Berufseinstieg für KreativeWill ich frei arbeiten?

Viele Designer, Fotografen, Musiker und Journalisten arbeiten freiberuflich, sie schätzen die Unabhängigkeit. Doch keinen Chef zu haben, kann auch schwierig sein. von Catalina Schröder

Das Leben als selbstständiger Künstler kann ein Traum sein. Oder der Grund, warum man nachts nicht schlafen kann. Viele Designer, Fotografen, Musiker und Journalisten arbeiten freiberuflich. Manche, weil sie die Unabhängigkeit schätzen, andere, weil es leichter ist, einzelne Aufträge zu bekommen, als eine der wenigen Festanstellungen in diesen Branchen.

Fast alle Kreativen und Medienschaffenden stehen am Anfang ihres Berufslebens vor der Entscheidung, ob sie als Selbstständige arbeiten sollen, denn feste Stellen direkt nach dem Studium sind besonders schwer zu ergattern. Will ich frei arbeiten? Die große Frage lässt sich leichter beantworten, wenn man sie in einzelne Aspekte auflöst: Kann ich mich auch allein zum Arbeiten motivieren? Wo lerne ich Auftraggeber kennen? Und wie komme ich mit finanzieller Unsicherheit zurecht?

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Selbstständige Arbeit hat viel mit Organisation zu tun. Anders als Festangestellte müssen Freiberufler in der Lage sein, ihre Arbeitszeit selbst einzuteilen. Wer keinen Chef hat, bekommt auch keinen Ärger, wenn er den ganzen Tag nichts tut. »Manche sind vom Zeitmanagement total überfordert«, sagt Alexander Frank, Vorsitzender der Kulturgilde, die Studenten und Berufsanfänger berät. Eine gute Zeiteinteilung könne man aber lernen: »Man sollte feste Arbeitszeiten einhalten, sich abends zwei erledigte Aufgaben heraussuchen und darauf dann auch wirklich stolz sein.«

ZEIT Campus Ratgeber 1/13

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Campus Ratgeber, der am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

Selbstständig zu sein bedeutet dagegen nicht, Einzelkämpfer zu sein. Freiberufler können entscheiden, welche Umgebung sie zum Arbeiten brauchen. Reicht der Schreibtisch zu Hause, oder klappt nichts ohne Kollegen? »Einerseits ist es natürlich charmant, wenn man für einen Arbeitsplatz kein Geld ausgeben muss. Andererseits fehlt Selbstständigen der Austausch mit anderen, wenn sie alleine zu Hause sitzen und nicht mitbekommen, was eigentlich die anderen aus der Szene machen«, sagt Alexander Frank, der selbst eine Kommunikationsagentur betreibt.

Orte zum Netzwerken

Wenn das der Fall ist, kann man in einer Bürogemeinschaft oder einem Co- Working-Space tage-, wochen- oder monateweise einen Schreibtisch mieten. Solche Orte sind auch gut zum Netzwerken, denn häufig ergeben sich Projekte mit den Tischnachbarn. Ein Grafiker, der an einer Broschüre arbeitet und noch einen Texter sucht, wird sich lieber an jemanden wenden, mit dem er sich schnell absprechen kann, statt einen Fremden zu beauftragen. Die Miete kann sich also lohnen. In München kostet ein Arbeitsplatz in einem Co-Working-Space ab 200 Euro im Monat, in Berlin gibt’s das Gemeinschaftsbüro ab 150 Euro. Gemeinsame Projekte mit anderen Freiberuflern können sich auch über Stammtische ergeben. Diese werden beispielsweise von Berufsverbänden organisiert und finden gerade in größeren Städten regelmäßig statt.

Berufe

Zur Kultur- und Kreativwirtschaft zählen laut der gleichnamigen Initiative der Bundesregierung Designer, Filmschaffende, Künstler, Musiker, Journalisten, Architekten, Computerspiel-Entwickler sowie Mitarbeiter der Werbebranche, des Buch- und Kunstmarktes. Insgesamt sind rund eine Million Menschen in diesem Bereich beschäftigt.

Beschäftigungsform

Nach Informationen der Kulturgilde, des Verbands der Kultur- und Kreativwirtschaft, arbeiteten 2010 rund 26 Prozent der Kreativen und Medienschaffenden komplett selbstständig. Alle anderen hatten zumindest einen festen Auftraggeber, das heißt, sie übernahmen regelmäßig bestimmte Projekte in einem Unternehmen oder arbeiteten dort stundenweise.

