Politisches Engagement : "Soll man sich in einer Partei engagieren?"

Demokratie lebt von Menschen, die sich beteiligen. Geht’s auch ohne Mitgliedsbuch?

Contra: Parteien frustrieren nur

Früher war ich der Ansicht, es wäre gut, wenn sich so viele Menschen wie möglich in Parteien engagieren und mitdiskutieren. Heute sehe ich das anders. Kürzlich las ich: Idealisten in Parteien sind schnell frustriert. Ja, tatsächlich, man kann seine Zeit sinnvoller verbringen.

Julia Seeliger

ist eine deutsche Journalistin. 2002 trat sie den Grünen bei und engagierte sich intensiv. Zehn Jahre später verließ sie die Partei wieder.

Mitläufertum und Anpasserei gibt es überall, das ist menschlich. Aber in einer Partei ist die Situation noch krasser: Parteien haben gut bezahlte Jobs zu verteilen, die mit Macht verbunden sind. Um da ranzukommen, muss man sich hocharbeiten. Und das geht in einer solchen Glaubensgemeinschaft wie einer Partei am besten, indem man nicht zu sehr aneckt. Von der Parteimitgliedschaft gibt es keinen Feierabend. Es ist wie ein jahrelanges Spiel, ein Zeltlager mit Freunden. Mitmachen statt meckern ist angesagt.

Mitzulaufen, anstatt selbst zu denken, ist ein schleichender Prozess. Fast zehn Jahre war ich Mitglied bei den Grünen. Irgendwann habe ich bemerkt, dass ich mich gedanklich der Parteilinie angepasst habe. Einfach so. Man liest eben viele Texte, und irgendwann schreibt man selbst so. Immer weniger habe ich das Parteiprogramm infrage gestellt. Ich machte mit: Im Parteirat stimmte ich mit "Enthaltung" und nicht mit "Nein", als es um den Antrag zum Afghanistankrieg ging. Obwohl ich eigentlich dagegen war. Auch ich, die sonst einige Konflikte anstieß, bin eben nicht gern unbeliebt.

Dabei sind viele Konflikte sogar nur inszeniert. Bei den Grünen war das zuletzt bei Sonderparteitagen zum Atomausstieg und zur Euro-Krise so. Die innerparteilichen Kritiker konnten sich profilieren, haben aber niemandem richtig wehgetan. Wenn man aber mal wirklich Kritik an der Parteispitze übt, wird man schnell zum Außenseiter. Mir ging es so, als wir über den Afghanistankrieg stritten. Man bezeichnete mich als "nicht ansprechbar". Nestbeschmutzer haben sie in Parteien eben nicht so gern.

von Julia Seeliger

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