Politisches Engagement"Soll man sich in einer Partei engagieren?"

Demokratie lebt von Menschen, die sich beteiligen. Geht’s auch ohne Mitgliedsbuch? von Julia Seeliger und Mathias Richel

Contra: Parteien frustrieren nur

Früher war ich der Ansicht, es wäre gut, wenn sich so viele Menschen wie möglich in Parteien engagieren und mitdiskutieren. Heute sehe ich das anders. Kürzlich las ich: Idealisten in Parteien sind schnell frustriert. Ja, tatsächlich, man kann seine Zeit sinnvoller verbringen.

Julia Seeliger

ist eine deutsche Journalistin. 2002 trat sie den Grünen bei und engagierte sich intensiv. Zehn Jahre später verließ sie die Partei wieder.

Mitläufertum und Anpasserei gibt es überall, das ist menschlich. Aber in einer Partei ist die Situation noch krasser: Parteien haben gut bezahlte Jobs zu verteilen, die mit Macht verbunden sind. Um da ranzukommen, muss man sich hocharbeiten. Und das geht in einer solchen Glaubensgemeinschaft wie einer Partei am besten, indem man nicht zu sehr aneckt. Von der Parteimitgliedschaft gibt es keinen Feierabend. Es ist wie ein jahrelanges Spiel, ein Zeltlager mit Freunden. Mitmachen statt meckern ist angesagt.

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Mitzulaufen, anstatt selbst zu denken, ist ein schleichender Prozess. Fast zehn Jahre war ich Mitglied bei den Grünen. Irgendwann habe ich bemerkt, dass ich mich gedanklich der Parteilinie angepasst habe. Einfach so. Man liest eben viele Texte, und irgendwann schreibt man selbst so. Immer weniger habe ich das Parteiprogramm infrage gestellt. Ich machte mit: Im Parteirat stimmte ich mit "Enthaltung" und nicht mit "Nein", als es um den Antrag zum Afghanistankrieg ging. Obwohl ich eigentlich dagegen war. Auch ich, die sonst einige Konflikte anstieß, bin eben nicht gern unbeliebt.

Dabei sind viele Konflikte sogar nur inszeniert. Bei den Grünen war das zuletzt bei Sonderparteitagen zum Atomausstieg und zur Euro-Krise so. Die innerparteilichen Kritiker konnten sich profilieren, haben aber niemandem richtig wehgetan. Wenn man aber mal wirklich Kritik an der Parteispitze übt, wird man schnell zum Außenseiter. Mir ging es so, als wir über den Afghanistankrieg stritten. Man bezeichnete mich als "nicht ansprechbar". Nestbeschmutzer haben sie in Parteien eben nicht so gern.

von Julia Seeliger

Leserkommentare
  1. 1. Contra

    Ich halte es eher mit Frau Seeliger. In Parteien muss man zu sehr abnicken. Das wäre nichts für mich. Ich stand schon häufiger vor der Frage, ob ich eintrete. Aber in jeder Partei wären es einfach zu viele Kompromisse gewesen und ich kann nur andere Leute von etwas überzeugen und mich für etwas einsetzen, wenn ich 100%ig überzeugt bin!

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    Genau so sehe ich das auch.
    Ich kan voll von einem Thema überzeugt sein und dafür kämpfen, aber wenn eine Partei dann bei einem anderen Thema eine genau entgegengesetzte Position zu meiner hat kann ich sie nicht mehr unterstützen.

    • ductus
    • 15. Juli 2013 19:22 Uhr
    2. Contra

    Da unsere Politiker offensichtlich so oder so nichts mehr zu melden haben, würde es sich bestenfalls lohnen in eine der amerikanischen Einheitsparteien einzutreten und dann dort nichts zu bewirken oder in die Industrie zu gehen.

