ZEIT Campus: Frau Condic, welche Frage stellen Sie Bewerbern als Erstes?

Natalie Condic: Meist bin ich diejenige, die anfängt zu erzählen. Ich frage die Bewerber, wie die Anfahrt war und ob sie etwas trinken möchten. Dann stelle ich mich vor und erkläre meine Position im Unternehmen. Mir ist es wichtig, eine angenehme Situation zu schaffen, um den Bewerbern die Nervosität zu nehmen. Sie sollen sich wohlfühlen, um frei und ungezwungen zu sprechen. So erfahre ich schließlich am meisten.

ZEIT Campus: Achten Sie bereits in diesem Teil darauf, wie sich jemand schlägt?

Condic: Sicher. Ich bemerke gleich, ob jemand distanziert oder nervös ist und wie sehr er auf mich eingeht.

ZEIT Campus: Wie geht es weiter?

Condic: Ich lasse die Bewerber erst einmal viel über sich und ihren Lebenslauf erzählen.

ZEIT Campus: Aber das konnten Sie doch schon alles vorher lesen.

Condic: Das stimmt schon. Aber ich will verstehen, warum ein Bewerber diesen oder jenen Schritt gemacht hat. Das Was kann ich auf dem Papier sehen, im Gespräch interessiert mich das Warum. Zum Beispiel, warum das Projekt im Praktikum so spannend war und welchen Beitrag man selbst dazu geleistet hat. So erkenne ich, wie jemand kommuniziert und wie strukturiert er beim Erzählen vorgeht.

ZEIT Campus: Warum ist es wichtig, dass jemand strukturiert erzählen kann?

Condic: Ich betreue den Bereich Controlling. Gerade Controller sollten in der Lage sein, sehr präzise zu kommunizieren. Springt ein Bewerber bei seinem Lebenslauf wild durcheinander, dann wäre das ein Punkt für mich, den ich im Verlauf des Gesprächs noch einmal überprüfe.

ZEIT Campus: Woran merken Sie, dass ein Vorstellungsgespräch gut läuft?

Condic: Das beste Gespräch ist immer ein Dialog auf Augenhöhe. Jeder bekommt Antworten auf die Fragen, die er hat. Bei Vorstellungsgesprächen geht es darum, den Menschen kennenzulernen. Ein Bewerber muss für mich deshalb vor allem authentisch sein. Sicher will er sich gut präsentieren, aber ich muss merken, dass er im Zweifel auch seine eigene Meinung mit Argumenten vertritt.

ZEIT Campus: Wie lernen Sie denn einen Bewerber als Menschen kennen?

Condic: Ich will wissen, welche Situationen in seinem Leben besondere Herausforderungen waren. Woran ist er gewachsen? Was hat ihn geformt? Einige erzählen dann zum Beispiel, wie prägend es war, das Elternhaus zu verlassen, andere von Todesfällen oder ähnlich schweren Schicksalsschlägen.

ZEIT Campus: Soll man denn etwas so Persönliches überhaupt erzählen?

Condic: Auf jeden Fall. Diese Offenheit freut mich, weil es für die meisten eine Überwindung ist, mehr von sich preiszugeben. Dann will ich natürlich auch wissen, was derjenige daraus gelernt hat und wie reflektiert er ist. Übrigens sind Umwege im Lebenslauf in Ordnung, wenn ich sehe, dass sie den Kandidaten geformt haben.

ZEIT Campus: Aber über die fachliche Seite wollen Sie sicher auch etwas hören, oder?

Condic: Klar, wenn ich das Warum in der Biografie verstanden habe, will ich wissen, wie die Bewerber die Rolle des Controllers in einem Konzern verstehen. Wir brauchen aktive Mitarbeiter, die auch den Mut haben, eigene Entscheidungen zu treffen. Bei uns wird das Controlling als das wirtschaftliche Gewissen des Unternehmens gesehen. So etwas in der Art will ich auch von den Bewerbern hören.