Berufseinstieg Wie finde ich eine passende Stelle?
Seite 2/2:

Überlegen, wo die eigenen Fähigkeiten liegen

Wer durch Praktika ein spannendes Berufsfeld gefunden hat, kann versuchen, dafür Zusatzqualifikationen zu erwerben. Marketing- und Computerkurse etwa sind an Hochschulen oft kostenlos. Später kann man sich bei den Industrie- und Handelskammern oder der Volkshochschule weiterbilden. »Wer solche Zusatzqualifikationen mitbringt, sollte nicht davor zurückschrecken, sich mit seinem neuen Wissen auch auf Stellen zu bewerben, die für Juristen oder Wirtschaftswissenschaftler ausgeschrieben sind«, sagt Bernd Vonhoff, der selbst mit zwei Partnern eine Unternehmensberatung gegründet hat.

Einen Vorteil bei der späteren Bewerbung können sich Geistes- und Sozialwissenschaftler auch verschaffen, indem sie ihre Bachelor- oder Masterarbeit in einem Unternehmen schreiben. Das ersetzt in den Augen mancher Personalverantwortlichen sogar erste Berufserfahrung. »Untersuchen Sie beispielsweise als Soziologe, welche Auswirkungen die Organisation der Arbeitsabläufe auf die Gesundheit der Mitarbeiter hat«, schlägt Vonhoff vor. Mit einer selbst gestellten Frage zeigt man auch, dass man in der Lage ist, ein Thema zu strukturieren und eigenständig Lösungen zu erarbeiten. Ähnliche Fähigkeiten lassen sich zum Beispiel durch ein schnelles Studium belegen: »Auf unsere Forschungsstellen bewerben sich Kandidaten mit Promotion, die meist schon Anfang 30 sind. Wer ein paar Jahre jünger ist, zeigt, dass er zielstrebig ist und fähig, sich selbst zu organisieren«, sagt Lothar Bucke von der SWP.

Der Experte rät

»Machen Sie vor dem Bewerbungsgespräch einen Rundgang durchs Museum«

Wer bei uns ein wissenschaftliches Volontariat absolvieren möchte, sollte mindestens einen Masterabschluss mitbringen; eine Promotion hingegen ist nicht unbedingt notwendig. Der Andrang auf ausgeschriebene Stellen ist allerdings riesig. Pro Ausschreibung erhalten wir durchschnittlich 300 bis 500 Bewerbungen. Wir ordnen diese nach festgelegten Kriterien, in erster Linie nach Zeugnisnoten, Studienabschlüssen und praktischen Erfahrungen. Rund 15 Kandidaten laden wir dann zu einem Vorstellungsgespräch ein. Die Museumslandschaft ist überschaubar, bei Kandidaten, die in die engere Wahl kommen, fragen wir schon einmal bei anderen Einrichtungen nach, ob es stimmt, was die Bewerber über ihre Praktika dort geschrieben haben. Von den eingeladenen Kandidaten erwarten wir, dass sie sich bereits vorher einen Eindruck von unserem Museum gemacht und dieses besucht haben. Wer kurz erklären kann, was ihm gefallen hat und was nicht, hat schon viel gewonnen. Letztlich entscheidet bei den Auswahlgesprächen aber die Persönlichkeit des Bewerbers.

Alexander Koch, 46, ist seit März 2011 Präsident des Deutschen Historischen Museums in Berlin. Er hat Geschichte und Archäologie studiert.

Geistes- und Sozialwissenschaftler, die keine passende Stelle finden, können versuchen, sich selbst Arbeitsplätze zu schaffen: »Vielleicht haben Sie Lust, einen Verein zu gründen. So etwas kann zuerst ein Hobby sein, aber möglicherweise ergibt sich nach einiger Zeit die Gelegenheit, öffentliche Gelder zu beantragen und hauptberuflich dafür zu arbeiten«, sagt Bernd Vonhoff vom Soziologenverband. Auch ungewöhnliche Kombinationen sollte man nicht von vornherein als Berufsmöglichkeit verwerfen, rät er und berichtet: »Ich kenne zum Beispiel einen Philosophen, der Therapien für Manager anbietet. Er strukturiert große Aufgaben mit ihnen und animiert sie, komplexe Probleme zu reduzieren.«

