VorstellenWas erwartet mich im Gespräch?

Die Personalchefin Natalie Condic berichtet, wie sie vorgeht und was ausschlaggebend für ihre Entscheidung ist von Lisa Srikiow

ZEIT Campus: Frau Condic, welche Frage stellen Sie Bewerbern als Erstes?

Natalie Condic: Meist bin ich diejenige, die anfängt zu erzählen. Ich frage die Bewerber, wie die Anfahrt war und ob sie etwas trinken möchten. Dann stelle ich mich vor und erkläre meine Position im Unternehmen. Mir ist es wichtig, eine angenehme Situation zu schaffen, um den Bewerbern die Nervosität zu nehmen. Sie sollen sich wohlfühlen, um frei und ungezwungen zu sprechen. So erfahre ich schließlich am meisten.

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ZEIT Campus: Achten Sie bereits in diesem Teil darauf, wie sich jemand schlägt?

Condic: Sicher. Ich bemerke gleich, ob jemand distanziert oder nervös ist und wie sehr er auf mich eingeht.

Natalie Condic

38, ist beim Konsumgüterhersteller L’Oréal in der Personalabteilung fürs Controlling zuständig und führt im Jahr 200 Bewerbungsgespräche

ZEIT Campus: Wie geht es weiter?

Condic: Ich lasse die Bewerber erst einmal viel über sich und ihren Lebenslauf erzählen.

ZEIT Campus: Aber das konnten Sie doch schon alles vorher lesen.

Condic: Das stimmt schon. Aber ich will verstehen, warum ein Bewerber diesen oder jenen Schritt gemacht hat. Das Was kann ich auf dem Papier sehen, im Gespräch interessiert mich das Warum. Zum Beispiel, warum das Projekt im Praktikum so spannend war und welchen Beitrag man selbst dazu geleistet hat. So erkenne ich, wie jemand kommuniziert und wie strukturiert er beim Erzählen vorgeht.

ZEIT Campus: Warum ist es wichtig, dass jemand strukturiert erzählen kann?

Condic: Ich betreue den Bereich Controlling. Gerade Controller sollten in der Lage sein, sehr präzise zu kommunizieren. Springt ein Bewerber bei seinem Lebenslauf wild durcheinander, dann wäre das ein Punkt für mich, den ich im Verlauf des Gesprächs noch einmal überprüfe.

ZEIT Campus: Woran merken Sie, dass ein Vorstellungsgespräch gut läuft?

Condic: Das beste Gespräch ist immer ein Dialog auf Augenhöhe. Jeder bekommt Antworten auf die Fragen, die er hat. Bei Vorstellungsgesprächen geht es darum, den Menschen kennenzulernen. Ein Bewerber muss für mich deshalb vor allem authentisch sein. Sicher will er sich gut präsentieren, aber ich muss merken, dass er im Zweifel auch seine eigene Meinung mit Argumenten vertritt.

ZEIT Campus: Wie lernen Sie denn einen Bewerber als Menschen kennen?

Condic: Ich will wissen, welche Situationen in seinem Leben besondere Herausforderungen waren. Woran ist er gewachsen? Was hat ihn geformt? Einige erzählen dann zum Beispiel, wie prägend es war, das Elternhaus zu verlassen, andere von Todesfällen oder ähnlich schweren Schicksalsschlägen.

ZEIT Campus: Soll man denn etwas so Persönliches überhaupt erzählen?

Condic: Auf jeden Fall. Diese Offenheit freut mich, weil es für die meisten eine Überwindung ist, mehr von sich preiszugeben. Dann will ich natürlich auch wissen, was derjenige daraus gelernt hat und wie reflektiert er ist. Übrigens sind Umwege im Lebenslauf in Ordnung, wenn ich sehe, dass sie den Kandidaten geformt haben.

ZEIT Campus: Aber über die fachliche Seite wollen Sie sicher auch etwas hören, oder?

