Sprechstunde"Der Kapitalismus ist so untot wie ein Zombie"

Eine andere Welt ist möglich, sagt der Marxist Michael Hardt. Komisch nur, dass die auf sich warten lässt. Ein Gespräch über das Ende des Kapitalismus von 

Occupy Wall Street "corporate zombie"

Auch bei Protestaktionen von Occupy Wall Street wird der Kapitalismus gerne mal mit Zombies in Verbindung gebracht  |  © Mike Segar/Reuters

ZEIT Campus: Herr Hardt, geht der Kapitalismus unter?

Michael Hardt: Eines Tages bestimmt.

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ZEIT Campus: Wie lange noch?

Hardt: Schwer zu sagen. Aber es ist ein erster Schritt, anzuerkennen, dass der Kapitalismus künstlich geschaffen wurde. Er ist nicht der natürliche Ausdruck vermeintlich angeborener Eigenschaften wie Wettbewerbsgeist oder Gier. Wir können ihn auch wieder abschaffen.

ZEIT Campus: Sie sind einer der letzten großen marxistischen Philosophen. Werden Sie das Ende des Kapitalismus noch miterleben?

Hardt: Mit solchen Prognosen sollte man vorsichtig sein. Es haben schon viele die inneren Widersprüche des Kapitalismus erkannt und sein nahes Ende prophezeit – zu Unrecht.

ZEIT Campus: Zum Beispiel?

Michael Hardt

Der Philosoph Michael Hardt, 53, lehrt an der Duke University in den USA. Mit seinem italienischen Kollegen Antonio Negri schrieb er den Theorie-Bestseller Empire, eine Art "Kommunistisches Manifest für das 21. Jahrhundert" (Slavoj Žižek).

Hardt: Rosa Luxemburg sagte Anfang des 20. Jahrhunderts, der europäische Wachstumsdrang werde immer neue Kolonien fordern. Weil die Erde endlich sei, müsse es zwangsläufig zum Krieg zwischen den europäischen Kolonialmächten und zum Zusammenbruch des Kapitalismus kommen. Das war keine schlechte Analyse, denn der Erste Weltkrieg kam ja wirklich. Bloß hat der Kapitalismus den Krieg und auch das Ende der Kolonien überlebt. Heute gibt es neue Widersprüche.

ZEIT Campus: Woran denken Sie?

Hardt: Zum Beispiel an das geistige Eigentum. Die kapitalistische Logik basiert auf der Güterknappheit: Ich habe ein Auto, Sie nicht, also kann ich Ihnen meins verkaufen oder vermieten. Oder Sie stehlen es mir, das muss bestraft werden. Immaterielle Güter wie Software und Musik können wir hingegen ohne Verluste kopieren. Der Wert meiner Ideen steigt sogar, je mehr Menschen davon erfahren. Doch wir kriminalisieren lieber Millionen, die im Internet Musik tauschen, als anzuerkennen, dass der Umgang mit immateriellen Gütern eine andere Logik als die kapitalistische erfordert.

ZEIT Campus: Das Internet offenbart also die Schwächen unseres Wirtschaftssystems?

ZEIT CAMPUS 4/13
Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.  |  © ZEIT CAMPUS

Hardt: Selbstverständlich nicht allein. Das größte Problem am Kapitalismus ist, dass er für einige Leute fantastisch ist und für alle anderen fürchterlich. Es fehlt an Gerechtigkeit, Freiheit und Gleichheit zwischen den Menschen.

ZEIT Campus: Antikapitalisten berufen sich schon seit Jahren auf Ihre Ideen: Ihr erstes Buch Empire erschien 2000, pünktlich zu den Protesten der Globalisierungskritiker in Genua, und wurde in vielen Ländern kontrovers diskutiert. Jetzt haben Sie mit Demokratie! einen Essay über die internationalen Revolten des Jahres 2011 geschrieben. Haben diese Proteste etwas erreicht, woran frühere gescheitert sind?

Hardt: Zumindest gibt es einen wichtigen Unterschied: Die Globalisierungskritiker waren nomadisch, denn sie bekämpften ein System, das sich bei den Gipfeltreffen von Staatschefs und Wirtschaftsministern in verschiedenen Ländern zeigte. Die Proteste des Jahres 2011 waren hingegen lokal verwurzelt.

ZEIT Campus: Was meinen Sie damit?

Hardt: Ob wir über die Indignados in Spanien sprechen, die Besetzung des Syntagma-Platzes in Athen oder Occupy Wall Street im New Yorker Zuccotti Park: Immer haben Demonstranten ihre Zelte aufgeschlagen und weigerten sich, zu gehen. Sie waren also ganz wörtlich genommen das Gegenteil von nomadisch. Zugleich waren sie in dem Sinne lokal verwurzelt, dass sie sich mit den Problemen ihrer unmittelbaren Umgebung befassten. Einige bekämpften sexualisierte Gewalt, andere die Verschuldung. Die Frage ist, ob das die Bewegungen nachhaltiger machen kann als diejenige der Globalisierungskritiker.