Für den Berufseinstieg als Geistes- und Sozialwissenschaftler hilft also: überlegen, wo die eigenen Fähigkeiten liegen, um Arbeitgebern dadurch besser erklären zu können, warum die ganz persönliche Kombination aus Studium, Praktika und weiteren Qualifikationen so besonders ist.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. als ob die Unternehmen geradezu auf Geisteswissenschaftler warten und dieser aber nur zu ungeschickt/unsicher sind, die richtige Stellenanzeige rauszusuchen. Aus eigener Erfahrung wie auch denen vieler ehemaliger Kommilitonen ist dem leider nicht so. Diese ganzen wunderbaren "Sekundärkompetenzen" interessieren keinen. Ich musste mir sogar anhören, dass meine Erfahrung aus Nebentätigkeiten wertlos seien, da ich ja zu der Zeit ncoh studiert hätte und das ja wohl kaum als Berufserfahrung zählen könne.
    Problem ist auch oft, dass Geisteswissenschaftler zwar durchaus die Kompetenz haben, sich in neue Fachbereiche einzuarbeiten und deswegen sehr geeignet wären als Quereinsteiger- nur kriegt man die Chance nicht, solange nicht irgendein harter Fakt auf dem Lebenslauf steht, der einschlägige Vorkenntnisse beweist.

    13 Leserempfehlungen
  2. "Geisteswissenschaftler haben die Qual der Wahl: Ihre Qualifikationen passen auf eine Vielzahl von Stellenausschreibungen."
    Klingt erst einmal toll. Was für Qualifikationen wären es denn?
    "Dazu zählen beispielsweise Fremdsprachenkenntnisse, Organisationstalent oder die Fähigkeit, Probleme aus ungewöhnlichen Perspektiven zu betrachten."
    Insbesondere bei letzten beiden Punkte ist mir jetzt nicht ganz klar, warum diese in besonderen Maße auf Geisteswissenschaftler zutreffen sollte. Wo findet man den Jobs?
    "praktisch in allen Branchen – nicht nur in Museen, Archiven und Verlagen, sondern zum Beispiel auch in Werbeagenturen und Personalabteilungen."
    So viel Auswahl. Um sich da zu orientieren, was ist da zu empfehlen?
    "Bei der weiteren Orientierung helfen Praktika. Die sollte man gezielt auswählen"
    Toll, und wenn man etwas passendes gefunden hat? Laut Text:
    Sich Zusatzqualifikationen aneignen, Arbeiten im Unternehmen schreiben oder einen Verein gründen und später Fördermittel zu kassieren. Und wenn alles nichts hilft, kann man immer noch Managmentseminare/Coaching anbieten, auch wenn man nicht wirklich eine Qualifikation hiefür hat (wenn ich so überlege, könnte ich es auch machen. Ich bin ein relativ guter Schachspieler. Schach fördert das strategische Denken ^^)
    Ich finde es schade, dass wie schlecht diese Gruppe hier verkauft wird.

    3 Leserempfehlungen
  3. Sicher sind die Geisteswissenschaften ein sehr, sehr interessantes Feld für Studien, aber man sollte sich VOR dem Studium fragen, was man will und wohin man will. Man sollte sich fragen, ob man in den o.g. Berufsaussichten, in Verlagen, im Journalismus, in Museen, wirklich eine Erfüllung findet. Ein geisteswissenschaftliches Studium lässt sich auch nach einem anderen Erststudium realisieren; nur weil man Mathematik studiert hat, heißt das nicht, dass man danach nicht mehr Germanistik studieren kann.

    Was die Geisteswissenschaftler als Hauptfertigkeiten mitbringen, bringen Absolventen anderer Disziplinen so nebenbei mit, wie Organisationstalent, Fremdsprachenkenntnisse, Analysefähigkeiten oder einen kritischen Verstand. Man muss daher früh wissen, wohin man will und sich dann benötigte Zusatzqualifikationen aneignen, die dann letztlich Berufsrelevant sind.

    Eine Leserempfehlung
  4. .... es mag sein, dass Geisteswissenschaftler mit genügend Profilbildung in allen möglichen Bereichen unterkommen können. Daran zweifele ich auch nicht. Warum sollte man nach 5 Jahren Studium und erfolgreichem Abschluss intellektuell den meisten Aufgaben im Berufsleben nicht gewachsen sein?

