ISRAEL

Erst sollte es bloß ein kleiner, symbolischer Protest werden. Wir bauten unsere Zelte mitten im Zentrum von Tel Aviv auf, um gegen die hohen Mietpreise in Israel zu demonstrieren. Aber immer mehr Unterstützer kamen dazu, in wenigen Tagen wuchs das Camp zu einem riesigen Zeltlager an. Das ist jetzt zwei Jahre her.

Aus unserer Aktion wurde eine Demonstration für bessere soziale Bedingungen: Wohnraum für alle, bezahlbarer Schulunterricht, Steuererhöhungen für Reiche. In den letzten Jahrzehnten hat unsere Regierung viele öffentliche Dienste privatisiert. Nur ein kleiner Kreis hat davon profitiert. Darum lautete unsere Parole: "Das Volk will soziale Gerechtigkeit!"

Die Proteste breiteten sich im ganzen Land aus, in Jerusalem und vielen anderen Städten entstanden ähnliche Zeltlager. Auf dem Höhepunkt war von acht Millionen Israelis gut eine halbe Million auf der Straße.

Wenn ich jetzt Bilanz ziehe, bin ich nicht unzufrieden. Der Konflikt mit Palästina hat lange alles in Israel beherrscht, endlich wird auch über soziale Themen diskutiert. Wir versuchen, das System von innen heraus zu ändern. Einige von uns Aktivisten sitzen mittlerweile für die Arbeitspartei im Parlament. Gemeinsam mit einigen Freunden aus der Protestbewegung habe ich einen Thinktank gegründet, der den linken Parteien zuarbeitet. Zusammen wollen wir ein sozialeres, solidarisches Israel aufbauen.

KANADA

Vor ziemlich genau eineinhalb Jahren habe ich zum ersten Mal Tränengas eingeatmet. Unsere Regierung in Québec wollte die Studiengebühren erhöhen, obwohl das Studium schon vorher sehr teuer war. Wir haben sechs Monate lang gestreikt und weder Vorlesungen besucht noch Klausuren geschrieben. Damit die Bevölkerung auf uns aufmerksam wird, haben wir außerdem den Hafen und den Börsenturm von Montreal blockiert. Zwei Studenten sind erblindet, als sie von Wasserwerfern der Polizei getroffen wurden.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen. © ZEIT CAMPUS

Aber nach sechs Protestmonaten hatten wir einen ersten Erfolg: Die liberale Partei Québecs, die die Studiengebühren erhöhen wollte, verlor die Wahlen zur Nationalversammlung im September 2012. Das wäre ohne unsere Proteste nicht denkbar gewesen. Trotzdem haben wir unser Ziel noch nicht erreicht. Denn die neue Regierung will nun leider ebenfalls die Gebühren erhöhen.

Im Moment kostet ein Studium in Québec umgerechnet ungefähr 2.600 Euro pro Jahr. Schon das können sich viele nicht leisten. Deshalb fordern wir, dass die Regierung ihre Pläne wieder zurücknimmt. Und nicht nur das: In Zukunft soll jeder in Québec kostenlos studieren können. In Deutschland zum Beispiel geht das ja auch – wieso nicht bei uns? Jetzt denken wir uns neue Strategien für den Protest aus. Wahrscheinlich gehen wir bald wieder auf die Straße.