ExistenzgründungWie mache ich mich selbstständig?

Ein Gründer erzählt, eine Expertin kommentiert. von Katja Bosse

Die Idee

ZEIT Campus 3/13
Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.  |  © ZEIT CAMPUS

Das sagt der Gründer: Mein Kumpel und ich haben für unsere WG einen Mitbewohner gesucht. In kürzester Zeit flatterten 100 Bewerbungen rein. Wir beschlossen, die Leute bei einem Bierchen kennenzulernen, und haben ein WG-Casting angesetzt. Aber nach Bewerber Nummer 20 wussten wir nicht mehr, wer eigentlich zu Besuch war. Wir fanden, getreu unserer Studiengänge Psychologie und Soziologie, dass man einen Matching-Test bräuchte.

Das sagt die Expertin:Mir gefällt die Motivation: Benjamin Pause und sein Mitbewohner haben einen Test entwickelt, weil sie ihn selbst gebraucht hätten. Die eigene Erfahrung ist schon einmal ein gutes Indiz für eine Marktlücke. Darüber hinaus bringen die beiden die nötige Fachkompetenz mit. Das hört auch die Bank gern.

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Benjamin Pause

Benjamin Pause, 26, hat Psychologie in Kiel studiert und gründete mit seinem Mitbewohner noch während der Uni-Zeit das Onlineportal wgfinden.de

Die Planung

Das sagt der Gründer:Um einen wissenschaftlich fundierten Test entwickeln zu können, ergründeten wir erst einmal die wichtigsten Kriterien für die Mitbewohnersuche. Dafür haben wir 500 WGs in Deutschland befragt, was zu Streitereien und Auszügen führte. Dann haben wir uns überlegt, wie der Onlineauftritt aussehen könnte. Dazu haben wir auch andere WG-Portale im Internet angeschaut und Suchkriterien weiterentwickelt.

Anna Berger

Anna F. Berger, 28, berät für die Industrie- und Handelskammer Berlin angehende Gründer und ist Tutorin der Gründungswerkstatt Berlin-Brandenburg

Das sagt die Expertin:Hier wurde eine beachtliche Marktanalyse betrieben, das machen leider zu wenig Gründer.

Die Umsetzung

Das sagt der Gründer:Unsere erste Lektion: So ein Projekt stemmt man nicht zu zweit, erst recht nicht, wenn beide noch an ihrer Diplomarbeit sitzen. Nach einem anstrengenden Jahr holten wir uns deshalb einen Designer und Fotografen, zwei Programmierer und jemanden fürs Marketing und die Konzeption mit ins Boot – alles Freunde von uns. Wir begannen mit einer Betaversion, luden 100 Bekannte zum Probelauf ein und holten uns von ihnen Feedback, etwa zu den Testfragen und zur Gestaltung der Seite. Nach der Überarbeitung starteten wir offiziell.

Das sagt die Expertin:Es ist eine wichtige Erkenntnis, dass man nicht alles allein stemmen kann. Ratsam ist es allerdings, auch mit Freunden Verträge zu schließen. Unverzichtbar ist außerdem jemand, der sich mit Dingen wie Buchführung auskennt. Ein weiterer wichtiger Punkt: die Rechtsform einer Gründung. Am besten lässt man sich dazu beraten. Industrie- und Handelskammern bieten das kostenlos an.

Leserkommentare
  1. ...am Thema vorbei. Sich selbstständig zu machen, klappt nur in den seltensten Fällen nach beschriebenem Muster. Ingenieure, Architekten usw. haben im Grunde zwar die gleichen Startschwierigkeiten, die sind aber doch etwas komplexer als:
    Idee haben
    Freunde fragen
    Testlauf starten
    und wupp --> selbstständig

    Unter "selbstständig" verstehe ich dann doch etwas anderes...

    Eine Leserempfehlung
  2. um den Deutschen Zwangsabgaben zu entgehen...

