Mein Name ist Leonie Seifert, ich bin 26 Jahre alt, und ich gehöre einer Generation an, von der es oft heißt, sie sei unpolitisch. Zahlen scheinen das zu bestätigen: Rund 40 Prozent der 20- bis 30-Jährigen haben bei der letzten Bundestagswahl nicht gewählt, zeigt die repräsentative Wahlstatistik des Statistischen Bundesamtes. "Egotaktiker", "Pragmatiker", "Nutzenmaximierer", so nennen uns Sozialforscher regelmäßig in ihren Jugendstudien. Sie haben herausgefunden, dass Eltern für uns keine Gegner sind, sondern Vorbilder. Statt Ungehorsam und Auflehnung sind uns Fleiß und Pflichterfüllung wichtig. Und wir wünschen uns nicht gesellschaftliche Veränderung, sondern ein heiles Privatleben, am besten mit einem eigenen Haus im Grünen.

Meine eigene, gefühlte Wahrheit ist eine andere. Okay, stimmt: "Haus im Grünen" klingt gut, und mit meinen Eltern verstehe ich mich auch. Ich bin kein Parteimitglied und gehe nicht auf Demos. Aber wenn ich mich im Bekanntenkreis umschaue, erlebe ich, dass alle den Prozess zur Mordserie des NSU verfolgen. Als die Piraten zum Parteitag riefen, twitterten meine Freunde bis spät in die Nacht mit den Delegierten. Nach Feierabend diskutiere ich mit Kollegen darüber, wie wir in Zukunft arbeiten wollen und was sich dafür in der Gesellschaft verändern muss. Bin ich vielleicht doch politisch? Das will ich herausfinden. Ich will wissen, was Politik mit mir macht.

1. Der Bundestag

"Du bist vom Überwald-Gymnasium, da entlang bitte", sagt ein Mann, ohne mich anzuschauen. Dann blickt er von seiner Liste auf und schmunzelt über seinen Irrtum. Ich bin im Deutschen Bundestag in Berlin. Hier will ich meine Suche beginnen. Der Plenarsaal mit den blauen Sitzen ist meine erste Erinnerung an Politik, ich kenne ihn aus der Tagesschau. Ich zeige dem Mann das rote Schild an meiner Jacke, "Presse". Ich darf rein.

Auf der Tagesordnung der Plenarsitzung stehen heute große Themen wie Gesundheitsprävention und Wirtschaftskriminalität. Und eher kleine wie das Recht auf die Eröffnung eines kostenlosen Girokontos. Die Diskussionen dazu klingen ungefähr so:

"Wir sind guten Mutes, dieses Thema in der kommenden Legislaturperiode beherzt anzugehen." (Bündnis 90/Die Grünen)

"Die Wurschtigkeit, mit der Sie über dieses Thema sprechen, ist eine Frechheit." (FDP)

"Handelt es sich bei Ihrem Antrag um einen Beitrag zum heraufziehenden Wahlkampf oder um Fleißarbeit?" (CDU)

"Hier geht es um schicke Verpackungen, um für den künftigen Wahlkampf etwas ins Schaufenster legen zu können." (Die Linke)

"Ihr Entwurf hat nur einen Zweck: Er ist ein Feigenblatt für Ihren Wahlkampf." (SPD)

Alle werfen sich gegenseitig vor, sich nur für die Wahl zu interessieren und nicht für Inhalte. Es gibt viele Zwischenrufe. Applaus nur für die eigene Fraktion. Bis auf ein einziges Mal: Am Rednerpult steht Erwin Lotter, Gesundheitsexperte der FDP. Auf seinem Rücken trägt er einen kleinen Rucksack, aus dem zwei Schläuche in seine Nase führen. Seine Stimme klingt rau. "Ich habe die Diskussionen mit Ihnen immer sehr genossen", sagt er. Lotter hat eine Lungenerkrankung, ohne die Sauerstoffmaschine auf seinem Rücken kann er nicht mehr atmen. Es ist seine letzte Sitzung. Nach seiner Rede stehen alle auf und klatschen, egal zu welcher Partei sie gehören. Danach geht es weiter wie zuvor.

Die Mitgliederzahlen der beiden großen Volksparteien schrumpfen seit Jahren: So hat die CDU in den vergangenen zehn Jahren rund 100.000 Mitglieder verloren und die SPD fast 200.000. Unter 30 sind bei der SPD nur noch sieben Prozent der Mitglieder, bei der CDU sogar bloß fünf Prozent. Die Demokratie hat ein Nachwuchsproblem, und ich kann nicht aushelfen. Konkurrenzkampf gibt es überall, aber hier schreckt er mich besonders ab. Die Rhetorik, mit der die Politiker sich gegenseitig auszustechen versuchen, erscheint mir unernst und beliebig. Und, ich gebe es zu, für Sitzungen, bei denen Tagesordnungspunkte immer wieder verschoben und Anträge auf die lange Bank geschoben werden, fehlt mir die Geduld.