Sie haben jahrelang ein fieses Spiel gespielt", sagt Christian Heise. "Manche würden sagen, es herrschen mafiaähnliche Strukturen." Heise, 30 Jahre alt, Doktorand an der Uni Lüneburg, spricht nicht von Drogenschmugglern, nicht von Waffenhändlern und auch nicht von Lebensversicherern. Er spricht von Wissenschaftsverlagen – und von der Frage, was Wissen im Jahr 2013 kosten darf.

Christian Heise sitzt im Vorstand der Open Knowledge Foundation und setzt sich für Informationsfreiheit in der Wissenschaft ein. Was ihn in Rage bringt, ist ein System, das die Forschung mittlerweile zu beherrschen scheint wie ein Gesetz: Wissenschaftler arbeiten und schicken ihre Studien an Fachzeitschriften. Ein Honorar erhalten sie dafür nicht, manchmal müssen sie sogar für eine Veröffentlichung bezahlen. Andere Wissenschaftler wählen Artikel für die Zeitschriften aus und prüfen die Ergebnisse. Auch sie bekommen dafür in der Regel nichts. Der Verlag verkauft die Zeitschriften an Bibliotheken – und verdient sehr gut daran. Viele Fachzeitschriften kosten im Jahresabo mehr als 10.000 Euro. "Die Uni muss die Wissenschaft wieder zurückkaufen, dabei sollte Wissen ein Gemeingut sein", sagt Heise.

Jeder, der mal in einer Uni-Bibliothek nach einem Fachaufsatz gesucht hat, kennt das Ampelsystem: Rot für "Die Bibliothek hatte kein Geld, die Zeitschrift zu abonnieren", Gelb für "Es gibt eine Campus-Lizenz", Grün für "kostenlos zugänglich". Die Uni-Bibliothek Duisburg-Essen hat auf ihrer Homepage ein Ranking ihrer teuersten Zeitschriften-Abos veröffentlicht. Ganz vorn: Cell von Elsevier, ein Fachblatt für Zellbiologie. 15.000 Euro kosten die jährlich 26 Ausgaben, so viel wie ein neuer Golf. Angelika Lex vom Elsevier-Verlag erklärt die Preise mit dem logistischen Aufwand. 96 Prozent aller eingereichten Texte würden abgelehnt, sagt sie. Außerdem investiere der Verlag in Datenbanken, in denen die Studien und manchmal die Rohdaten online zugänglich gemacht würden. Trotzdem machte Elsevier 2012 fast eine Milliarde Euro Gewinn – mehr als die Deutsche Bank. Die Unis sind in der Zwickmühle: Sie müssen sparen, wollen aber auf die Zeitschriften nicht verzichten.

Auch die Autoren können das nicht ohne Weiteres. Denn im besten Fall gilt die Veröffentlichung als akademischer Ritterschlag. Der Druck auf junge Forscher, möglichst viel zu publizieren, ist mit den Jahren ohnehin größer geworden. "Das führt dazu, dass die Verlage ihre Bedingungen diktieren können. Mit einem Mausklick ist man um seine Rechte kastriert", sagt Georg Botz von der Max-Planck-Gesellschaft, einem der renommiertesten deutschen Forschungsverbände. In manchen Fächern habe ein einzelner Verlag sogar ein Monopol. Ist das gerecht? Nein, finden viele Bibliothekare, Forscher und Studenten. "Das widerspricht doch dem Auftrag, Wissen zu verbreiten. Ein Großteil der Forschung wird aus Steuermitteln finanziert. Es kann nicht sein, dass die Ergebnisse dann nicht frei zugänglich sind", sagt Georg Botz. Und der Unmut ist nicht nur unter deutschen Forschern groß.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen. © ZEIT CAMPUS

Der amerikanische Hacker Aaron Swartz wollte 2011 teure Forschungsergebnisse öffentlich machen. Er lud 4,8 Millionen Aufsätze aus dem Uni-Netz am MIT in Cambridge herunter, um sie in Onlinespeichern kostenfrei zur Verfügung zu stellen. Dafür wurde er im Internet als Robin Hood des digitalen Zeitalters gefeiert. Nur nicht von der Staatsanwaltschaft: Die forderte 35 Jahre Haft. Im Januar nahm sich Aaron Swartz das Leben.

Hacking ist die radikale Lösung des Problems. Die weniger radikale heißt Open Access – freier Zugang zu wissenschaftlicher Literatur im Internet, völlig legal und ohne Hürden. Forscher können schon heute ihre Texte an digitale Sammelstellen schicken, sogenannte Repositorien. Oder Zeitschriften gründen, die zum Selbstkostenpreis publizieren. Finanziert werden die Datenbanken aus öffentlichen Mitteln, das entlastet die Bibliotheken.

Wie viel also darf Wissen kosten? Der Cambridge-Professor Timothy Gowers lancierte 2012 die Internetseite "The Cost of Knowledge" und forderte zum Boykott des Elsevier-Verlages auf. Bis heute sind weltweit mehr als 13.000 Forscher seinem Aufruf gefolgt. Auch die Bibliothek in Harvard riet den Uni-Mitarbeitern, nur noch dort zu veröffentlichen, wo "Open Access" gelte. Wenige Wochen später lenkte der Elsevier-Verlag ein, senkte die Preise und investierte stärker in Open-Access-Zeitschriften. Der britische Guardian sprach sogar von einem "Akademischen Frühling".