Leserkommentare
  1. "Wir wissen um seine [des Kapitalismus] Unzulänglichkeiten, sind aber unfähig, uns etwas Besseres vorzustellen. "

    Wenn Sie das schon sagen...

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    Das ist schlicht nicht wahr. Kapitalismus ist nicht alternativlos. Warum sollte es auch alternativlos sein? Merke: wie so oft, wenn dieses Unwort gebraucht wird, werden die Alternativen ja nichtmal diskutiert.

    Falls da jetzt der gut von Kleinauf eingeimpfte Reflex der Ablehnung des gescheiterten Kommunismus aufkeimt: das war gar nicht gemeint.

    Gemeint habe ich vor allem neue Ideen, welche schon an den Universitäten systematisch unterdrückt werden. Alles, was sich da nicht nahtlos in die mainstream-Modelle einfügt, wird auf lehrplanmässig in die esoterische Ecke abgeschoben - und für die etablierten "Wirtschaftswissenschaften" (schon das Wort ist ein echter Treppenwitz) verbrannt.

    Warum wird immer noch gelehrt, daß eine Volkswirtschaft ein 6-Tupel ist? Wie kann es sein, daß eine so zentrale Institution wie eine Zentralbank nur über ein einziges echtes Instrument verfügt? Warum eigentlich nur eine so mächtige Bank, und warum gibts deren Kredite nur an Privatbanken, wo der Staat dann widerum Schuldner ist? Warum weiß niemand wie Geld funktioniert? Warum sind Freiwirtschaftler alle Spinner? Warum haben einige Personen schon seit 15 Jahren alles kommen sehen, und warum werden Ihre Ideen und Vorschläge nicht aufgegriffen, wenigstens diskutiert, verfolgt, widerlegt, bestätigt?

    Das zyklische Versagen des Kapitalismus ist systemimannent und gewollt (cui bono?). Das Versagen der VWL hingegen, hier Fragen zu stellen, Mißstände zu erkennen, und Lösungen anzustreben, tja ........ :-(

  2. 2. […]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Spekulationen und diskutieren Sie den konkreten Artikelinhalt. Danke, die Redaktion/jp

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    Sie ihren sich. Die FREIE Marktwirtschaft hat zu den Zuständen geführt, aus denen sich die kommunistischen Ideologien des späten 19. Jahrhunderts entwickelt haben, wie der Monopolisierung vieler Branchen und der Verelendung großer Teile der Arbeiterschaft. Erst staatliche Eingriffe, wie Kartellverbote, zumindest minimale soziale Absicherung, sowie die Einführung des Streikrechts und die damit einhergehende Stärkung der Position von Arbeitern, hat die Grundlagen für den Wohlstand geschaffen, den wir heute genießen können. In den letzten Jahren wurden an diesen Grundpfeilern jedoch massive Einschnitte vorgenommen, woraus die heutige "Krise des Kapitalismus" resultierte. Seien Sie doch so gut, und bedenken Sie die Bedeutung der von ihnen benutzten Begriffen das nächste Mal etwas genauer.

    • Vibert
    • 27. Juli 2013 19:44 Uhr

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf persönliche Angriffe. Danke, die Redaktion/jp

  3. Das ist schlicht nicht wahr. Kapitalismus ist nicht alternativlos. Warum sollte es auch alternativlos sein? Merke: wie so oft, wenn dieses Unwort gebraucht wird, werden die Alternativen ja nichtmal diskutiert.

    Falls da jetzt der gut von Kleinauf eingeimpfte Reflex der Ablehnung des gescheiterten Kommunismus aufkeimt: das war gar nicht gemeint.

    Gemeint habe ich vor allem neue Ideen, welche schon an den Universitäten systematisch unterdrückt werden. Alles, was sich da nicht nahtlos in die mainstream-Modelle einfügt, wird auf lehrplanmässig in die esoterische Ecke abgeschoben - und für die etablierten "Wirtschaftswissenschaften" (schon das Wort ist ein echter Treppenwitz) verbrannt.

    Warum wird immer noch gelehrt, daß eine Volkswirtschaft ein 6-Tupel ist? Wie kann es sein, daß eine so zentrale Institution wie eine Zentralbank nur über ein einziges echtes Instrument verfügt? Warum eigentlich nur eine so mächtige Bank, und warum gibts deren Kredite nur an Privatbanken, wo der Staat dann widerum Schuldner ist? Warum weiß niemand wie Geld funktioniert? Warum sind Freiwirtschaftler alle Spinner? Warum haben einige Personen schon seit 15 Jahren alles kommen sehen, und warum werden Ihre Ideen und Vorschläge nicht aufgegriffen, wenigstens diskutiert, verfolgt, widerlegt, bestätigt?