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    • joeyyy
    • 15. Juli 2013 19:24 Uhr

    Ich habe mir auch jahrelang überlegt, in einer Partei mitzuarbeiten. Aber was mich zuletzt am stärksten abgeschreckt hat, ist, dass ich für die viele Zeit, die ich dafür aufwenden würde, auch noch ein Prozent meines Gehalts zahlen muss. Und das wird dann eingesetzt für Menschen, hinter denen ich nicht stehe, für die ich keinen Respekt mehr empfinde. Ich kenne keine Partei in Deutschland mehr, in der es nicht um Pfründe, Posten und Macht geht. Allein die Besetzung von Minister- und Staatssekretär-Posten mit fachfremden, aber parteitreuen Menschen grenzt für mich an Realsatire.

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  2. Auf der einen Seite spricht eine Frau, die am Selbstverständnis der Partei arbeiten will, auf der anderen spricht ein Mann, der mit Werbemaßnahmen die Partei weiter bringen will. Da ist von vorn herein die Aussage Ihrer Interviewpartner klar.
    Wenn Sie den Ingenieur fragen, wie er sich mit seinen Kollegen um den Aufbau eines Motors gestritten hat, wird er auch mehr fluchen, als der Verkäufer des Wagens.
    Ich hätte gerne einen Interviewpartner gelesen, der am Programm seiner Partei mitarbeitet, dabei eigene Ideen einbringt und trotzdem glücklich ist.

    5 Leserempfehlungen
  3. Und ebenso sind wohl die Motive eines Beitritts von Partei zu Partei verschieden. Will einer Karriere machen, geht er in die CDU, will ich die Pfründe meiner sozialen Klasse verteidigen und netzwerken, gehe ich zur FDP. Will ich mich mit einsamen Kassandrarufen begnügen und habe Freude daran, Fehler und Widersprüche zu benennen und für eine Systemalternative zu streiten, gehe ich zur Linkspartei. Wenn ich für Bioessen, gutes Leben und irgendwie Ökostrom bin, dann bekunde ich diese Gesinnung wohl durch einen Beitritt zur grünen Partei. Und wenn ich - aus was für Gründen auch immer - der SPD beitrete, kann ich sicher auch dort Positives bewirken.

    Grundsätzlich unterscheiden sich die bürgerlichen von den mittigen und der linken Partei durch die Organisation und das Organisationsverständnis: während bürgerliche Parteien nur der verlängerte Arm gefestigter Institutionen sind und deren Interessen artikulieren, ohne dass von ihnen selbst ein politisches Projekt ausginge, speisen sich SPD, Grüne (je in Teilen) und Linkspartei aus Partizipationsbedürfnissen unorganisierter und unterprivilegierter Milieus. Daher mag es für ein grünes Basismitglied wichtig erscheinen, Thesenpapiere zu schreiben und an Diskussionen teilzunehmen, für das durchschnittliche FDP-Mitglied wird dies verschenkte Zeit sein.

    Grundsätzlich sollte sich derjenige in einer Partei engagieren, der mit wahren Problemen konfrontiert ist. Denn noch immer gilt: die parlamentarische Beteiligung ist die einzig vorgesehene.

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    die parlamentarische Beteiligung ist die einzig vorgesehene."

    Genau daran geht unsere politische Kultur zu Grunde!

    Mag sein dass es die einzig vorgesehene Methode ist - aber ist es auch die einzig richtige?

    Verantwortung deligieren, die Hände in Unschuld waschen, es hinterher sowieso besser gewusst haben, und meckern!

    KLingt wie die Blaupause meiner Landsleute - aber ist das erstrebenswert?

    Mehr direkte Demokratie würde die Probleme, welche die Ex-Grüne hier darlegt, deutlich verringern.
    Daß die etablierten Parteien das nicht wollen ist verständlich - Pfründe und Fleischtöpfe werden ungern aufgegeben oder geteilt...

