Berufseinstieg Wie finde ich eine passende Stelle?

Geisteswissenschaftler haben die Qual der Wahl: Ihre Qualifikationen passen auf eine Vielzahl von Stellenausschreibungen. Wir zeigen, wie der Jobeinstieg gelingt. von Catalina Schröder

Wer Medizin studiert, wird Arzt. In Geschichte, Germanistik, Soziologie und anderen Geistes- und Sozialwissenschaften führen die Studiengänge dagegen nicht zu einem konkreten Beruf. Viele Absolventen glauben deshalb, nirgendwo so richtig hinzupassen. Aber das Gefühl täuscht.

Wer Stellenanzeigen aufmerksam liest, wird feststellen, dass Unternehmen häufig Mitarbeiter mit Kompetenzen suchen, die viele Geistes- und Sozialwissenschaftler mitbringen. Dazu zählen beispielsweise Fremdsprachenkenntnisse, Organisationstalent oder die Fähigkeit, Probleme aus ungewöhnlichen Perspektiven zu betrachten. Man sollte sich deshalb bewusst machen, was man im Studium, bei Praktika, aber auch bei Nebenjobs oder in Vereinen alles gelernt hat, dann fällt es leichter, passende Ausschreibungen zu erkennen. Wer etwa den Austausch der Pfadfinder erfolgreich vorbereitet hat, kann das in seiner Bewerbung um eine Projektassistenz erwähnen, um zu zeigen, dass er schon Erfahrung im Organisieren hat.

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So gesehen haben viele Absolventen ein breiteres Profil, als ihnen selbst bewusst ist. Geistes- und Sozialwissenschaftler arbeiten praktisch in allen Branchen – nicht nur in Museen, Archiven und Verlagen, sondern zum Beispiel auch in Werbeagenturen und Personalabteilungen. Die Gefahr besteht darin, während des Studiums überall hineinzuschnuppern, sich letztlich aber nicht zu spezialisieren. Dadurch haben viele Absolventen einen guten Abschluss, aber keine Idee, was sie damit anfangen können. Um herauszufinden, was man möchte, kann man versuchen, möglichst konkrete Vorstellungen von vielen unterschiedlichen Berufen zu bekommen, am besten schon während der ersten Semester. Informationen dazu gibt es beispielsweise beim Career Center der Universität, über das Alumni-Netzwerk, die Fachschaft, bei Job- und Karrieremessen oder Vorträgen von Unternehmen und Organisationen.

ZEIT Campus Ratgeber 1/13

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Campus Ratgeber, der am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

Praktika als Orientierungshilfe

Bei der weiteren Orientierung helfen Praktika. Die sollte man gezielt auswählen, rät Bernd Vonhoff, Vorsitzender des Berufsverbands Deutscher Soziologinnen und Soziologen (BDS): »Natürlich sind Praktika dazu da, verschiedene Dinge auszuprobieren. Trotzdem sollte man aber zeigen, dass es einen roten Faden im Lebenslauf gibt.« Gerade in den ersten Semestern kann man selbstverständlich auch die Möglichkeit nutzen, nach einem Praktikum eine Kehrtwende zu machen und das nächste Mal etwas ganz anderes auszuprobieren.

Wenn man noch nicht sicher ist, was zu einem passt, kann man nach dem Ausschlussverfahren vorgehen: Vielleicht merkt man während des ersten Museumspraktikums, dass einen die Konzeption der Ausstellung nicht besonders interessiert, man aber die Aufgaben der Kollegen in der Öffentlichkeitsarbeit spannend findet. Grundsätzlich sollte man bei jedem Praktikum die Gelegenheit nutzen, mit Mitarbeitern aus allen Unternehmensbereichen zu sprechen und sich möglichst viele Tätigkeiten anzuschauen. Manchmal hilft es für einen ersten Eindruck schon, wenn man einen Kollegen aus einer anderen Abteilung einen Tag lang begleitet. Wer sich auf ein Tätigkeitsfeld festlegt, sollte auf sein Gefühl hören, sagt Bernd Vonhoff: »Gut ist man, wenn einem etwas Spaß macht. Es gibt immer wieder regelrechte Schwemmen in einem Beruf, weil viele Leute einige Jahre zuvor auf dieselbe Empfehlung gehört haben. Bei so etwas sollte man nicht mitmachen.«

Der Arbeitsmarkt: Branchen

Geistes- und Sozialwissenschaftler sind nach ihrem Abschluss in ganz unterschiedlichen Branchen tätig. Sie arbeiten in Museen, Archiven, bei Verlagen, in den Medien, in der Aus- und Weiterbildung, der Werbung, der Politik sowie im Kunst- und Kulturbetrieb. Man findet sie aber auch in der Industrie, etwa in Personalabteilungen oder im Marketing.

Einstieg

Rund die Hälfte der Absolventen hat laut HIS ein Jahr nach dem Abschluss einen Job. 22 Prozent der Geistes- und 13 Prozent der Politik- und Sozialwissenschaftler haben sich selbstständig gemacht. Unbefristete Stellen sind die Ausnahme: In der Privatwirtschaft sind es rund 30 Prozent, im öffentlichen Dienst nur etwa 10 Prozent. Das ändert sich aber mit der Zeit: So sind zehn Jahre nach dem Abschluss zum Beispiel mehr als 70 Prozent der Sprach- und Kulturwissenschaftler in einem unbefristeten Arbeitsverhältnis.