    Das zyklische Versagen des Kapitalismus ist systemimannent und gewollt (cui bono?). Das Versagen der VWL hingegen, hier Fragen zu stellen, Mißstände zu erkennen, und Lösungen anzustreben, tja ........ :-(

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    Antwort auf "Unfähig"
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    liegt an ihrer Marktgläubigkeit.
    Sie ist Religion, Ideologie und taugt noch nicht mal zur Pseudowissenschaft.

  4. Der Wert meiner Ideen steigt also, wenn ich nicht mehr dafür bezahlt werde und hungere? Klingt wie ein Fünfzehnjähriger. Mit Festgehalt, wie immer.

    6 Leserempfehlungen
  5. Hilfreich wäre eine Definition dessen, was Herr Hardt überhaupt unter Kapitalismus versteht. Ohne diese lässt sich das Gesagte kaum einordnen oder bewerten. Dass Marktwirtschaft halt gerade nicht gleichzusetzen ist mit Kapitalismus geht leider immer wieder unter. Zum Kapitalismus mag es Alternativen geben, zur Marktwirtschaft nicht. Dies haben 75 Jahre Planwirtschaft nun wirklich ausreichend bewiesen.

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    • SodOmi
    • 28. Juli 2013 3:17 Uhr

    Planwirtschaft oder freie Marktwirtschaft, wat anders gibt es nicht.
    [...]

    Gekürzt, da unsachlich. Die Redaktion/ls

  6. Sie ihren sich. Die FREIE Marktwirtschaft hat zu den Zuständen geführt, aus denen sich die kommunistischen Ideologien des späten 19. Jahrhunderts entwickelt haben, wie der Monopolisierung vieler Branchen und der Verelendung großer Teile der Arbeiterschaft. Erst staatliche Eingriffe, wie Kartellverbote, zumindest minimale soziale Absicherung, sowie die Einführung des Streikrechts und die damit einhergehende Stärkung der Position von Arbeitern, hat die Grundlagen für den Wohlstand geschaffen, den wir heute genießen können. In den letzten Jahren wurden an diesen Grundpfeilern jedoch massive Einschnitte vorgenommen, woraus die heutige "Krise des Kapitalismus" resultierte. Seien Sie doch so gut, und bedenken Sie die Bedeutung der von ihnen benutzten Begriffen das nächste Mal etwas genauer.

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    Antwort auf "[…]"
  7. Es gab zwar in den vergangenen Jahren ein paar kränkelnde Augenblicke, doch mitterweile hat sich die globale Wirtschaft wieder erholt. Nicht der Kapitalismus ist untot, sondern seiner Kritiker.

    Der Kapitalimus bringt und Frieden, Freiheit, Demokrati und Wohlstand für einen Großteil der Bevölkerung. Was der Kommunismus bereit hält, sieht man den Verbrechen von Stalin oder der DDR:

    7 Leserempfehlungen
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    Ihr Unwissen bezüglich der theoretischen Einbettung des Kapitalismus in unseren Lebenszusammenhang hinlänglich bewiesen. Belassen Sie es doch bitte dabei. Nur weil Ihnen zufällig die Brieftasche anschwillt, geht es noch längst nicht allen so, ganz im Gegenteil.

    "Was der Kommunismus bereit hält, sieht man den Verbrechen von Stalin oder der DDR:"

    Vergessen Sie bitte nicht den Nationalsozialismus und Faschismus. Oder den Hunger in der Welt.
    Nicht einseitig sein!

    als Maßstab nehmen, da sind Sie geqaltig auf dem Holzweg.

    Es gab mal eine Doku Wirtschaft unter Honecker, lief auf Phoenix.

    Da kam ein Direktor eines KJombinats oder VEBs zu Wort der erzählte, dass er Horst Sindermann mal gefragt hat, warum die SED, insbesondere Honecker soviel Mist in der Wirtschaftspolitik macht.

    Sindermann,habte ich darauf geantwortet, dass man eben die Lebensgeschichte von Honecker, etc. berücksichtigen müsse.
    Die kamen eben von ganz unten und haben lange im Untergrund gelebt.

    Für die war es wichtig, geneg zu essen zu haben, eine brauchbare Wohnung und Kleidung und ihre Kinder nicht zu tuer zur Schule zu schoicken.
    Darauf hat sich deren wirtschaftliches Denken verengt, dabei hat man dann das große Ganze nicht mehr gesehen.

    Es gab ja eine Zeit lang brauchbare Reformen in der DDR, Mitte bis Ende der 1960, nach dem Tod des Organisators dort, wurden die aber wieder fallen gelassen.

  8. Ihr Unwissen bezüglich der theoretischen Einbettung des Kapitalismus in unseren Lebenszusammenhang hinlänglich bewiesen. Belassen Sie es doch bitte dabei. Nur weil Ihnen zufällig die Brieftasche anschwillt, geht es noch längst nicht allen so, ganz im Gegenteil.

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  • Schlagworte Karl Marx | Kapitalismus | Rosa Luxemburg | Armut | Stalinismus | Tunesien
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