Auch bei Protestaktionen von Occupy Wall Street wird der Kapitalismus gerne mal mit Zombies in Verbindung gebracht © Mike Segar/Reuters

ZEIT Campus: Herr Hardt, geht der Kapitalismus unter?

Michael Hardt: Eines Tages bestimmt.

ZEIT Campus: Wie lange noch?

Hardt: Schwer zu sagen. Aber es ist ein erster Schritt, anzuerkennen, dass der Kapitalismus künstlich geschaffen wurde. Er ist nicht der natürliche Ausdruck vermeintlich angeborener Eigenschaften wie Wettbewerbsgeist oder Gier. Wir können ihn auch wieder abschaffen.

ZEIT Campus: Sie sind einer der letzten großen marxistischen Philosophen. Werden Sie das Ende des Kapitalismus noch miterleben?

Hardt: Mit solchen Prognosen sollte man vorsichtig sein. Es haben schon viele die inneren Widersprüche des Kapitalismus erkannt und sein nahes Ende prophezeit – zu Unrecht.

ZEIT Campus: Zum Beispiel?

Hardt: Rosa Luxemburg sagte Anfang des 20. Jahrhunderts, der europäische Wachstumsdrang werde immer neue Kolonien fordern. Weil die Erde endlich sei, müsse es zwangsläufig zum Krieg zwischen den europäischen Kolonialmächten und zum Zusammenbruch des Kapitalismus kommen. Das war keine schlechte Analyse, denn der Erste Weltkrieg kam ja wirklich. Bloß hat der Kapitalismus den Krieg und auch das Ende der Kolonien überlebt. Heute gibt es neue Widersprüche.

ZEIT Campus: Woran denken Sie?

Hardt: Zum Beispiel an das geistige Eigentum. Die kapitalistische Logik basiert auf der Güterknappheit: Ich habe ein Auto, Sie nicht, also kann ich Ihnen meins verkaufen oder vermieten. Oder Sie stehlen es mir, das muss bestraft werden. Immaterielle Güter wie Software und Musik können wir hingegen ohne Verluste kopieren. Der Wert meiner Ideen steigt sogar, je mehr Menschen davon erfahren. Doch wir kriminalisieren lieber Millionen, die im Internet Musik tauschen, als anzuerkennen, dass der Umgang mit immateriellen Gütern eine andere Logik als die kapitalistische erfordert.

ZEIT Campus: Das Internet offenbart also die Schwächen unseres Wirtschaftssystems?

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen. © ZEIT CAMPUS

Hardt: Selbstverständlich nicht allein. Das größte Problem am Kapitalismus ist, dass er für einige Leute fantastisch ist und für alle anderen fürchterlich. Es fehlt an Gerechtigkeit, Freiheit und Gleichheit zwischen den Menschen.

ZEIT Campus: Antikapitalisten berufen sich schon seit Jahren auf Ihre Ideen: Ihr erstes Buch Empire erschien 2000, pünktlich zu den Protesten der Globalisierungskritiker in Genua, und wurde in vielen Ländern kontrovers diskutiert. Jetzt haben Sie mit Demokratie! einen Essay über die internationalen Revolten des Jahres 2011 geschrieben. Haben diese Proteste etwas erreicht, woran frühere gescheitert sind?

Hardt: Zumindest gibt es einen wichtigen Unterschied: Die Globalisierungskritiker waren nomadisch, denn sie bekämpften ein System, das sich bei den Gipfeltreffen von Staatschefs und Wirtschaftsministern in verschiedenen Ländern zeigte. Die Proteste des Jahres 2011 waren hingegen lokal verwurzelt.

ZEIT Campus: Was meinen Sie damit?

Hardt: Ob wir über die Indignados in Spanien sprechen, die Besetzung des Syntagma-Platzes in Athen oder Occupy Wall Street im New Yorker Zuccotti Park: Immer haben Demonstranten ihre Zelte aufgeschlagen und weigerten sich, zu gehen. Sie waren also ganz wörtlich genommen das Gegenteil von nomadisch. Zugleich waren sie in dem Sinne lokal verwurzelt, dass sie sich mit den Problemen ihrer unmittelbaren Umgebung befassten. Einige bekämpften sexualisierte Gewalt, andere die Verschuldung. Die Frage ist, ob das die Bewegungen nachhaltiger machen kann als diejenige der Globalisierungskritiker.