Professorenkolumne"Die Angst geht um: Wir sind ersetzbar"

Videovorlesungen im Internet könnten ihn überflüssig machen, fürchtet unser Kolumnist Fritz Breithaupt. Mit Kissen und Schokoladenküssen versucht er gegenzusteuern. von Fritz Breithaupt

Eine schwarze Wolke ist am Horizont zu erkennen. Eine technische Entwicklung, die meinen Professorenjob weitgehend überflüssig machen könnte: Im Internet finden sich zu fast jedem Thema kurze Videos von oft brillanten Experten, die auch das komplexeste Thema verständlich vermitteln. Da können die meisten von uns Profs nur in die Röhre gucken. So gut können wir das selten.

Professor Fritz Breithaupt

 44, erklärt an dieser Stelle regelmäßig das Innenleben der Profs. Er lehrt an der Indiana University, USA

Nun beginnen wir zu schwitzen, die Angst geht um: Wir Profs sind so ersetzbar wie die Mechaniker im automatisierten Werk. Eine Hochschule mit deutlich weniger Professoren in der Lehre ist ab sofort denkbar. Dabei ist es gerade das oft so lästige Lehren, das unseren Broterwerb sichert. Die wenigen Forschungsseminare werden unsere Arbeitsplätze nicht retten. Jetzt fragen wir uns vor jeder Vorlesung: Haben wir genug Witze auf Lager? Sitzt wirklich jede PowerPoint-Folie?

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ZEIT Campus 5/2013
ZEIT Campus 5/2013

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

Angst macht aggressiv, manche Kollegen gehen deshalb gegen eine vermeintliche Verschwörung des digital-industriellen Komplexes auf die Barrikaden. Andere entdecken in den Zeiten der technischen Reproduzierbarkeit des Professors die sozialen Tugenden des Klassenzimmers wieder. Denn wenn wir uns in der Lehre mit den Onlinekursen nicht messen können, dann bleibt uns nur noch das Miteinander. Wir langweilen uns, schwitzen und lernen zusammen mit unseren Studenten. Auch ich setze ganz aufs Menschliche: Von nun an werde ich Kissen und Schokoladenküsse in meine Kurse mitbringen. Vielleicht sichern die meinen wackligen Lehrstuhl und verbessern die Uni gleich mit.

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Leserkommentare
  1. Denn da es für Wissenschaftler in Deutschland ja quasi keine (langfristigen) Stellen mehr gibt, und sie also alle ins Ausland abwandern, dürfte es irgendwann erforderlich werden, möglichst viele Studenten mit nur einem Professor per Videostream zu lehren.

  2. Professorenstellen sind auch in den USA nur wenigen wirklichen Könnern vergönnt.
    Deshalb scheint die Flexibilisierung auch hier der Erfolgsweg zu sein,wenn man mal Bruttosozialprodukte vergleicht.

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    • Mike M.
    • 19. September 2013 13:38 Uhr

    wenn er "Kissen und Schokoladenküsse" braucht, um die Studenten bei Stange zu halten, ihm nichts besseres einfällt (Studenten sind keine Kleinkinder), dann wirft dies kein gutes Licht auf die dortigen Verhältnisse.

    • welll
    • 18. September 2013 20:26 Uhr

    "Von nun an werde ich Kissen und Schokoladenküsse in meine Kurse mitbringen. Vielleicht sichern die meinen wackligen Lehrstuhl und verbessern die Uni gleich mit."

    Eine angenehme Lernatmosphäre trägt zwar zum Lernerfolg bei, macht diesen aber nicht aus.

    Man hört einem Professor zu weil er
    a) Autorität durch aussergewöhliche, wissenschaftliche Leistungen hat.
    b) auf Grund seiner Persönlichkeit die Studenten "kriegt"
    c) und/oder ein guter Didakt ist.

    Ein Professor, der nicht wenigstens einen der Punkte erfüllt, hatte schon immer schlechte Karten, die durch Alternativangebote allerdings noch schlechter geworden sind.

    3 Leserempfehlungen
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    So wünschenswert die von Ihnen genannten Punkte auch sind, ein Professor ist mehr als ein bloßer Lehrer. Professoren unterrichten nur einen Teil ihrer Zeit, den Rest sind sie damit beschäftigt zu forschen bzw. Geldgeber für Forschung aufzutreiben, Verwaltungsaufgaben im Institut zu übernehmen sowie die wissenschaftlichen Arbeiten der Studenten zu leiten und kontrollieren. Ohne das ginge an der Uni nämlich gar nichts. Schon alleine das rechtfertigt das Professorenamt.

    Wenn die Vorlesungen dabei gut sind - klasse. Wenn nicht - auch nicht so wild.

    Und wieder einmal wurde ein erschreckendes Bild der Zukunft an die Wand gepinselt, das an der Realität scheitert.

