ProfessorenkolumneMein Streik gegen mich selbst

Professoren haben wenig Macht, meint unser Kolumnist Fritz Breithaupt. Dass Studenten sie zum Establishment zählen, erstaunt viele Profs, die lieber mitdemonstrieren. von Fritz Breithaupt

Ein Student aus meinem Seminar steckt den Kopf in mein Büro. "Ab Donnerstag wird gestreikt." – "Wogegen streiken wir denn?", frage ich zurück. "Na, gegen euch natürlich", sagt er froh. "Gegen uns?" Ich verstehe die Welt nicht mehr. "Ist doch klar: wegen der Studienbedingungen, des Geldmangels und der Verwirtschaftlichung der Bildung."

"Aber", will ich erwidern, "wir sind doch die Guten!" Da ist er schon weiter, Flugzettel verteilen.

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Manche Menschen glauben, dass Politik von links nach rechts organisiert ist. Für die meisten Profs ist Politik dagegen eine Sache des Oben und Unten. Und sie sehen sich unten. Bei den Studenten. Bei den 99 Prozent. Auch wenn die davon nichts merken. Woran liegt das?

ZEIT CAMPUS 4/13
Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.  |  © ZEIT CAMPUS

Professoren haben keine Macht. Verändern können wir selbst im eigenen Haus fast nichts. Und dass wir mit der Notenvergabe Macht ausüben, halten wir für ein Missverständnis.

Uns ist sie nämlich bloß lästig. Weil wir so wenig bewegen können, reden wir uns ein, wir gehörten zu den Jungen, zur Opposition. Und so benehmen wir uns dann auch. Damit niemand auf die Idee kommt, wir seien selbst Teil des Establishments, das es zu bekämpfen gilt. Wir streiken daher mit – gegen uns selbst.

Fritz Breithaupt erklärt an dieser Stelle das Innenleben der Profs. Er lehrt an der Indiana University.

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Leserkommentare
  1. halten wir für ein Missverständnis. "

    Manchmal hat man tatsächlich den Eindruck, dass die mit der Notenvergabe verbundene Macht und Verantwortung arg missverstanden werden.

    • dp80
    • 23. Juli 2013 12:56 Uhr

    "Professoren haben keine Macht. Verändern können wir selbst im eigenen Haus fast nichts."

    Formal gesehen stimmt das wohl. Die juristische Entscheidungsgewalt liegt bei anderen, z.B. bei der Hochschulleitung oder der Politik.

    Professoren haben aber eine moralische Macht. Eine Gruppe von Professoren könnte beispielsweise einen gemeinsamen offenen Brief an die Hochschulleitung richten und sich über Missstände beschweren. Keine Universität kann sich auf Dauer unzufriedene Professoren leisten, denn sie ist darauf angewiesen, dass Koryphäen bleiben bzw. kommen.

    Ein solches Engagement scheint jedoch den meisten Professoren fremd zu sein. Sie haben schlichtweg keine Zeit, da sie mit Publikationen, Mitteleinwerbungen, Lehre etc. ausgelastet sind. Die meisten Professoren haben heutzutage in erster Linie die Ausstrahlung "ICH HABE KEINE ZEIT" (also nerv mich nicht mit deinen Problemchen).

    Damit leben sie genau das vor, was man heute Bachelor-Studenten gerne vorwirft: Nämlich dass sie eher am eigenen Fortkommen interessiert sind als am politischem Engagement und entsprechend ihre Zeit investieren.

    Man könnte als Professor ohne weiteres entscheiden, irgendwo mal NEIN zu sagen und beispielsweise dieses oder jenes Gutachten mal NICHT zu schreiben. Die Zeit könnte dann anders investiert werden.

    2 Leserempfehlungen
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    • dp80
    • 23. Juli 2013 13:36 Uhr

    Ergänzung:

    Die Möglichkeiten für politisches Engagement für Professoren sind groß: Man kann sich z.B. im Hochschullehrerverband engagieren und darauf hinwirken, dass dieser nicht nur mehr Geld für Hochschullehrer fordert, sondern auf grundsätzlichere Veränderungen hinwirkt. Man ist mit Professorentitel auch gerne in Talkshows gesehen.

    ---> Einfach nur in der Masse der Studierenden mitdemonstrieren ist risikolos. Sich exponieren und seinen Kopf hinhalten - das wäre stark! Auch auf das Risiko hin, dass die Professoren-Kolleginnen einen für eine "linke Socke" halten.

    Wenn das mangelnde Engagement nicht am Zeitbudget liegt, dann eventuell auch an der Angst vor der Obrigkeit. Schließlich wünscht man sich die Unterstützung der Hochschulleitung bei verschiedenen Entscheidungen. Wer möchte schon beim nächsten Umzug im Kellerbüro landen? Und wäre es nicht nett, wenn die Hochschulleitung den Kauf des neuen Teilchenbeschleunigers befürwortet? Oder der Einrichtung eines neues spezialisierten Studiengangs für die eigenen Interessen zustimmt?

    • dp80
    • 23. Juli 2013 13:36 Uhr

    Ergänzung:

    Die Möglichkeiten für politisches Engagement für Professoren sind groß: Man kann sich z.B. im Hochschullehrerverband engagieren und darauf hinwirken, dass dieser nicht nur mehr Geld für Hochschullehrer fordert, sondern auf grundsätzlichere Veränderungen hinwirkt. Man ist mit Professorentitel auch gerne in Talkshows gesehen.

