Wie geht es dem wissenschaftlichen Nachwuchs?

Mit den Inhalten ihrer Arbeit sind angehende Forscher meistens zufrieden – mit ihren Arbeitsverträgen nicht: Neun von zehn wissenschaftlichen Mitarbeitern sind befristet angestellt. Dazu gehören nicht nur Doktoranden, sondern auch längst promovierte oder sogar habilitierte Wissenschaftler, die schon jahrelang an der Uni arbeiten. Wer keine Professur ergattert, kann theoretisch bis zum Rentenalter über Zeitverträge beschäftigt werden.

Erst vor Kurzem ist eine Studie dazu erschienen, der Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs (BuWiN). Er zeigt: Das Ungleichgewicht zwischen fest und befristet angestellten Forschern wächst. Mussten sich 79 Prozent der wissenschaftlichen Mitarbeiter an Universitäten im Jahr 2000 mit einem befristeten Vertrag zufriedengeben, waren es zehn Jahre später schon 90 Prozent. Gleichzeitig sinken die Laufzeiten der Verträge: Rund die Hälfte gilt nicht einmal ein Jahr lang. Das zeigt eine Untersuchung des Hochschul-Informations-Systems (HIS).

Die ständige Ungewissheit strengt an. Und die eigene Forschung wird für Doktoranden neben der Lehre und der Sorge um den Anschlussvertrag oft zur Nebensache. Nicht alle tun sich das an: Nach der Promotion wechselt die Mehrheit der Absolventen in die Wirtschaft, wo es feste Verträge gibt. Die Hälfte geht sofort nach der Doktorarbeit, ein weiteres Drittel folgt innerhalb von fünf Jahren.

Woran liegt das?

Eigentlich sind Dauerbefristungen verboten. Für die Wissenschaft gibt es aber Ausnahmen im Arbeitsrecht. Die Beschäftigung der Mitarbeiter regelt hier seit 2007 das Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG): Sechs Jahre vor und sechs Jahre nach der Promotion dürfen Forscher befristet angestellt werden. Bei den Medizinern sind es sogar neun Jahre. Diese Zwölfjahresregel ist nicht neu. Seit 2002 stand sie im Hochschulrahmengesetz. Doch anstatt Wissenschaftlern nach zwölf Jahren zu einer Festanstellung zu verhelfen, führte die Vorgabe zu Kündigungen. "Die Hochschulen haben ihre Mitarbeiter nach zwölf Jahren einfach nicht mehr weiterbeschäftigt. Es rücken ja ständig neue Leute nach", sagt Anke Burkhardt vom Institut für Hochschulforschung in Wittenberg. Unter ihrer Leitung wurde der BuWiN erstellt.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen. © ZEIT CAMPUS

Das Zeitvertragsgesetz sollte diese starren Vorgaben aufbrechen und enthält darum ein Schlupfloch: Es erlaubt, wissenschaftliche Mitarbeiter auch länger als zwölf Jahre befristet anzustellen – über Drittmittelprojekte. "Für Leute, die nach zwölf Jahren vor dem Aus standen, war das eine gute Lösung. Aber inzwischen hat sich das verselbstständigt", sagt Burkhardt. Weil die Länder bei der Finanzierung der Hochschulen sparen, schrumpft der Anteil der sicheren Stellen seit Jahren.

Auf der anderen Seite fließen durch Exzellenzinitiative, Hochschulpakt oder DFG-Projekte Milliarden in die Universitäten. Weil die Fördergelder aber jederzeit wegfallen könnten, explodierte die Zahl befristeter Drittmittelstellen. Der BuWiN zeigt: Im Jahr 2010 wurden bereits 43 Prozent des hauptberuflichen wissenschaftlichen Personals unterhalb der Professur aus Drittmitteln bezahlt, Tendenz steigend. Für viele dieser Mitarbeiter folgt Zeitvertrag auf Zeitvertrag. Das WissZeitVG macht es möglich.