    Ehm? Sie nennen doch, dass ein Professor auch ein guter Didakt sein muss. Da gehört eine positve Belohnung doch zum Standardrepertouir.
    Menschen sind ja keine Maschinene und ich zumindest habe mich noch von keinem Prof. allein wegen des Profseins beeindrucken lassen. Außerdem will ich mich in einer Vorlesung nicht beeindrucken lassen, sondern lernen und dabei am besten noch motiviert gehalten werden, aber nicht beeindruckt vor dem Gott sitzen.

    • Mike M.
    • 19. September 2013 13:33 Uhr

    ... in den letzten 10-20 Jahren gestiegen. Es ist auch nicht so, dass den Fernunis die Bude eingerannt wird. Schon früher gab es Bücher, die eine Alternative zum Vorlesungsbesuch darstellen. Das möchte ich einmal sehen, dass man 3 Stunden zu Hause aufmerksam einem Videostream zuschaut. Und welchen soll man schauen? Die Lehrveranstaltung hilft den Studenten das wesentliche herauszufiltern - das geht m.E. nur in Präsenzveranstaltungen. Wichtig ist zudem die Interaktion mit den Kommilitonen, sich vergleichen können. Der Autodidakt vereinsamt (und scheitert auch öfter in den Prüfungen).

    • Taranis
    • 19. September 2013 0:14 Uhr

    Ich kenne den Autor und seine Vorlesungen nicht, deshalb möchte ich ihm auch nicht zu nahe treten, doch ich denke das Problem (so es eins ist) liegt hauptsächlich darin, daß die meisten Professoren schlicht keine Ahnung vom Unterrichten haben.
    Bei vielen Professoren die ich in meiner Studentenzeit erleben durfte musste ich feststellen, daß sie sehr engagiert sind und auf ihrem Gebiet auch ein enormes Wissen haben, dies aber bis auf ein paar Naturtalente nicht rüberbringen können. Das ist nicht wirklich die Schuld der Professoren, da sie nie gelernt haben wie man unterrichtet und es bei der Berufung von Professoren absolut nebensächlich ist ob sie diese Fähigkeit besitzen oder nicht. Was man den Dozenten aber teilweise anlasten kann ist die Ausrede "so ist studieren halt" wenn man versucht Feedback zu geben.

    Nicht nur Herrn Professor Breithaupt wäre damit zu empfehlenin die eigenen Pädagogikkenntnisse zu investieren statt in Kissen oder politisch korrekten Zuckerschaum auf Waffeln mit Schokoladenüberzug.

    2 Leserempfehlungen
  3. "Man hört einem Professor zu weil er
    a) Autorität durch aussergewöhliche, wissenschaftliche Leistungen hat.
    b) auf Grund seiner Persönlichkeit die Studenten "kriegt"
    c) und/oder ein guter Didakt ist."

    Das trifft nach meiner Erfahrung auf nicht mehr als 10 % der Dozenten zu! Besonders beim Thema Rhetorik und Didaktik ist hier doch niemand geschult. Somit reduziert sich dieser Punkt auf Naturtalent, und das hat natürlich nicht jeder.

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    Kann ich so auf keinen Fall bestätigen. Vielmehr sind 90% gut geeignet, machen ihre Sache einwandfrei und sind zudem für Fragen und Anregungen offen.
    Vielmehr sind es die Studenten, die es nicht schaffen einer Vorlesung ohne Smartphone und sonstige Ablenkung zu folgen.

    • malox
    • 19. September 2013 9:17 Uhr

    Wenn Professoren "gut" sind, sprich:

    - Fachkompetenz besitzen
    - sich grundlegende didaktische Kenntnisse angeeignet haben und
    - Spaß an der Lehre haben,

    dann brauchen sie keine Angst vor der digitalen "Bedrohung" zu haben.

    Sehen sie die Lehre nur als "lästige Pflicht", dann haben sie es nicht anders verdient und sind in ihrem Job falsch.

    4 Leserempfehlungen
  4. So wünschenswert die von Ihnen genannten Punkte auch sind, ein Professor ist mehr als ein bloßer Lehrer. Professoren unterrichten nur einen Teil ihrer Zeit, den Rest sind sie damit beschäftigt zu forschen bzw. Geldgeber für Forschung aufzutreiben, Verwaltungsaufgaben im Institut zu übernehmen sowie die wissenschaftlichen Arbeiten der Studenten zu leiten und kontrollieren. Ohne das ginge an der Uni nämlich gar nichts. Schon alleine das rechtfertigt das Professorenamt.

    Wenn die Vorlesungen dabei gut sind - klasse. Wenn nicht - auch nicht so wild.

    Und wieder einmal wurde ein erschreckendes Bild der Zukunft an die Wand gepinselt, das an der Realität scheitert.

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    Antwort auf "Wird nicht helfen"

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  • Schlagworte Hochschule | Internet | Student | Video
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