    ---> Einfach nur in der Masse der Studierenden mitdemonstrieren ist risikolos. Sich exponieren und seinen Kopf hinhalten - das wäre stark! Auch auf das Risiko hin, dass die Professoren-Kolleginnen einen für eine "linke Socke" halten.

    Wenn das mangelnde Engagement nicht am Zeitbudget liegt, dann eventuell auch an der Angst vor der Obrigkeit. Schließlich wünscht man sich die Unterstützung der Hochschulleitung bei verschiedenen Entscheidungen. Wer möchte schon beim nächsten Umzug im Kellerbüro landen? Und wäre es nicht nett, wenn die Hochschulleitung den Kauf des neuen Teilchenbeschleunigers befürwortet? Oder der Einrichtung eines neues spezialisierten Studiengangs für die eigenen Interessen zustimmt?

    Eine Leserempfehlung
    • ktkrch
    • 23. Juli 2013 17:13 Uhr

    Das Bild passt hier leider nicht zum Text. An der Uni-Halle wurde nicht gegen Professoren demonstriert - diese waren übrigens bei der Demo auch unterwegs und solidarisierten sich mit den Studenten. Hier ging es um die Schließung der Universitätsklinik und der Streichung des kompletten Studiengangs Medizin. Dieser sollte an die Uni-Magdeburg verlagert werden und das obwohl Halles Uniklinik die Beste im Bundesland ist und Halle die wesentlich längere Geschichte vorzuweisen hat.

    4 Leserempfehlungen
  2. Was mich persönlich stört, ist wenn die Vorlesungen nicht gut aufeinander abgestimmt sind. Das wäre ja noch in Ordnung, wenn man eine gewisse Wahlfreiheit hätte, aber das ist häufig nicht gegeben. Dann passiert es, dass man zehn mal das selbe in unterschiedlichen Vorlesungen hört. Und dann kommt man in eine andere Vorlesung, wo ein Professor sagt, dass habt ihr doch schon dort und dort gehört, was aber nicht zutrifft. Vieles, was sich unter den Stichwort "Verschulung" zusammenfassen könnte, fällt direkt in die Verantwortung der Professoren.

  3. ... was Hochschulpolitik betrifft, in Bezug auf die eigenen Arbeitsbedingungen und die der Mitarbeiter, in Bezug auf die Studienbedingungen, die mangelnde Forschungsfreiheit, die Studienorganisation und den katastrophalen Zustand vieler Hochschulbauten.
    Ich nehme Herrn Breithaupt ab, dass er sich auf der Seite der Studenten engagiert.
    Aber viele seiner Kollegen sind viel zu sehr damit beschäftigt, sich über ihre sichere Anstellung zu freuen, die tägliche Bürokratielawine abzuarbeiten, ihre Reputation zu pflegen und irgendwie noch zu forschen, als dass sie daran denken würden, der Politik laut und deutlich zu widersprechen.
    Das wäre angesichts der zahlreichen drängenden Probleme, die für alle weniger Begünstigten existenzbedrohend sein können, aber bitter nötig - zumal Professoren wesentlich leichter Gehör finden als viele Andere an den Unis!

  4. schlicht ihre Moeglichkeiten zum Wohl der Studenten auch ausnutzen, dann waere schon viel gewonnen.

    Das faengt mit der Gestaltung der Vorlesungen an (ja, Studenten schaetzen sorgfaeltig ausgewaehlte Inhalte und ja, ein strukturiertes Curriculum ist hilfreich), setzt sich fort ueber die Gestaltung von Klausuren (nein, wenn Professoren die Klausur gerade in der angegebenen Zeit loesen koennen, dann ist sie nicht angemessen fuer a) einen Studenten der b) unter Pruefungsdruck steht), geht weiter mit der Anerkennung von im Ausland erbrachten Studienleistungen (nein, hier ist nicht der geeignete Zeitpunkt fuer eine kleine Machtdemonstration), spiegelt sich wider in der Gestaltung der Studienplaene (ja, 36 Semesterwochenstunden Vorlesung sind zu viel und nein, ein Student kann nicht jahrelang ohne Urlaub zwischen Vorlesungszeiten, Pruefungszeiten und Pflichtpraktikum wechseln), sowie der korrekten Umsetzung der Vorgaben (nein, es ist nicht zielfuehrend, dem einen Studiengang weniger credit points zu geben fuer bestimmtes Modul, als einem anderen) und hoert damit gewiss lange noch nicht auf.

    Sobald diese Punkte und weitere konsequent durch die Professorenschaft umgesetzt werden, kann sie sich auch guten Gewissens an Proteste gegen schlechte Studienbedingungen anschliessen.

  5. Als damals ziemlich plötzlich Studiengebühren kommen sollten, sagte ein Professer: "Morgen ist ja keine Vorlesung. Da sind Sie streiken."
    Ein anderer meinte: "Wir haben keine Zeit für Streik."
    Dagegen war aber keiner. Einige waren sogar echt sauer über die Gebühren.

    Ich vermute, dass man unter den Profs mehr Sozialisten findet, als viele denken- zumindest wenn die mal aus ihrer Forschung auftauchen.

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  • Schlagworte Hochschullehrer | Streik | Bildung | Student
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