  4. Beide Autoren haben mich spüren lassen, dass Engagement, gute Argumente, ein Netzwerk und Hartnäckigkeit notwendig sind, um eventuell Mehrheiten zumindest in der eigenen Partei zustande zu bringen.
    Für mich gibt es keine ideale Partei, ich wähle daher generell das kleinere Übel. Eine Partei mit Fachleuten aus den Wirtschaftswissenschaften, Professoren, Ingenieure, Juristen, Ärzten mich dazu bringen, umzuschwenken. Seit Jahrzehnten sehe ich eine sich deutlich vermehrende Einseitigkeit in unseren Parlamenten, zum großen Teil bestehend öffentlich Bediensteten, z. B. Lehrern und Gewerkschaftern. Stets vereint bei Anhebung der Diäten.
    Kommt tatsächlich eine Gruppierung/Partei zum Zuge, welche die Reduzierung des Bundestages und der Länder- und Städteparlamente anstrebt, dann erkenne ich die Senkung der Abgeordneten-Kosten, Pensionen, Sitzungsgelder etc. Was brauchen wir 620 Abgeordnete oder nach dem neuen Verfahren womöglich über 700, wenn diverse Aufgaben bereits nach Brüssel verlagert wurden? In jedem Filial-Betrieb werden Abteilungen geschlossen, sobald deren Arbeit von der Zentrale übernommen wurde.

  5. Für mich als Filmemacher war es ein kleiner Genuss, den sich selbst entlarvenden Text von Herrn Richel zu lesen. Seine Motive erscheinen durchaus edel:

    "Ich will eine Gesellschaft, in der alle die gleichen Chancen haben, das Beste aus ihrem Leben zu machen, unabhängig von der sozialen Ausgangssituation. Ich möchte, dass Menschen unterstützt werden, denen das nicht allein gelingt. Der Kitt, der diese Gesellschaft zusammenhält, darf nicht den Märkten und den Banken überlassen werden. Man kann ihn nur durch Politik verändern. Dafür lohnt es sich mitzuarbeiten."

    Allerdings liegt die Macht hier nicht in den Händen der Politik, sondern in der der Vernunft der Individuen. Wir haben so eine Gesellschaft bereits. Jeder kann seinen nächsten Hilfebedürftigen einfach und bequem unter die Arme fassen. Politik steht dem nur im Weg: Sie schaffen Regeln und Gesetze, die Grundlage für Streitigkeiten und teure Prozesse werden. Als hätten wir nicht schon genug, werden neue Regeln gemacht, aber alte nicht aufgehoben.

    Märkte haben keinen Einfluss, solange nicht das Geld die oberste Direktive des Einzelnen ist. Wer sich von ihnen abhängig macht, ist selbst schuld. Es gibt genügend kleine Unternehmen, die Alternativen bieten. Niemand muss den Konzernen in die Tasche spielen und danach jammern.

    Und was bleibt neben dieser Utopie? Gewinnen oder Verlieren stehen auf Herrn Richels Agenda. Selbstwert durch Gewinnen. Ein Spiel.

    Nur von Umwelt, Bildung, Freiheit und Sicherheit ist nicht die Rede.

    3 Leserempfehlungen
  6. " Und einen Tag später frage ich mich, was wir besser machen müssen, um die Menschen von der SPD zu überzeugen. Denn ich bin ein Überzeugungstäter. "

    Ich kenne Werber, die aus "Überzeugung" Inuit Tiefkühltruhen vermarkten würden. Ein Spiel mit den eigenen Fähigkeiten, anderen nutzlose Produkte anzudrehen.
    Ja, Richel ist absolut richtig bei der SPD!

    Ansonsten möchte ich #7 beipflichten:
    Die Parteien bzw. die Politik so wie sie in der realexistierenden Demokratie agiert bzw. agieren muss, ist nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems.
    Von daher ist jede Parteimitgliedschaft und der Versuch von Idealisten innerhalb hochkorrumpierender, hierarchischer Institutionen, die Mitläufer, Alphamännchen und andere fragwürdige Charakere anziehen und privilegieren, etwas positiv verbessern zu wollen, m.E. von Anfang an zum Scheitern verurteilt und damit verschwendete Energie.

    Eine Leserempfehlung

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