Verdienst

Die Mehrheit der Kreativen und Medienschaffenden muss sich mit einem geringeren Einkommen arrangieren als andere Akademiker. Selbstständige verdienen laut Kulturgilde am Anfang durchschnittlich 1000 Euro monatlich. Nach drei Jahren hat sich der Verdienst bei den meisten verdoppelt. Festangestellte können bei ihrem Einstieg mit ungefähr 2000 Euro im Monat rechnen. Nach fünf Jahren kommen dann zum Beispiel Grafiker auf 3500 bis 4000 Euro im Monat, Lektoren und Computerspiel-Entwickler auf etwa 3000 Euro.

Weitere Informationen

Eine Übersicht über Co-Working-Spaces in verschiedenen Städten gibt es auf coworking.de.

Eine Broschüre mit Tipps für Gründer und Selbstständige in der Kreativbranche gibt es als PDF auf der Homepage der Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft.

Projekte und Festanstellungen finden Kreative auf folgenden Portalen: creativeset.net, gwa.de und dasauge.de

Ausschreibungen für Preise finden sich auf der Homepage der Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft.

Eine Mitgliedschaft bei der Gema, kurz für Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und Vervielfältigungs- rechte, kostet 25 Euro im Jahr.

Bei Copy Tests müssen zum Beispiel Slogans gefunden werden. So geben Werbeagenturen Textern ohne Vorkenntnisse eine Chance.

Mit einer Website, auf der Projekte und Referenzen aufgelistet sind, sowie aktuellen Profilen in Sozialen Netzwerken wie Facebook oder Xing machen Kreative und Medienschaffende zusätzlich auf sich aufmerksam. Besonders Musiker sollten sich allerdings persönlich vorstellen, wenn sie neue Kunden gewinnen möchten. Wer nur seine CD an Plattenfirmen und Konzertveranstalter schicke, habe wenig Aus- sicht auf Erfolg, sagt Ole Seelenmeyer, Geschäftsführer des Deutschen Pop- und Rockmusikverbands.

Die ersten Aufträge bekommt man meist von Firmen, in denen man schon ein Praktikum gemacht hat, oder durch ehemalige Kommilitonen. Wer während der Uni noch keine Kontakte gesammelt hat, kann dies danach bei einem längeren Praktikum nachholen. Auch wenn diese selten gut bezahlt sind, können sie sich langfristig lohnen. Denn Jobs in der Kreativ- und Medienbranche werden oft nicht ausgeschrieben, sondern an ehemalige Praktikanten oder über Kontakte vergeben.

Leserkommentare
  1. Kreativ arbeiten ist ja was schönes, wenn es dann zum Alltag gerät, kann das auch belasten...

    Kreativ sein zu sollen, kann einen ganz schön plagen; zeigt mir den oder die, die das immer sind: herzlichen Glückwunsch!

    Es gibt ja Stunden, mindestens für mich, die gerne mal mit "Nebenbei-Tätigkeit" fülle...

  2. ist wichtiger, als am Anfang die Finanzsachen zu erledigen. Selbständig kommt von selbst und ständig. Die Finanzfragen gehören da auch zu, denn nicht nur das korrekte Schreiben von Rechnungen und die Steuererklärung sind zu erledigen, sondern zumindest bei jedem Neukunden die Frage, wie hoch eine Vergütung angesetzt werden kann. Wer Aufträge mit geringer Vergütung annimmt, hat zwar etwas vorzuweisen, häufig aber auch das Problem, mit nichtprofessionellen Auftraggebern zu tun zu haben. Der Kunde wird gerne als Ekel abgekürzt (Ein Kunde erwartet Leistung). Der Leistungsanspruch ist bei schlechtbezahlten Aufträgen aber nicht unbedingt geringer, kann nämlich auch größer sein, weil die Kunden mehr Abnahme der Arbeiten aus ihrem Leistungsbereich erwarten.
    Es ist zudem wichtig zu wissen, was Pflicht ist, was sinnvoll ist und welche Hilfen nur vor einer ersten Aufnahme einer selbständigen Tätigkeit gewährt werden.
    Und alle Fallstricke bezüglich Scheinselbständigkeit, der Unterschied zwischen Kleinunternehmerregelung und die Abgrenzung zum Gewerbe sollten genau geprüft werden, denn Geringverdienern kann es zunächst egal sein, ob Gewerbesteuer irgendwann greift oder nicht. Egal ist aber nicht, dass dann andere Vergünstigungen ausgeschlossen sein könnten. Praktisch ist es, wenn keine Umsatzsteuer eingenommen werden muss, nachteilig ist aber, dass auf jeder Rechnung steht, dass diejenigen Geringverdiener/innen sind, was Auftraggeber/innen stutzig machen kann.

