ZEIT Campus: Herr Schreiber, Sie haben erforscht, wie Menschen Entscheidungen treffen. Wie wählt man einen Beruf aus, mit dem man zufrieden ist?

Marc Schreiber: Indem man genau überlegt, was man will und was man gut kann. Zudem sollte man sich ein möglichst umfassendes Bild über die Arbeitswelt machen. Menschen, die so vorgehen, sind zufriedener mit ihrer Wahl. Spontane Bauchentscheidungen sind im Gegensatz dazu weniger vielversprechend. Das hat mich selbst überrascht.

ZEIT Campus: Wie geht man am besten vor, wenn das Ende der Uni-Zeit naht und die Bewerbungen anstehen?

Schreiber: In einem ersten Schritt sollte man sich fragen: Was will ich? Was kann ich? Welche Interessen habe ich? Welche Ziele will ich verfolgen? Was motiviert mich? Am besten schreibt man sich die Antworten auf. Aus meiner Sicht ist das der Kern der Entscheidungsfindung: herauszufinden, wer man ist und was man will. Dazu gehört es auch, zwischen innerer und äußerer Karriere zu unterscheiden.

ZEIT Campus: Was meinen Sie damit?

Schreiber: Die äußere Karriere wird von gesellschaftlichen Erwartungen geprägt: viel Geld, Prestige, ein Job, um den einen alle beneiden – so etwa. Ich habe oft 40-Jährige in der Beratung, die sagen, sie hätten all das erreicht und trotzdem keine Lust mehr. Das sind meist Menschen, die sich nur für die äußere Karriere entschieden haben, ohne auf ihre Wünsche zu hören. Genau das, die eigene Motivation, spielt aber bei der Berufswahl eine zentrale Rolle. Ich nenne das innere Karriere. Es ist wichtig, die gesellschaftlichen Erwartungen mit den eigenen Zielen abzugleichen. Wenn jemand also sagt, dass er vor allem viel Geld verdienen möchte, dann muss er sich überlegen, ob er das wirklich will oder ob er denkt, dass das von ihm erwartet wird.

ZEIT Campus: Wie soll man das als Berufsanfänger alles so genau einschätzen können?

Schreiber: Natürlich sind gerade der Einstieg und die ersten Jahre im Berufsleben schwierig, weil man noch nicht auf einen großen Erfahrungsschatz zurückgreifen kann. Deshalb sollte man bereits im Studium berufliche Erfahrungen sammeln. In einem Praktikum erlebt man Neues, bekommt Feedback, lernt ein berufliches Umfeld kennen und kann am Ende sagen: Ja, das interessiert mich. Oder eben auch: Nein, das möchte ich auf keinen Fall machen. Diese Erfahrungen sind wichtig für den Entscheidungsprozess. Außerdem knüpft man Kontakte und baut sich ein Netzwerk auf.

ZEIT Campus: Wie sinnvoll ist es denn, andere um Rat zu fragen?

Schreiber: Man sollte auf jeden Fall die Ratschläge von anderen bei der Berufsentscheidung mit einbeziehen, etwa von Eltern und Freunden, aber auch von Professoren oder Berufstätigen, die man beispielsweise während eines Praktikums kennengelernt hat. Allerdings sollte man die Ratschläge hinterfragen. Manchmal bekommt man einen Rat von jemandem, den man bewundert, dann zählt nicht das Argument, sondern man trifft die Entscheidung vielleicht aufgrund der Person. Bei jedem Rat muss man deshalb ganz genau in sich hineinhorchen und sich fragen: Inwiefern lässt sich das mit meinen eigenen Vorstellungen vereinbaren?

ZEIT Campus: Was ist mit dem Arbeitsmarkt? Auch wer weiß, was er will, findet doch oft nicht einfach so den passenden Job.

Schreiber: Natürlich muss auch der Arbeitsmarkt berücksichtigt werden. Meine Forschungen haben gezeigt: Zufrieden waren die Leute, die wussten, was sie wollten, und die zusätzlich viele Informationen über ihren Traumberuf eingeholt hatten. In einem zweiten Schritt sollte man sich deshalb umfassend über Berufswege, Stellenangebote, Aufstiegschancen, Gehalt und Weiterbildungsmöglichkeiten informieren.