    Das ändert aber nichts daran, dass de facto wenig (bis sehr wenig) Stellenangebote existieren und das der Konkurrenzkampf um diese wenigen Stellen enorm ist. Der Markt ist einfach vollkommen mit Geisteswissenschaftler überlaufen. Das fängt doch schon damit an einen schlecht (oder gar nicht) bezahlten Praktikumsplatz zu bekommen.

    Eine Leserempfehlung
    • ST_T
    • 18. November 2012 18:25 Uhr

    Während des Studiums Praktika? Höchstens als Philosophie-Student!
    Bei uns? 3-4 Klausuren/Hausarbeiten pro Semester, wie soll da bitte ein Praktikum während der vorlesungsfreien Zeit möglich sein? Noch dazu wenn man nebenbei arbeiten muss für seinen Lebensunterhalt? Ich weiß ja nicht welcher Realitätsferne die Autorin unterliegt, aber berufliche Orientierung war zumindest bei uns kaum bis gar nicht möglich, und wenn dann höchstens mit Urlaubssemester.

    Überhaupt ist dieses ganze vermeintliche Kompetenz-Getue vorgeschoben. Ein MINT-Studium macht noch keinen Naturwissenschaftler, ebenso wenig wie ein geisteswissenschaftliches Studium einen weiteren Arbeitslosen produziert.
    Aber Unternehmen vergleichen ja nur oberflächlich, das ist eher das Problem.

    Zum Glück betrifft es mich nicht wenn ich bald nicht länger hier leben werde.

    4 Leserempfehlungen
  5. Ich persönlich bin zwar kein Geisteswissenschaftler, hoffe aber viel viel Spass zu haben mit Promoventen dort, wenn wir das nächste mal ein Bier trinken gehen und ich ihnen diese "hilfreichen Tips" unter die Nase reiben kann.
    Hoffentlich komme ich dann auch mit guter Absicht (mgl. ein wenig Herablassend wie in dem Artikel) ohne blutige Nase raus.
    Die werden sich bedanken für die hilfreichen Tips: neben der Arbeit Zusatzqualis, Praktika und Fremdsprachen zu belegen. Einen roten Faden in umorientierte Fachrichtungen einzubauen und sich ggf. zusätzlich noch ein Hobby zuzulegen, welches vieleicht später ein Beratungsunternehmen wird :D

    Vieleicht sollten sie einfach behaupten 5 Jahre arbeitslos gewesen zu sein und das Master Studium verheimlichen.

  6. Wenn man den Inhalt des Artikels liest, dann passt diese Überschrift besser.

    Das Problem der Geisteswissenschaftler ist die zunehmende Akademikerschwemme. Es gab mal eine Zeit, da reichte irgendein Universitätsabschluss völlig aus, um als Quereinsteiger in den verschiedensten Jobs anfangen zu können. Diese Zeiten sind vorbei. Früher musste man sich im Kulturbetrieb entscheiden, ob man lieber einen Zahlenschubser einstellt, einen Rubens nicht von einen van Gogh unterscheiden kann oder einen Geisteswissenschaftler, der die Wirtschaft nur von der Kneipe kennt. Heute gibt es dafür „maßgeschneiderte Studiengänge“, wie Kulturwirtschaft.

    Hinzu kommt das Problem, dass die Unternehmen immer weniger bereit sind, in die Ausbildung frisch eingestellter Absolventen zu investieren. Dies liegt auch daran, dass die Personaldecke immer dünner wird und die Kollegen kaum Zeit und Kapazitäten haben, den Neuen über längere Zeit mitschleifen zu können.

    Mein Tipp: Sich am Besten schon vor dem Studium mal überlegen, was man hinterher machen möchte und während des Studium sich dann konsequent in diese Richtung bewegen. Wer erst mit dem Abschluss seines Orchideenfachs aus dem warmen Gewächshaus in die Marktwirtschaft bewegt, den kann schon ein eisiger Wind entgegenschlagen.

    3 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT CAMPUS Ratgeber
  • Schlagworte Geisteswissenschaft | Berufsanfänger | Student
Service