Eine Theke mit Bier, belegten Broten und Schokoriegeln: Das ist das Café Mittelachse in der Berliner Universität der Künste (UdK). Die Hochschule hat 40 Studiengänge und 16 Standorte, aber keine Mensa. Studenten treffen sich deshalb hier, im Hauptgebäude am Bahnhof Zoo. Vor dem Interview mit dem Autor, Berater und Internetexperten Sascha Lobo, 38, herrscht Verwirrung. "Haben Sie ein Pferd bestellt?", fragt der Pförtner. Leider nein. Die Frau im Café weiß aber Bescheid: "Ah, du bist hier, um mit dem Sascha zu sprechen!" Lobo gehört an seiner alten Uni immer noch zum Inventar. Eigentlich kein Wunder, bei der Studiendauer ...

ZEIT CAMPUS: Manche Leute halten Sascha Lobo für einen Künstlernamen. Stimmt das?

Sascha Lobo: Nein, der Name ist echt, ich habe ihn von meinem argentinischen Vater. Was lustig ist, weil ich erst neulich merkte: Ich habe ja einen Migrationshintergrund! Mein Vater ist mit 30 Jahren nach Berlin gekommen und hat erst hier die deutsche Sprache gelernt.

ZEIT CAMPUS: Hat Sie das als Kind geprägt?

Lobo: Mein Vater und meine Mutter kommen aus unterschiedlichen Welten. Deshalb musste ich schon früh ein Übersetzer zwischen den Kulturen sein. Das bin ich heute noch, bloß dass ich nicht mehr zwischen Argentinien und Deutschland vermittle, sondern zwischen der analogen und der digitalen Welt.

ZEIT CAMPUS: In Ihren Büchern und Vorträgen erklären Sie den digitalen Wandel. Sie sind so etwas wie der Klassensprecher des Internets. Dafür werden Sie auch verspottet. Fühlen Sie sich als Außenseiter?

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

Lobo: Ach, man sollte das nicht überschätzen. Eine Außenperspektive hilft, Dinge zu hinterfragen, die andere für normal halten. In dem Moment, in dem man etwas selbstverständlich findet, baut man bewusst oder unbewusst Anpassungsdruck auf. Man beginnt, andere auszugrenzen. Mein Aussehen spielt damit.

ZEIT CAMPUS: Wie meinen Sie das?

Lobo: Was ist akzeptiert, und was ist lächerlich? Das will ich mit meinem Anzug und meinem Iro aufbrechen. Ich bin aber kein Außenseiter und kein Revoluzzer, sondern der für das Establishment angenehmstmögliche Außenseiterdarsteller. Ich habe meine Vermittlungs- und Darstellungskompetenz und spiele eine Rolle: Ich bin derjenige, der gerade noch reinpasst und die Welt da draußen erklärt.

ZEIT CAMPUS: Und wie das geht, haben Sie hier an der UdK im Studium der Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation gelernt?

Lobo: Das Studium war ein Hort der strukturierten Ineffizienz. Einige Dozenten konnten was, aber in den Seminaren habe ich nur die Theorien der Kommunikation gelernt – und die Bedienung von Geräten aus den frühen 1970er Jahren. Aber die Atmosphäre und die Leute hier, die waren entscheidend.

ZEIT CAMPUS: Inwiefern?

Lobo: Die Uni war ein Trainingscamp für Selbstdarsteller. Ich meine das gar nicht abfällig. Es gab einen Wettbewerb der Selbstinszenierung. Oft ironisch gebrochen, sonst ist so was ja kaum zu ertragen. Anderswo bekam man auf die Fresse, wenn man sich auf die Bühne stellte und laut wurde – hier gehörte es dazu.

ZEIT CAMPUS: Wie lange waren Sie Student?

Lobo: Eingeschrieben habe ich mich 1998. Mein Diplom habe ich im letzten Februar abgeholt.

ZEIT CAMPUS: Sie haben also 15 Jahre studiert ...

Lobo: Nur 15? Shit! Ich rechne immer in Semestern, deshalb kam mir das länger vor. Ich habe aber schon vorher, ab Sommer 1995, an anderen Unis studiert, Publizistik und Biotechnologie.