  3. Tatsächlich sind hier viele Kommentare erhellender als der Artikel. Offenbar ist mein altes Vorurteil überholt, ich sei der einzige Nicht-Lateinlehrer unter den Zeitlesern. Danke für die Klärung.
    Aber dennoch eine Bitte an den professionellen Journalismus, mit der ich mich an Kommentaristen Folkher Braun anschließe: Es fehlt, seit Jahren schon, ein wirklich recherchierter, weitsichtiger Artikel über die Geschichte der Selbstständigkeit.
    Wie hat sich das über die Jahrzehnte entwickelt? Welche gesellschaftlichen Paradigmenwechsel stehen dahinter? Welchen gesellschaftlichen Gruppen, welchen Werten, welchen Sehnsüchten hat es genutzt? Welchen geschadet? Wie hat es sich auf die Lebenswirklichkeiten ausgewirkt - auf diejenigen der Selbstständigen und die der Angestellten? Wie sind die Lebenserfahrungene: Welche Träume sind verwirklicht worden, welche waren Blasen?
    Bitte Zeit - ihr wärt es, die sowas einmal leisten könntet. Oder?

    • Jabessa
    • 09. Dezember 2012 10:13 Uhr

    Der fasst die Wichtigsten Punkte zusammen. Das mit dem Co-Working-Space hatte ich z.B. noch nicht gehört, klingt aber ziemlich gut.

    Bei solchen Artikeln würde ich mir manchmal wünschen, dass ich sie auf meinem Profil mit einer Art Lesezeichen versehen könnte, um sie später wiederzufinden ...

    • Jabessa
    • 09. Dezember 2012 10:28 Uhr

    In meiner Branche (Grafikdesign etc.) ist es tatsächlich so, dass Erfahrung mehr zählt als die Ausbildung. Auch in der Informatikbranche gibt es viele "Nerds" die einfach so viel Freizeit am Computer verbringen, dass sie theoretisch kaum noch ein Studium brauchen.

    Ich glaube auch, dass es ein Vorurteil ist, dass man in der Freiberuflichkeit keinen Job finden würde (bezieht sich auf andere Kommentare). Es geht ja nicht nur um Journalisten, Musiker und Künstler! Ich kenne z.B. einen Medientechniker, so wie die oben erwähnten Informatiker. Und auch für Grafikdesigner bzw. Webdesigner gibt es einen wachsenden Bedarf - viele Firmen, Vereine etc. wünschen sich einen Internetauftritt, und auch bei Smartphones, Tablets etc. braucht man Leute, die ein schickes Design entwerfen. Auch Flyer, Broschüren, Visitenkarten, Infohefte usw. usw. werden immer wieder benötigt, und zu guter Letzt wollen wir die Werbebranche nicht vergessen ...

    Es gibt also durchaus genügend Jobs für Freiberufler und auch Leute, die die Sünde begehen "was mit Medien" zu machen, man muss sich nur richtig anstellen, wie z.B. oben im Artikel beschrieben.

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    Als jugendliche Uni-Absolventin mit mehreren Praktika haben Sie vielleicht die Chance, so in die Selbstsändigkeit zu gehen. Besser jedoch, Sie steigen aus einer renommierten Werbeagentur aus und nehmen einen prominenten Kunden mit. Das heißt Ihr Ziel sollte es sein, ein eigenes Unterehmen zu gründen, mit Angestellten und einer "etablierten" Firmenstruktur, zB als GmbH.

    Denn wenn Sie allen Ernstes vor haben, den Rest Ihres Berufslebens als Freiberufler(in) zu verbringen, werden Sie spätestens mit 40 Jahren erleben, dass es Jüngere gibt, die einfach deshalb den Vorzug erhalten, weil sie jünger sind und man ihnen mehr "neue Ideen" zutraut.

    • sajuz
    • 09. Dezember 2012 11:18 Uhr

    Wichtigste Regel für Kulturschaffende:
    Geh dahin, wo das Geld ist!

