Wer Medizin studiert, wird Arzt. In Geschichte, Germanistik, Soziologie und anderen Geistes- und Sozialwissenschaften führen die Studiengänge dagegen nicht zu einem konkreten Beruf. Viele Absolventen glauben deshalb, nirgendwo so richtig hinzupassen. Aber das Gefühl täuscht.

Wer Stellenanzeigen aufmerksam liest, wird feststellen, dass Unternehmen häufig Mitarbeiter mit Kompetenzen suchen, die viele Geistes- und Sozialwissenschaftler mitbringen. Dazu zählen beispielsweise Fremdsprachenkenntnisse, Organisationstalent oder die Fähigkeit, Probleme aus ungewöhnlichen Perspektiven zu betrachten. Man sollte sich deshalb bewusst machen, was man im Studium, bei Praktika, aber auch bei Nebenjobs oder in Vereinen alles gelernt hat, dann fällt es leichter, passende Ausschreibungen zu erkennen. Wer etwa den Austausch der Pfadfinder erfolgreich vorbereitet hat, kann das in seiner Bewerbung um eine Projektassistenz erwähnen, um zu zeigen, dass er schon Erfahrung im Organisieren hat.

So gesehen haben viele Absolventen ein breiteres Profil, als ihnen selbst bewusst ist. Geistes- und Sozialwissenschaftler arbeiten praktisch in allen Branchen – nicht nur in Museen, Archiven und Verlagen, sondern zum Beispiel auch in Werbeagenturen und Personalabteilungen. Die Gefahr besteht darin, während des Studiums überall hineinzuschnuppern, sich letztlich aber nicht zu spezialisieren. Dadurch haben viele Absolventen einen guten Abschluss, aber keine Idee, was sie damit anfangen können. Um herauszufinden, was man möchte, kann man versuchen, möglichst konkrete Vorstellungen von vielen unterschiedlichen Berufen zu bekommen, am besten schon während der ersten Semester. Informationen dazu gibt es beispielsweise beim Career Center der Universität, über das Alumni-Netzwerk, die Fachschaft, bei Job- und Karrieremessen oder Vorträgen von Unternehmen und Organisationen.

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Praktika als Orientierungshilfe

Bei der weiteren Orientierung helfen Praktika. Die sollte man gezielt auswählen, rät Bernd Vonhoff, Vorsitzender des Berufsverbands Deutscher Soziologinnen und Soziologen (BDS): »Natürlich sind Praktika dazu da, verschiedene Dinge auszuprobieren. Trotzdem sollte man aber zeigen, dass es einen roten Faden im Lebenslauf gibt.« Gerade in den ersten Semestern kann man selbstverständlich auch die Möglichkeit nutzen, nach einem Praktikum eine Kehrtwende zu machen und das nächste Mal etwas ganz anderes auszuprobieren.

Wenn man noch nicht sicher ist, was zu einem passt, kann man nach dem Ausschlussverfahren vorgehen: Vielleicht merkt man während des ersten Museumspraktikums, dass einen die Konzeption der Ausstellung nicht besonders interessiert, man aber die Aufgaben der Kollegen in der Öffentlichkeitsarbeit spannend findet. Grundsätzlich sollte man bei jedem Praktikum die Gelegenheit nutzen, mit Mitarbeitern aus allen Unternehmensbereichen zu sprechen und sich möglichst viele Tätigkeiten anzuschauen. Manchmal hilft es für einen ersten Eindruck schon, wenn man einen Kollegen aus einer anderen Abteilung einen Tag lang begleitet. Wer sich auf ein Tätigkeitsfeld festlegt, sollte auf sein Gefühl hören, sagt Bernd Vonhoff: »Gut ist man, wenn einem etwas Spaß macht. Es gibt immer wieder regelrechte Schwemmen in einem Beruf, weil viele Leute einige Jahre zuvor auf dieselbe Empfehlung gehört haben. Bei so etwas sollte man nicht mitmachen.«

Sehr viele Praktika anzusammeln ist meist nicht nötig. Lothar Bucke, Personalleiter bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin, empfiehlt zwei bis drei während des Studiums: »Praktika nach Studienende sollte man vermeiden. Das zeigt nur, dass jemand keinen Job gefunden hat.« Tatsächlich kommen solche Praktika laut einer Studie des Hochschul-Informations-Systems zwar vor, sind aber nicht die Regel: Rund 15 Prozent der Politik- und Sozialwissenschaftler und etwa 30 Prozent der Geisteswissenschaftler machen nach dem Abschluss noch mindestens ein Praktikum.

Überlegen, wo die eigenen Fähigkeiten liegen

Wer durch Praktika ein spannendes Berufsfeld gefunden hat, kann versuchen, dafür Zusatzqualifikationen zu erwerben. Marketing- und Computerkurse etwa sind an Hochschulen oft kostenlos. Später kann man sich bei den Industrie- und Handelskammern oder der Volkshochschule weiterbilden. »Wer solche Zusatzqualifikationen mitbringt, sollte nicht davor zurückschrecken, sich mit seinem neuen Wissen auch auf Stellen zu bewerben, die für Juristen oder Wirtschaftswissenschaftler ausgeschrieben sind«, sagt Bernd Vonhoff, der selbst mit zwei Partnern eine Unternehmensberatung gegründet hat.

Einen Vorteil bei der späteren Bewerbung können sich Geistes- und Sozialwissenschaftler auch verschaffen, indem sie ihre Bachelor- oder Masterarbeit in einem Unternehmen schreiben. Das ersetzt in den Augen mancher Personalverantwortlichen sogar erste Berufserfahrung. »Untersuchen Sie beispielsweise als Soziologe, welche Auswirkungen die Organisation der Arbeitsabläufe auf die Gesundheit der Mitarbeiter hat«, schlägt Vonhoff vor. Mit einer selbst gestellten Frage zeigt man auch, dass man in der Lage ist, ein Thema zu strukturieren und eigenständig Lösungen zu erarbeiten. Ähnliche Fähigkeiten lassen sich zum Beispiel durch ein schnelles Studium belegen: »Auf unsere Forschungsstellen bewerben sich Kandidaten mit Promotion, die meist schon Anfang 30 sind. Wer ein paar Jahre jünger ist, zeigt, dass er zielstrebig ist und fähig, sich selbst zu organisieren«, sagt Lothar Bucke von der SWP.

Geistes- und Sozialwissenschaftler, die keine passende Stelle finden, können versuchen, sich selbst Arbeitsplätze zu schaffen: »Vielleicht haben Sie Lust, einen Verein zu gründen. So etwas kann zuerst ein Hobby sein, aber möglicherweise ergibt sich nach einiger Zeit die Gelegenheit, öffentliche Gelder zu beantragen und hauptberuflich dafür zu arbeiten«, sagt Bernd Vonhoff vom Soziologenverband. Auch ungewöhnliche Kombinationen sollte man nicht von vornherein als Berufsmöglichkeit verwerfen, rät er und berichtet: »Ich kenne zum Beispiel einen Philosophen, der Therapien für Manager anbietet. Er strukturiert große Aufgaben mit ihnen und animiert sie, komplexe Probleme zu reduzieren.«

Für den Berufseinstieg als Geistes- und Sozialwissenschaftler hilft also: überlegen, wo die eigenen Fähigkeiten liegen, um Arbeitgebern dadurch besser erklären zu können, warum die ganz persönliche Kombination aus Studium, Praktika und weiteren Qualifikationen so besonders ist.