bundestagswahlkampf wird das Problem der Gerechtigkeit wieder eine große Rolle spielen. Der Armutsbericht der Bundesregierung hat gezeigt, wie aufgeladen das Thema ist.

Ernst-Ulrich Huster

67, ist Politikwissenschaftler. Er lehrt an der Universität Gießen und ist Professor an der Evangelischen Fachhochschule in Bochum.

ZEIT Campus: Schon bevor dieser Bericht im März erschienen ist, hieß es in den Medien, die Bundesregierung habe Ergebnisse darin geschönt.

Huster: Es gab zwei vorläufige Versionen des Berichtes. Ich habe alle drei Dokumente auf meinem Computer miteinander verglichen.

ZEIT Campus: Und?

Huster: An vier, fünf Stellen habe ich deutliche Glättungen entdeckt. Man wollte wohl den Eindruck abmildern, dass es in Deutschland ein Gerechtigkeitsproblem gibt. Also wurden ein paar negative Sätze gestrichen. Die Interpretation von Forschungsergebnissen ist wichtig. Empirische Daten sind nicht von selbst aussagekräftig.

ZEIT Campus: Welche Tricks gibt es da?

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen. © ZEIT CAMPUS

Huster: Das Wirtschaftsministerium unter Philipp Rösler hat eine Grafik geändert, das ist mein Lieblingsbeispiel: Ursprünglich umfasste sie die Jahre 2000 bis 2010 und zeigte, dass die Einkommen nur bei denen ansteigen, die sowieso schon viel Geld verdienen. Im neuesten Bericht wurde der Zeitraum verändert. Er reicht jetzt von 2007 bis 2011. Dort sind die Zuwächse in den oberen Einkommensschichten viel geringer. Das liegt an der Finanzkrise, in der die Gewinne einbrachen. Im Armutsbericht heißt es dann, die Einkommen von Armen und Reichen würden sich einander angleichen.

ZEIT Campus: Das stimmt aber gar nicht?

Huster: Über einen längeren Zeitraum gesehen ist es falsch. Wenn die Einkommen der Spitzenverdiener zwischen 2007 und 2011 schrumpfen, kann man sagen: "Sieh mal da, unsere großartige Politik hat das erreicht." Oder man sagt wie ich: "Moment mal, das ist ein Trend, der in jeder Krise zu beobachten ist." Selbstverständlich erwartet man von einer Bundesregierung eine eigene Bewertung. Aber die Bearbeitungen des letzten Armutsberichtes waren einfach nur peinlich. Ich zeige diese Grafik oft meinen Studenten. Als Beispiel dafür, wie interessenbezogen politische Veröffentlichungen sind.

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Kommentare

36 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

An berlinguy123

Sie haben mit ihrer Überschrift eventuell Recht aber in anderem Zusammenhang.
Sie schrieben, dass die Pflegeversicherung überflüssig sei, da sie nur Erben schütze. Ich möchte darauf hinweisen, dass Viele außer „Müll“ nichts zum Vererben hinterlassen.
Ich kann Ihnen nur aus einem skandinavischen Land berichten, dass z.B. das Haus eines Pflegebedürftigen und auch anderes „Vermögen“ nie für seine Pflege veräußert werden muss. Nur sein Einkommen zählt. Es bleibt der Witwe oder seinen Kindern erhalten.
Vielleicht sind die deswegen im Norden so reich.
Und das zu sensationell niedrigen Steuersätzen.