Gehalt

Mit dem Bachelorabschluss verdient ein Berufseinsteiger durchschnittlich 22.000 bis 24.000 Euro brutto im Jahr. Diplom- und Masterabsolventen bringen es auf 28.000 bis 30.000 Euro. Mit Promotion verdient man zunächst nicht mehr. Wer allerdings später eine Leitungsposition erreicht, bekommt durchschnittlich fünf bis zehn Prozent mehr Gehalt als Kollegen ohne Doktortitel.

Weitere Informationen

Der Wissenschaftsladen Bonn sammelt in der Zeitschrift Arbeitsmarkt jede Woche Stellenanzeigen für Geisteswissenschaftler.

Was man bei einer Vereinsgründung beachten muss, steht auf der Homepage des Innenministeriums. Auf der Homepage des BDS findet sich auch ein Stellenmarkt für Soziologen.

Sehr viele Praktika anzusammeln ist meist nicht nötig. Lothar Bucke, Personalleiter bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin, empfiehlt zwei bis drei während des Studiums: »Praktika nach Studienende sollte man vermeiden. Das zeigt nur, dass jemand keinen Job gefunden hat.« Tatsächlich kommen solche Praktika laut einer Studie des Hochschul-Informations-Systems zwar vor, sind aber nicht die Regel: Rund 15 Prozent der Politik- und Sozialwissenschaftler und etwa 30 Prozent der Geisteswissenschaftler machen nach dem Abschluss noch mindestens ein Praktikum.

Leserkommentare
    • Mike M.
    • 19. November 2012 10:18 Uhr

    ... nur, dass jemand keinen Job gefunden hat.«

    Und was soll man machen, wenn man nach 12 Monaten keinen Job hat? Da wäre ein Praktikum allemal besser gewesen. Arbeitserfahrung ist nun einmal das A und O für viele private Arbeitgeber.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Das zeigt dann, dass man einen Job gefunden hatte. *Sarkasmusaus*

    • HerrS
    • 19. November 2012 13:44 Uhr

    Mich dünkt, dieser Artikel wurde von einer Geisteswissenschaftlerin geschrieben.

    Wer glaubt, dass Mathematiker als Mathematiker, Biologen als Biologen und Informatiker als Informatiker arbeiten, weiß nichts von diesen Fächern. Auch in den sogenannten MINT-Fächern kann man sehr breit studieren und steht dann vor dem Problem, welches Job-Profil eigentlich am besten passt.
    Die Geisteswissenschaftler müssen sich also nicht alleine fühlen. ;-)

    • Mike M.
    • 19. November 2012 18:45 Uhr

    ...in der schönen neuen Bachelor- und Master-Welt sollte man den gerade volljährigen Studienanfängern schon klar machen, dass nach einem exotisch zugeschnittenen, geisteswissenschaftlichen Studium die Jobsuche durchaus eine Herausforderung sein kann. Da geht es nicht um weniger oder mehr Geld, sondern um die nackte Existenz. Wichtige Informationen liefert der Infokasten: "Rund [also nur!!!] die Hälfte der Absolventen hat laut HIS ein Jahr [!!!] nach dem Abschluss einen Job. [...] Unbefristete Stellen sind die Ausnahme: In der Privatwirtschaft sind es rund 30 Prozent, im öffentlichen Dienst nur etwa 10 Prozent..."
    Klar ist, Topleute setzen sich überall durch. Ich verstehe aber nicht, warum nicht mehr geisteswissenschaftlich orientierte Abiturienten den Lehrerberuf anstreben - da hat man wenigstens konkrete Berufsaussichten. Auch Jura ist eine Geisteswissenschaft, die freilich viel mit logischem Denken zu tun hat. Wer will kann danach immer noch Journalist werden, hat aber auch einen Plan B, wenn es schief geht. Den Tipp nach einem gesiteswissenschaftlichen Studienabschluss keine Praktika zu machen, empfinde ich angesichts der Berufsaussichten für Absolventen (in einem ansonsten rundlaufenden Arbeitsmarkt) als zynisch.

    Antwort auf "Sorry, aber"
  1. Ich denke, der entscheidende Vorteil der Geisteswissenschaften wird hier nicht genannt: Ein anderer Bezug zur Sprache - und zwar zur Muttersprache. Es geht nicht nur um einen schöneren Stil, sondern auch um Denkstrukturen. Denn mit ABSTRAKTER Sprache kann man auch Phänomene erfassen, die sich nicht durch Blick auf ein Messgerät ermitteln lassen.

    Die PISA-Studie zeigt ja, dass diese Fähigkeiten schwinden und insofern auch exklusiv sind. Viele Naturwissenschaftler werden z.B. extrem hilflos und unsachlich, wenn sie über etwas reden sollen, dass nicht quantifiziert werden kann. Ich kenne eine Ärztin, die mit der Verwaltung ihres Hauses überfordert ist, weil sie Behördenbriefe nicht oder nur ausschnittsweise versteht.

  2. Das zeigt dann, dass man einen Job gefunden hatte. *Sarkasmusaus*

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