Condic: Klar, wenn ich das Warum in der Biografie verstanden habe, will ich wissen, wie die Bewerber die Rolle des Controllers in einem Konzern verstehen. Wir brauchen aktive Mitarbeiter, die auch den Mut haben, eigene Entscheidungen zu treffen. Bei uns wird das Controlling als das wirtschaftliche Gewissen des Unternehmens gesehen. So etwas in der Art will ich auch von den Bewerbern hören.

Leserkommentare
  1. und morgen erscheint wahrscheinlich ein Interview mit einem anderen Personaler, der viel Rumreden gar nicht schätzt.

    Ich weiß ehrlich gesagt nicht, warum diese Artikel immer noch erscheinen. Sie helfen einem als Bewerber NULL - denn zusammenfassend lässt sich auf die Frage "Wie soll ich mich bewerben/verhalten?" nur eine Antwort geben : "Das kommt darauf an".

    25 Leserempfehlungen
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    Besser kann man es nicht ausdrücken.

    • xtina72
    • 20. August 2013 12:13 Uhr

    Stimmt genau!

    Der eine mag kein Gequatsche,der andere kann gar nicht lange genug reden. Gleiches gilt für private Dinge erzählen (Hobbys etc).
    Bei dem einen kommt sowas gut an, der andere würgt einen sofort ab, weil es ihn einen nassen P..... interessiert.

    Also, es kommt auf eines an - aufs Glück, dass richtige zu sagen :)

    ich finde diese Intwerviews oder Erfahrungsberichte sehr nützlich.
    Schließlich zeigen Sie, dass es wichtig ist unseren Gegenüber einzuschätzen. Durch die vielen verschiedenen Meinungen dazu sollte man sich aber nicht verunsichern lassen, sondern erkennen welche Sichtweisen es auf ein Bewerbungsgespräch gibt. Und wie mein Gegenüber tickt erkennt man mit etwas Erfahrung Beobachtung sehr schnell.
    Z.B. Hälrt er/sie die Begrüßung knap und fängt gleich mit Fakten an, kann man von jemanden ausgehen, der kein "geschwafel" mag und umgekehrt. Schlußendlich haben alle interviewten Personaler gemein, dass sie eine lockere Atmosphäre schaffen wollen und der Kandidat seine Chance trotz natürlicher bekommt.

    man es im formalen Französisch sehr mag, wenn man "ausschweift".

    Einfach sich mal die Schlussformeln in einem französischen Brief anschauen.

    oder wer die Musketier-Verfilmung aus den 1970er, mit Reed, York, Heston und Lee kennt.

    Da sagte ein Offizier, der einen Brief an seine Vorgesetzen diktiert am Schluss auch, das übliche "LMAA".

    Ich finde es sehr merkwürdig, wenn man frz. Bewerbungsriten auf Deutschland übertragen will, das ist eigentlich nur Ballast und genauso nutzlos wie "Hesse / Schrader", wenn man es unreflektiert doziert.

    • PerpMob
    • 20. August 2013 17:10 Uhr

    Es gibt eben nicht die eine Wahrheit, wie man sich zu verhalten hat und was der Gegenüber von einem erwartet. Diese Artikel helfen einem als Bewerber sehr wohl, denn es kommt zwar auf den Gegenüber an, wie das Gespräch letztendlich verläuft, aber wenigstens weiß man, was einen alles erwarten kann. Der eine mag es kurz, der andere ausführlich, der Inhalt ist aber der gleiche.

    • Panic
    • 20. August 2013 12:05 Uhr

    Meine Erfahrung des Controllings: Der Idee größter Feind und der Tod jeglicher Kreativität.

    "Der Mensch tickt nun einmal so, dass ihm das Äußere auffällt. Das fängt beim Händedruck an. Ich versuche, das erst einmal nicht zu bewerten. Aber ich denke schon, dass ein passendes optisches Auftreten zu einem Vorstellungsgespräch dazugehört. Schließlich findet es in einem professionellen Kontext statt, da wäre Freizeitkleidung unangebracht."

    Und das heißt, dass Sie, liebe Fr. Condic, auch so ticken müssen?! Dabei suchen Sie doch die Außergewöhnlichen, die Talente, die, die ein Unternehmen maßgeblich voranbringen. Das Genie heißt nicht Windsorknoten und hängt am Hals, sondern nennt sich Gehirn und schwimmt im Kopf.