    • wauz
    • 12. Juni 2013 20:49 Uhr

    genau genommen heißt "selbstständig"nur, sich nicht in einem lohnabhängigen Beschäftigungsverhältnis zu befinden. Das reicht von der berüchtigten Scheinselbstständigkeit durch dubiose Dienst- und Werkverträge bis hin zum eingetragenen Kaufmann. Wer Geschäftsführer der eigenen GmbH ist, ist nicht mehr selbstständig.
    Für Freiberufler ist die Selbständigkeit der Normalfall. Hier gibt es auch klare Regeln und bei den jeweiligen Berufsverbänden die Informationen, die man zum Start braucht. Als Arzt, Rechtsanwalt oder Notar braucht man auch keine besondere Geschäftsidee, sondern vor allem das nötige Kleingeld für die eigene Praxis oder Kanzlei.
    Wenn von Selbstständigkeit die Rede ist, ist meist ein Gewerbe gemeint. Und da gilt: wer eine Gewerbe anmeldet, für den gelten (bis auf wenige Ausnahmen = kein "kaufmännischer Geschäftsbetrieb" lt. HGB) die Pflichten eines Kaufmanns. Und das ist der entscheidende Punkt. Wer Kaufmann wird, ohne kaufmännische Kenntnisse zu haben, hat verloren.
    Jeder, der eine technische Idee hat, deren Umsetzung einen Gewerbebetrieb erfordert, sollte sich nach kaufmännischem Fachwissen umsehen. Selbst erlernen, oder Spezialisten beiziehen.

  3. aber ich habe selten solchen Unsinn zur Selbstständigkeit gelesen!

    Wir befinden uns in einem Land, in dem Selbstständigkeit auf allen erdenklichen Wegen und Weisen behindert und nicht zuletzt dadurch auch verhindert wird.

    Das zentrale Thema ist GELD und da hört es schon auf, da Gründer extrem schlechte Karten haben Kredite zu bekommen, die sie nicht von vornherein in die Insolvenz treiben.
    Und wenn dann, im weiteren Verlauf die Einnahmen nicht so sind, wie die Bank es sich vorgestellt hat, dann wird der Kontokorrent oder andere Kredit einfach -- ohne jede Vorwarnung natürlich -- von heute auf morgen gekündigt und aus! Zahlungen können evtl. nicht mehr bedient werden, die SCHUFA wird schlecht = noch schlechtere Kreditchancen= ....

    Es gibt sehr gute Förderprogramme mit Anfangsfinanzierungen aber eine Selbstständigkeit - überlebt - nicht mit der Anfangsfinanzierung. Es dauert Jahre, selten unter drei bis vier, bevor man stabil auf dem Markt ist und alles allein stemmen kann.

    Und wer als Ingenieur technische Ausrüstungen, Equipment der verschiedensten Art braucht, gute Nacht, wenn man nicht Haus und Hof dafür verpfänden will.

    Völlig unrealistische Darstellung!
    Schade, es wäre ein gutes Thema um die Probleme mal wirklich in den Blickpunkt der Betrachtungen zu bringen. (bin seit über 20 Jahren selbstständig)

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • wauz
    • 14. Juni 2013 17:20 Uhr

    Als mein Opa sich als Elektromeister selbstständig machte, brauchte er dazu nach eigenen Angaben einen Zollstock, Hammer und Meißel, eine Kombizange und einen Phasenprüfer. Heutzutage braucht man mit Sicherheit etliches mehr an Geraffel. Das kostet Geld. Wer keins hat, hat ein Problem.
    Das Geld, das man braucht, wird durch die Anschaffung von Material und Arbeitsmittel, Beschaffung von Betriebsstätten und Bezahlung von Angestellten zu Kapital. Unser Wirtschaftsweise heißt ja nicht umsonst Kapitalismus.
    Aber irgendwie glauben in unserem Land sehr viele Leute, sie kämen ohne Kapital aus. Zum Teil glauben sie sogar, dass kaufmännische Kenntnisse überflüssig sind. Immerhin bekommt man auf einer Meisterschule solche Kenntnisse beigebracht. In Gewerben mit Meisterzwang ist also ein gewisses Maß an Grundkenntnis vorhanden. Aber die allermeisten sogenannten Gründer, an die sich solche Ratschläge richten wie im Artikel, sind weder kaufmännisch ausgebildet noch Meister.
    Ein Witz am Rande ist da noch, dass viele Leute glauben, sie (selbst) würden investieren, wenn sie einen Schuldenberg auftürmen, um eine Wohnung zu kaufen (als Alterssicherung etc.) Dabei ist es die Bank, die ihr Geld investiert, und in jedem Falle dafür sorgt, dass ihr Investment Früchte trägt.
    Wer also eine Geschäftsidee hat, und kein Geld, braucht einen Investor, damit das etwas wird. Nicht anders haben es so berühmte "Garagenfirmen" wie Apple und Yahoo gemacht. Prototyp gebaut und getestet, Investor gefunden, ...

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