Ed Hardy lebt: Der Tätowierer, den wir bisher bloß für einen T-Shirt-Spruch hielten, erzählt in San Francisco aus seinem Leben zwischen Underground und Mainstream

Ed Hardy! Wer erinnert sich? Die T-Shirts mit verschnörkelten Totenköpfen, bunten Herzen, Rosen, Tigern, Adlern und Spruchbändern wie "Love kills slowly" waren jahrelang im Privatfernsehen nicht zu übersehen. Heidi Klum hatte so ein Shirt. Und Sexy Cora im "Big Brother"-Haus. "Dank Ed Hardy erkenne ich Vollidioten sofort!", steht auf einer Facebookseite, 23.034 Leuten gefällt das. Grund genug, den Mann hinter der Marke zu treffen, den Tätowierer Ed Hardy, 68, dessen Designs auf den T-Shirts zu sehen sind. Zu unserem Interview in seiner alten Kunsthochschule in San Francisco kommt er im Anzug und stellt sich höflich vor. Ein Gentleman! Dann beginnt er zu reden: über Malerei, über Kunstgeschichte, über Selbstzweifel. Ein Intellektueller! Und siehe: Alles, was wir über Ed Hardy zu wissen glaubten, ist falsch.

ZEIT CAMPUS: Herr Hardy, Sie haben 1964 angefangen, Kunst zu studieren. Wie war das?

Ed Hardy: Das heiße Ding war damals der abstrakte Expressionismus. Nach dem Zweiten Weltkrieg hieß es, die gegenständliche Malerei wäre tot. Die Abstraktion wurde zum Dogma des Atomzeitalters. Ich interessierte mich für diese Maler aus New York, war verrückt nach Franz Kline und mochte Willem de Kooning. Ich selbst malte aber nicht abstrakt. Hier in Kalifornien sagten die Künstler: "Scheiß drauf, wir malen, wie wir wollen!" Das waren schneidige Typen, viele davon Arbeiter, keine Prolls, sondern Leute, die auf dem Teppich geblieben waren. Das hat mich angezogen.

ZEIT CAMPUS: Sind Sie deshalb aus dem Umland von Los Angeles, wo Sie aufgewachsen sind, zum Studium nach San Francisco gekommen?

Hardy: Ja. Und wegen der Schönheit dieser Stadt. Als ich das erste Mal herkam, dachte ich, ich wäre im Land von Oz gelandet. Ich konnte nicht glauben, dass ich immer noch in Kalifornien war. In L.A. kannte ich mich ein bisschen aus und war dort oft in Galerien gegangen. Aber San Francisco hatte eine längere Tradition in allem. Das hier ist die älteste Kunsthochschule westlich des Mississippi. Als ich den Campus sah, wollte ich sofort dazugehören.

Serie Talking Fashion
Ed Hardy über die Philosophie des Tattoos

ZEIT CAMPUS: An der Kunsthochschule hielten Sie dann auch ein Referat über Tattoos.

Hardy: Ja, das war, noch bevor ich mir meine ersten eigenen habe stechen lassen. Ich hatte Lust auf ein abseitiges Thema. Die meisten Leute wussten damals, dass Seefahrer tätowiert waren, und mehr nicht. Heute würden wir einfach googeln. Damals war es nicht so leicht. Ich rief bei einem Verlag an, der ein Lehrbuch für Tätowierer veröffentlicht hatte. Die schickten mir ein paar Blätter mit Tattoo-Motiven, eines mit Herzen, eines mit religiösen Bildern, kopierte Seiten für anderthalb Dollar das Stück. Die habe ich bei meinem Referat herumgegeben und war verblüfft: Fast jeder in meinem Kurs war ernsthaft daran interessiert.

ZEIT CAMPUS: Wie viele Tätowierer gab es damals?

Hardy: Heute gibt es 50.000 allein im Umkreis von L.A., in den sechziger Jahren waren es vielleicht 500 in ganz Nordamerika. Einer davon war Phil Sparrow, ein Schriftsteller und früherer Literaturprofessor. Er war halbwegs berühmt, und ich wollte sehen, ob er mir ein Tattoo sticht. Als ich seinen Laden betrat, war ich irritiert, weil der fast wie eine Galerie aussah. Sparrows Designs und Stiche waren nicht gerade Weltklasse, aber er war gebildet und konnte reden. Als ich mich ihm als Kunststudent vorstellte, zog er einen Bildband hervor und sagte: "Schau mal, alte japanische Tattoos, echte Kunst!" Die Bilder haben mich umgehauen. In mir fing es an zu brodeln.

ZEIT CAMPUS: Und in dem Moment wussten Sie, dass Sie Tätowierer werden wollen?

Hardy: Eigentlich wollte ich Maler sein, ich liebte Ölfarben, ihren Geruch, alles daran. Aber ich hatte keine Ahnung, was ich malen sollte. Ich war talentiert, aber ich empfand keine Verbindung zu dem, was ich tat. Also begann ich Sparrow zu nerven, bis er versprach, mir sein Handwerk beizubringen. Man brauchte einen Mentor, um Tätowierer zu werden, anders ging es damals nicht. Selbst die Werkzeuge waren kaum zu finden, es war eine kleine und eingeschworene, fast etwas paranoide Szene.