ZEIT CAMPUS: Herr Hesse, Sie betreiben ein Büro für Berufsstrategie. Wozu braucht ein Bewerber eine Strategie?

Jürgen Hesse: Ich meine damit, dass man planvoll vorgehen sollte und nicht einfach Firmen googelt und dann an alle die gleiche Bewerbung schickt. Sonst ist man wie ein Fischer, der eine Schnur ohne Köder in einen See wirft. Wer dagegen weiß, wo es gute Fische gibt und was ihnen schmeckt, hat viel bessere Chancen auf einen guten Fang.

ZEIT CAMPUS: Wie sieht der Plan aus?

Hesse: Entscheidend ist zunächst einmal die Einstellung. Man darf sich nicht als Suchender sehen, sondern als jemand, der etwas zu bieten hat. Das Unternehmen braucht jemanden, es hat also ein Problem. Und ich helfe dem Unternehmen aus der Patsche, weil ich ein Problemlöser bin!

ZEIT CAMPUS: ...und kein Bittsteller.

Hesse: Genau. Wenn ich mir das als Bewerber deutlich mache, verändert sich meine Situation zum Positiven.

ZEIT CAMPUS: Viele Studenten haben keine Zeit, systematisch vorzugehen, weil die letzten Prüfungen im Studium und die ersten Bewerbungen zusammenfallen.

Hesse: Keiner sollte so traumtänzerisch sein und sich mit dem Job erst nach dem Studium beschäftigen. Die meisten entwickeln ja im Laufe der Semester ein Gefühl dafür, wohin sie möchten. Wer das weiß, sollte im Idealfall schon gezielt Praktika machen und sich so ein Netzwerk aufbauen. Je früher man einen Plan hat, desto weniger Stress hat man gegen Ende des Studiums.

ZEIT CAMPUS: Aber man kann sich doch auch erst am Studienende bewerben!

Hesse: Wer der Typ ist, der besser eins nach dem anderen abarbeitet, kann auch erst die Abschlussarbeit fertig machen und dann Bewerbungen schreiben.

ZEIT CAMPUS: Wie fängt man strategisch klug mit der Suche an?

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

Hesse: Indem man Stellenanzeigen liest. Das sollte jeder tun, denn so erkennt man, wo gerade Bedarf ist. Und man findet vielleicht spannende Jobs, an die man noch gar nicht gedacht hat. Natürlich bewerben sich bei großen Unternehmen auch mal 500 Absolventen um eine Stelle. Da ist es schwierig aufzufallen. Aber warum nicht probieren? Selbst wenn ein anderer den Job bekommt, wird man vielleicht bemerkt und erhält später eine Chance.

ZEIT CAMPUS: Wo lohnen sich Initiativbewerbungen?

Hesse: Überall. Wenn man in einem Bereich besonders fit ist, kann man einfach mal bei einem passenden Unternehmen anrufen. Die meisten sind da aufgeschlossen – und dann schickt man eine Bewerbung los. Oder man fährt auf eine Berufsmesse.

ZEIT CAMPUS: Wie geht man da am besten vor?

Hesse: Einfach ein bisschen plaudern und sich nach den neuesten Entwicklungen in den Unternehmen erkundigen. So sammelt man ganz leicht sehr viele Kontakte. Wer sehr schüchtern ist, kann sich den Weg auf eine Messe vielleicht sparen. Aber grundsätzlich lohnt es sich für die meisten. Auf die kurzen Gespräche kann man dann in Bewerbungen Bezug nehmen – und die Unternehmen sehen, dass man sich schon seit einiger Zeit mit ihnen beschäftigt hat. Das kommt immer gut an.

ZEIT CAMPUS: Kann man auch im Internet suchen? Zum Beispiel bei Facebook?

Hesse: Das kommt auf die Branche an. Werbeagenturen stellen bei Facebook sogar Stellenanzeigen ein, in anderen Branchen ist das nicht üblich. Netzwerke wie Xing oder LinkedIn kann man dagegen immer nutzen, um Informationen einzuholen und auch um erste Kontakte zu knüpfen.