    Salut

    11 Leserempfehlungen
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    Das heißt vermutlich, liebe(r) Panic, dass die Frau Condic sich der Wirkung des Aussehens auf andere und sich selbst voll bewusst ist. Selbstreflektion ist übrigens eine Eigenschaft, die ich bei Personalern und Vorgesetzten sehr schätze. Außerdem scheint sie in Beiträgen vieler Kommentatoren zu fehlen.

  2. Besser kann man es nicht ausdrücken.

    Eine Leserempfehlung
    • xtina72
    • 20. August 2013 12:13 Uhr

    Stimmt genau!

    Der eine mag kein Gequatsche,der andere kann gar nicht lange genug reden. Gleiches gilt für private Dinge erzählen (Hobbys etc).
    Bei dem einen kommt sowas gut an, der andere würgt einen sofort ab, weil es ihn einen nassen P..... interessiert.

    Also, es kommt auf eines an - aufs Glück, dass richtige zu sagen :)

    3 Leserempfehlungen
  3. ich finde diese Intwerviews oder Erfahrungsberichte sehr nützlich.
    Schließlich zeigen Sie, dass es wichtig ist unseren Gegenüber einzuschätzen. Durch die vielen verschiedenen Meinungen dazu sollte man sich aber nicht verunsichern lassen, sondern erkennen welche Sichtweisen es auf ein Bewerbungsgespräch gibt. Und wie mein Gegenüber tickt erkennt man mit etwas Erfahrung Beobachtung sehr schnell.
    Z.B. Hälrt er/sie die Begrüßung knap und fängt gleich mit Fakten an, kann man von jemanden ausgehen, der kein "geschwafel" mag und umgekehrt. Schlußendlich haben alle interviewten Personaler gemein, dass sie eine lockere Atmosphäre schaffen wollen und der Kandidat seine Chance trotz natürlicher bekommt.

    4 Leserempfehlungen
  4. die in jedem zweiten ihrer Produkte hormonell wirksame Zustaten verwendet.
    Ziemlich unseriös.

    4 Leserempfehlungen
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    • michl30
    • 20. August 2013 14:50 Uhr

    ... oder rauchen Sie diese sogar?

  5. man es im formalen Französisch sehr mag, wenn man "ausschweift".

    Einfach sich mal die Schlussformeln in einem französischen Brief anschauen.

    oder wer die Musketier-Verfilmung aus den 1970er, mit Reed, York, Heston und Lee kennt.

    Da sagte ein Offizier, der einen Brief an seine Vorgesetzen diktiert am Schluss auch, das übliche "LMAA".

    Ich finde es sehr merkwürdig, wenn man frz. Bewerbungsriten auf Deutschland übertragen will, das ist eigentlich nur Ballast und genauso nutzlos wie "Hesse / Schrader", wenn man es unreflektiert doziert.

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    1.) Natalie Condic arbeitet für L'Oreal Deutschland (Tochtergesellschaft) und es geht hier um die deutsche Kultur von Vorstellungsgesprächen.

    2.) Seit den 1970ern, auf die Sie sich beziehen, hat sich Frankreich mehr verändert, als wohl Ihr Frankreichbild. Die häufigste Schlussformel eines Geschäftsbriefes ist heute wahrscheinlich "meilleures salutations", knapp kürzer als "mit freundlichen Grüssen".

    Widerspruch, und zwar heftiger. Seit einiger Zeit ist die Schlussformel nur mehr lediglich "Cordialement, XY!" Und ausschweifend wird auch nicht mehr geredet. Die frz. Kollegen hören sich nachwievor gern reden, aber nicht ausschweifend. Im Gegenteil, es wird sehr zum Punkt geredet, aber eben mehrfach.

  6. naja, gerade bei einem Kosmetikkonzern, dürfte das doch zum Image passen.
    Die Schihe gehen natürlich nicht aber ein dynamischer Auftritt ist doch da gewollt.

    Wenn der Konzern die Anreise gratis macht, ohne diese Gratisanreise an Bedingungen zu knüpfen ist es doch sein Problem.

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