ZEIT Campus: Herr Ortenburger, viele Bachelorabsolventen haben offenbar das Gefühl, unzureichend auf die Anforderungen des Arbeitsmarktes vorbereitet zu sein.

Andreas Ortenburger: Einigen Studenten sind drei Jahre Studium einfach zu kurz. Vielleicht entscheiden sie sich rein aus Interesse für den Master, etwa weil sie bestimmte Inhalte aus dem Bachelor vertiefen oder sich neues Wissen aus einem anderen Bereich erschließen möchten. Oder aber sie fasziniert das wissenschaftliche Arbeiten. Das sind alles gute und legitime Gründe, noch einen Master zu machen. Und dann wiederum gibt es die Fächer- und Berufsgruppen, in denen der Master fast schon als Voraussetzung gilt, um überhaupt in den Beruf einsteigen zu können.

ZEIT Campus: In welchen Fachgebieten ist das so?

Ortenburger: Vor allem bei den Naturwissenschaften. Dort wird oft explizit eine Promotion verlangt, und für die braucht man den Master. Bei den Chemikern machen immer noch fast 90 Prozent den Doktor, ähnlich sieht es auch bei Biologen und Physikern aus. Wer in die Forschungs- und Entwicklungsabteilung eines größeren Unternehmens möchte, zum Beispiel als Ingenieur, ist mit dem Master sicher gut aufgestellt. Und für eine wissenschaftliche Karriere ist der Titel sowieso ein Muss, egal, in welchem Fach. Alle anderen sollten sich nach dem Bachelor überlegen: Was macht mir Spaß, wo will ich hin? Vielleicht reicht für meine beruflichen Pläne ja auch der Bachelor aus? Die Arbeitgeber sind hier aufgeschlossener, als die Absolventen häufig denken.

ZEIT Campus: Also muss man nach dem Bachelor nicht unbedingt weiterstudieren?

Ortenburger: Will man zum Beispiel als Lehrer oder im höheren öffentlichen Dienst arbeiten, braucht man einen Masterabschluss. Für viele andere Berufe reicht ein Bachelor allerdings völlig aus. Ein Bachelorstudiengang ist ein vollwertiges Studium, das Methodenkompetenzen und grundlegende wissenschaftliche Inhalte vermittelt und zu einem Beruf qualifiziert. Das muss man sich klarmachen. Bevor man sich für den Master einschreibt, sollte man darüber nachdenken, was man sich genau davon erhofft.

ZEIT Campus: Trotzdem entscheidet sich immer noch die große Mehrheit für den Master.

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Campus Ratgeber, der am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

Ortenburger: Von den Uni-Absolventen schließen im Moment noch etwa 80 Prozent ein konsekutives Studium an, bei den Fachhochschulen sind es nur 60 Prozent. Das liegt auch daran, dass dort die Ausbildung traditionell praktisch orientiert ist und es mehr Kontakte zu Unternehmen gibt. An den Unis fehlt, mehr als zehn Jahre nach Einführung der Bologna-Reform, vielleicht noch etwas das Vertrauen in die neuen Abschlüsse, vor allem bei den Absolventen.

ZEIT Campus: Woran liegt das?

Ortenburger: Es braucht Zeit, bis der Arbeitsmarkt auf die Studienreform reagiert. Bei einem mittelständischen Familienbetrieb, der nur wenige Mitarbeiter einstellt, hat sich bisher womöglich noch gar kein Bachelor beworben. Solche Unternehmen haben meist auch noch keine Erfahrungen mit dem neuen System gemacht.