    Es ist deutlich einfacher (und würdevoller!) ein Musiker in München, Stuttgart oder im Allgäu zu sein, als in Berlin.
    Und selbst, wenn die hippe Werbeagentur in Leipzig residiert, das Geld wird in Westdeutschland verdient.

    Viele Junge rennen einem Teenager-Traum nach. Dabei lohnt es sich kurz zu überdenken, wer eigentlich Kulturproduktionen fördert und wer Kulturgüter konsumiert.

    Schnell stellt man fest:
    Nur Leute mit Geld (und deren Kinder!) haben ein Interesse an Abendunterhaltung und Bandshirts und CDs. Nur Kommunen und Länder mit großer produktiver Basis haben die Mittel (Gewerbesteuer, Umsatzsteueraufkommen) viele Jobs in Kunst und Kultur vorzuhalten.

    Sehr niedrige Lebenshaltungskosten gehen immer mit sehr niedrigen Einkommen einher. Und die coolen und innovativen Produkte und Produktionen aus Berlin, interessieren in Berlin selbst keine Sau.

    Also, werdet keine Kellner!
    Es gibt tolle Orte für junge Kreative in Deutschland. Zum Beispiel Erlangen.

  4. auf eine typisch deutsche Abneigung gegen Unabhängigkeit hingewiesen. Lieber eine Einmann-GmbH als ein Freiberufler! Das suggeriert Solidität, alles andere Misstrauen.

    Wer sich also im Kreativbereich selbstständig macht, wird immer mit dem Vorurteil der „Scheinselbstständigkeit“ kämpfen und zum Beispiel bei öffentlichen Ausschreibungen kaum die Chance auf einen Zuschlag haben, wenn er nicht schon sehr gute Umsätze nachweisen kann. Die kreative Lösung rangiert erst an zweiter Stelle.

    Er sollte sich auch klar machen, dass er in der Hackordnung manchmal „ganz unten“ steht. Dass er zum Beispiel von dem Azubi eines Kunden nach Strich und Faden getriezt wird, weil der zu allererst gelernt hat, „dass man mit Lieferanten so umgehen muss“. Oder dass so ein Kunde versucht, die wirtschaftliche Abhängigkeit mit Knebelverträgen zu manifestieren, die einem die Augäpfel aus dem Schädel pressen.

    Kommt hinzu, dass die Sozialversicherungsbeiträge doppelt so hoch ausfallen, wie bei Angestellten. Je nach Krankenkasse, kann beispielsweise die jährliche Beitragsanpassung an die tatsächlichen Einkünfte zu einem demütigenden Spießrutenlauf ausarten.

    Die Vorstellung jedenfalls, dass man sich selbstständig macht und nur bei Bedarf Kollegen aus anderen Disziplinen hinzu zieht, ist in Deutschland schwer umzusetzen. Über kurz oder lang erwarten Kunden und Sozialversicherungsträger, dass man sich im Rahmen einer Firma organisiert und am besten einer berufsständischen Organisation beitritt.

  5. Als jugendliche Uni-Absolventin mit mehreren Praktika haben Sie vielleicht die Chance, so in die Selbstsändigkeit zu gehen. Besser jedoch, Sie steigen aus einer renommierten Werbeagentur aus und nehmen einen prominenten Kunden mit. Das heißt Ihr Ziel sollte es sein, ein eigenes Unterehmen zu gründen, mit Angestellten und einer "etablierten" Firmenstruktur, zB als GmbH.

    Denn wenn Sie allen Ernstes vor haben, den Rest Ihres Berufslebens als Freiberufler(in) zu verbringen, werden Sie spätestens mit 40 Jahren erleben, dass es Jüngere gibt, die einfach deshalb den Vorzug erhalten, weil sie jünger sind und man ihnen mehr "neue Ideen" zutraut.

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    • Jabessa
    • 09. Dezember 2012 13:46 Uhr

    sofort in die Selbstständigkeit zu gehen, ich weiß auch nicht, ob ich das überhaupt tun werde, das wird sich einfach ergeben, denke ich. Entweder man lernt die entsprechenden Kunden während entsprechenden Gelegenheiten kennen oder man muss sich darum bemühen, in einer Agentur, Verlag o.ä. unterzukommen.

    Ich habe auch mit keinem Wort behauptet, dass die Selbstständigkeit mein Ziel wäre.
    Aber ich kenne Leute, die das geschafft haben, das wollte ich damit vor allem zum Ausdruck bringen.

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