Serie EhemaligenvereinKäthe Kollwitz

Im 19. Jahrhundert kann eine Frau entweder heiraten oder Künstlerin werden. Käthe entscheidet sich – für beides. von Anna Bordel

Das Mädchen darf auf keinen Fall heiraten, beschließt Karl Schmidt. Seine Tochter ist begabt, das sieht er schon an den Bildern, die sie als Kind auf Papierreste kritzelt. Er will nicht, dass sie als Hausfrau endet, so wie die meisten Frauen im späten 19. Jahrhundert. Stattdessen soll sie Künstlerin werden. Also engagiert Schmidt die besten Lehrer, die er finden kann. Seine Tochter ist noch nicht volljährig, da schickt er sie fort. Sie soll studieren gehen, an die Künstlerinnenschule in Berlin, eine Tagesreise vom heimatlichen Königsberg entfernt. Doch kurz bevor sie aufbricht, verlobt sich Käthe mit Karl Kollwitz, einem Schulfreund ihres Bruders. Ihr Vater ist erschüttert.

Die Berliner Mal- und Zeichenschule ist eine der ersten Kunstschulen im Deutschen Reich, an denen auch Frauen studieren können. Käthe will schnell mit Farben arbeiten, sie will die Malerei lernen. Aber ihr Lehrer bremst sie und drängt sie dazu, erst ihre Zeichentechnik zu verfeinern. Nach einem Jahr bricht Käthe die Ausbildung ab. Sie geht zurück nach Königsberg, wo ihr Verlobter Medizin studiert. Käthes Vater, der eine Hochzeit weiterhin verhindern will, schickt sie erneut in die Ferne, dieses Mal weiter weg, an die Künstlerinnenschule in München. Dort lerne man, richtig zu malen, heißt es in Künstlerkreisen.

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Käthe Kollwitz

Lebenszeit: 1867 bis 1945

Studium: Kunst

Besondere Vorkommnisse: Lernt mit 17 den Nobelpreisträger Gerhart Hauptmann kennen, als er noch ein unbekannter Autor ist

Wichtigste Auszeichnung: In fast jedem Bundesland gibt es mindestens eine Käthe-Kollwitz-Schule, insgesamt sind es 77

Als Käthe in der Malklasse auftaucht, sind ihre Kommilitoninnen empört. Käthe trägt einen Verlobungsring – doch unter Künstlerinnen ist das Heiraten verpönt. Malerei soll keine vorübergehende Beschäftigung für spätere Ehefrauen und Mütter sein. Käthe fühlt sich in der Malerwerkstatt dennoch wohl. Die Studentinnen stehen in ölverschmierten Kitteln um das Modell. Meist malen sie alte Menschen, weil deren Gesichtszüge so vielseitig sind. Von den Leinwänden schaben sie später die Farbe wieder ab, um sie erneut zu benutzen. Auch im Café trifft Käthe sich mit Freunden zum Arbeiten. Einer von ihnen ruft ein Stichwort, dann müssen alle ein Bild dazu zeichnen. Zum Thema "Kampf" malt Käthe eine Szene aus Germinal, dem Roman von Émile Zola, in der sich zwei Männer um die Gunst einer Frau prügeln. Zum ersten Mal erhält Käthe Lob für ein Bild, das ihrer eigenen Fantasie entsprungen ist.

Nun zweifelt auch sie, ob sie wirklich heiraten will. "Die freie Künstlerschaft lockte sehr", schreibt sie später in ihren Erinnerungen. Es ist die Zeit der ersten Frauenbewegung. Feministinnen streiten für ein allgemeines Recht auf Bildung und Arbeit, die radikaleren unter ihnen fordern das Wahlrecht für Frauen. Käthe ist in einer liberalen Familie aufgewachsen, schon ihr Großvater war ein Linker. Jetzt lebt sie in Schwabing, dem Viertel der Münchner Boheme, und genießt ihre Freiheit: "Der Tag war besetzt mit Arbeit, abends genoß man, ging in Bierkeller, machte Ausflüge in die Umgebung und fühlte sich frei, weil man einen eigenen Haustürschlüssel hat." Käthe geht gerne klettern im Münchner Umland. Ohne männliche Begleitung reist sie sogar einmal mit zwei Freundinnen bis nach Venedig.

ZEIT Campus 5/2013
ZEIT Campus 5/2013

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

Ihre künstlerische Ausdrucksform entdeckt sie, als sie mit Kommilitoninnen eine Werkstatt mietet. Dort will sie die Technik der Radierung ausprobieren. Bei Käthes ersten Versuchen ist von den Strichen, die sie mit einer Nadel in die Kupferplatte ritzt, auf dem bedruckten Papier nur wenig zu sehen. Trotzdem bleibt sie bei dieser Technik und wird später für ihre Grafiken berühmt. Im Zeichnen ist sie talentiert, aber nicht im Umgang mit Farben. Das hatte schon ihr Berliner Lehrer erkannt.

Zwei Jahre studiert Käthe in München, dann muss sie zurück nach Königsberg, weil ihr Verlobter Karl Kollwitz sein Medizinstudium beendet hat. Als die Hochzeit bevorsteht, gibt sich ihr Vater geschlagen. Er rät ihr, die Kunst aufzugeben. Eine Hausfrau, die nebenbei Grafiken druckt? So etwas hat er noch nie gehört. Man könne nur einen "Beruf" vollkommen ausüben, sagt er. Doch Käthe denkt nicht daran – und hat in Kollwitz einen Mann gefunden, der ihr Freiräume lässt. 1891 heiraten die beiden, Käthe bleibt Künstlerin.

Lesetipp

Käthe Kollwitz: Tagebuchblätter und Briefe, 1948; herausgegeben von Hans Kollwitz; erschienen im Gebr. Mann Verlag; 191 Seiten

Das Paar zieht in Berlin nach Prenzlauer Berg, damals ein Arbeiterviertel. Käthe Kollwitz schreibt in einem Brief an einen Bekannten, dass es in Berlin weniger Cafés und Kneipen gebe – und das sei gar nicht so schlecht, um sich auf die Kunst konzentrieren zu können: "Mir geht es hier gut, viel besser, als ich gefürchtet hatte." Über die Patienten ihres Mannes erfährt Käthe Kollwitz das soziale Elend der Großstadt: Armut, Arbeitslosigkeit und Prostitution. Viele dieser Erfahrungen finden sich in ihren Kunstwerken wieder, etwa im Zyklus Ein Weberaufstand, der die Arbeiterbewegung der 1890er Jahre zeigt. Einen Druck schenkt sie ihrem Vater und überzeugt ihn damit: Ehefrau zu sein und trotzdem Künstlerin, das geht.

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Leserkommentare
  1. Sie war die erste Künstlerin einprägsamen, durchdringenden Stils. Kollwitz Bilddramaturgie beeinflußte viele Künstler - ihr Hell-Dunkel-Kontrast geriet zum markantesten Erkennungszeichen. Doch sind es die Szenen des menschlichen Ausdrucksempfindens, denen sie einen suggestiven Charkter verleihen konnte: Gesichter, Blicke, Körperhaltungen. Es gelang ihr, der Zeit einen bildnerischen Abdruck zu geben, wobei der Schmerz daran zeitlos ist. Christian Chuber

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  • Schlagworte Käthe Kollwitz | Frauenbewegung | Malerei
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