Wer sich für ein Studium der Ingenieurwissenschaften entschieden hat, ist erst einmal auf der sicheren Seite, denn die Chancen auf dem Arbeitsmarkt sind sehr gut. Entsprechend begehrt ist man als Berufseinsteiger nach dem Abschluss. Die entscheidende Frage lautet deshalb für viele: Wie will ich arbeiten? In einem traditionellen Familienbetrieb, bei einem Mittelständler oder in einem Großkonzern?

»Im Großkonzern arbeitet man am Anfang oft nur an einem sehr speziellen Problem, entwickelt oder optimiert dann eine ganz bestimmte Lösung. Erst mit einigen Jahren Berufserfahrung hat man gute Möglichkeiten, Fach- oder Führungsverantwortung zu übernehmen«, sagt Lars Funk, Bereichsleiter für Beruf und Gesellschaft beim Verein Deutscher Ingenieure (VDI). Im Mittelstand könne man in der Regel sehr viel schneller Verantwortung übernehmen und habe darüber hinaus häufig auch einen direkten Draht zur Unternehmensspitze. Weil die Hierarchien flacher sind, ist die Kette der Vorgesetzten bis zum Chef weniger lang als in einem großen Konzern.

Welche Unternehmensform zu einem passt, hängt auch von der eigenen Lebensplanung ab: Wo möchte man zum Beispiel wohnen? Gerade Mittelständler sitzen häufig in der Provinz. Wer sich ein Leben ohne Großstadt nicht vorstellen kann, sollte sich deshalb nach einer Firma in der Nähe einer Metropole umsehen. Möchte man später auch im Ausland arbeiten, lohnt es sich, nachzuschauen, wo auf der Welt der Wunscharbeitgeber seine Standorte hat. Ein Entscheidungsgrund kann auch die Familienplanung sein. Größere Firmen haben oft spezielle Programme, die einen Wiedereinstieg nach der Familienphase erleichtern, und es gibt eher die Möglichkeit, in Teilzeit zu arbeiten. Auch diese Fragen sollte man sich stellen, bevor die ersten Bewerbungen verschickt werden.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Ratgeber 1/2013. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

Je größer das Unternehmen, desto unwichtiger der Abschluss

Die Tatsache, ob man einen Bachelor- oder einen Masterabschluss mitbringt, spielt bei der Wahl des Arbeitgebers dagegen keine bedeutende Rolle. Auch kleine Betriebe stellen inzwischen Bachelor- absolventen ein. Grundsätzlich gilt aber die Regel: Je größer das Unternehmen, desto unwichtiger der Abschluss. Bei größeren Mittelständlern oder Weltkonzernen taucht die Frage nach dem Abschluss nicht einmal mehr in den Stellenanzeigen auf – so wie bei Siemens. »Auch wer promoviert hat, muss in einem Unternehmen noch dazulernen: Als Produktoptimierer muss man zum Beispiel den Markt genau kennen, als Entwickler immer die Machbarkeit im Auge behalten – all das lernt niemand an der Hochschule«, sagt Frank Stefan Becker, der bei Siemens für Hochschulabsolventen und die Ingenieurausbildung verantwortlich ist. Berufseinsteiger, die direkt von der Hochschule kommen, übernehmen deshalb bei dem Technologiekonzern zunächst Teilaufgaben innerhalb eines Teams in einem speziellen Bereich.

Die klassische Einstiegsposition bei ifm electronic ist die als Assistent eines Vertriebsleiters. Die familiengeführte Firma mit Hauptsitz in Essen stellt Mess- und Steuerungstechnik her. Nach etwa zwei Jahren im Betrieb übernimmt ein Ingenieur dann selbst die Verantwortung für ein Produkt. »Auch mit dem besten Hochschulabschluss kann niemand sofort eigenständig ein Produkt managen, weil ihm die Erfahrung im Umgang mit Kunden und das Know-how über die Strukturen bei uns fehlt. Manch einem Bewerber ist das nicht klar«, sagt Wolfgang Heikamp, Personalleiter bei ifm. Soft Skills zum Beispiel, die ein Absolvent schon mitbringe, wie etwa Präsentationstechniken, müssten im Unternehmen weiterentwickelt werden, damit sie zu den Bedürfnissen der Kunden passen.