Es ist 6.34 Uhr, als Patrick Scheithauer in ein fremdes Schlafzimmer tritt und das Licht anschaltet. Vor dem 26-Jährigen liegt unter Federbetten mit Blümchenbezug ein altes Ehepaar. "Guten Morgen, Heinz", sagt Scheithauer leise. Die Frau rührt sich nicht, doch der Mann ist wach und streckt seine Hand aus. "Patrick!" – "Gut geschlafen?" – "Ja." Scheithauer schlägt die Bettdecke am Fußende zurück und zieht dem Mann Kompressionsstrümpfe an. Dann Socken darüber. "Tschüss, Heinz, bis morgen", sagt er. Noch einmal geben sie sich die Hand. Um 6.38 Uhr tritt er bereits ins nächste Schlafzimmer. Fünf Patienten besucht er in diesem Haus für betreutes Wohnen. Insgesamt braucht er dafür 15 Minuten. Auf seinem Smartphone hakt er alle Arbeitsschritte ab, die er erledigt hat. Wie lange er wo war, wird automatisch mit erfasst. Das Protokoll schickt er am Ende seiner Tour an den Computer der Sozialstation.

Dort sieht es vier Stunden später sein Chef, Bernhard Jakob, 30. Er leitet seit drei Jahren die Caritas-Sozialstation in Wallenhorst, einen ambulanten Pflegedienst mit 28 Mitarbeitern. Als er die Stelle antrat, hatte er seine Bachelorarbeit in Pflegemanagement noch nicht abgegeben, dafür aber schon drei andere Jobangebote abgelehnt. Das Angebot aus Wallenhorst gefiel ihm wegen der engagierten Mitarbeiter, aber auch, weil es in dem Städtchen bei Osnabrück kurze Wege und kostenlose Parkplätze gibt. Das ist wichtig in einer Branche, in der jede Minute zählt.

Ambulante Pflegedienste versorgen Menschen, die zu Hause wohnen und Hilfe brauchen. Sei es beim Waschen, Anziehen oder Essen oder bei dem, was Alter und Krankheit fordern: Blasenspülungen, Wundversorgung, Medikamentengabe. Bezahlt wird das von der Kranken- oder Pflegekasse und von den Patienten selbst. Für jede Leistung gibt es einen bestimmten Betrag und eine sogenannte Vorgabezeit. Für das Kämmen und Rasieren eines Patienten bekommt der Pflegedienst 3,07 Euro. Die Vorgabezeit ist vier Minuten. Braucht ein Pfleger zehn Minuten, ist das kein Problem, wenn es mal passiert. Passiert es öfter, kann der Dienst nicht mehr kostendeckend arbeiten.

Der Pflegemanager Jakob ruft auf dem Bildschirm vor sich ein Programm mit Patientendaten auf. Für die Pflegezeiten gibt es wie bei einem Konto eine Soll- und eine Ist-Spalte. Was Patrick Scheithauer geleistet hat, wird hier aufgeführt: Bei einem Patienten war er heute von 9.52 bis 10.24 Uhr. Das sind 32 Minuten, vorgesehen waren aber 25. Der Mann ist groß und schwer, ihn zu waschen ist nicht einfach. Scheithauer hat außerdem ein wenig mit der Frau des Patienten geredet – über das Geburtstagsgeschenk für ihren Enkel, das sie gerade in Geschenkpapier einpackte. Sie freute sich, ein paar Worte zu wechseln, denn mit ihrem dementen Mann kommt sie nur selten raus. Als Scheithauer ging, war er sieben Minuten im Minus.

Prämien für die schnellsten Pfleger?

In der Pflege trifft aufeinander, was nicht zusammenpasst. Auf der einen Seite stehen Menschen, denen das Alter die Muskeln von den Beinen frisst, den Rücken krümmt, die Hände steif werden lässt. Die oft einsam sind und geduldige Zuwendung brauchen. Auf der anderen Seite stehen die Zahlen: die Minuten und Stunden im Computerprogramm. Dazwischen steht der Pflegemanager Bernhard Jakob.

Jakob könnte Prämien an die schnellsten Pfleger zahlen, um das Tempo zu erhöhen. Manche Pflegedienste machen das so. Aber er will das nicht. Er hat noch nie einen Mitarbeiter ermahnt, weil der zu langsam war. Er kontrolliert auch nicht jeden Tag die Zeiten aller Pfleger. Er weiß, wie schwierig es ist, die Zeitvorgaben einzuhalten. Schließlich hat er selbst sechs Jahre in der Pflege gearbeitet, die letzten drei Jahre neben seinem Studium an der Hochschule Osnabrück.

Dem Zeitdruck begegnet er lieber durch geschicktes Wirtschaften. Als er Geschäftsführer wurde, hat er alle Arbeiten herausgefiltert, die seine Leute leisten, ohne sie abzurechnen. Er hat gelernt, streng zu sein. "Beim Gehen eben noch den Müll rausbringen kann man mal als Service umsonst machen, immer geht das nicht", sagt er. Er schaut genau hin, welche Aufträge er annimmt, denn er weiß: Wenn bei einem Patienten die vorgegebene Zeit nicht reicht, kann er ihn nur dann annehmen, wenn er gleichzeitig Patienten hat, bei denen es besonders zügig geht.

Gleich zu Beginn seines Jobs hat er die Logistik optimiert. Ein Pfleger besucht jetzt jeden Tag dieselben Patienten auf einer möglichst kurzen Wegstrecke. Das bringt Kostenvorteile, weil die Leute auf den bekannten Touren schneller sind. "Patricks Tour schafft keiner so schnell wie er", sagt Jakob. Es ist aber auch gut für die Patienten, weil die Pfleger nicht ständig wechseln.

Bernhard Jakob hat es auf diese Weise geschafft, einen ökonomischen Vorteil mit einem Vorteil für die Menschen zu verbinden. Doch er weiß auch, dass gute Ideen allein nicht weiterhelfen. Dass mehr Menschlichkeit oft mehr Zeit kostet – und damit mehr Geld. "Völlig unzureichend" seien die Sätze für Pflegeleistungen, sagt er. Dabei habe er es bei der Caritas noch gut. "Wir müssen nicht den maximalen Gewinn einfahren, wie manche privaten Pflegedienste, wir müssen nur über die Runden kommen."

Jakob wendet sich dem Bildschirm zu, um den nächsten Tag zu planen. Dort stehen die Touren, sie erinnern an den übervollen Stundenplan eines Schülers. Morgen früh wird der Pfleger Patrick Scheithauer die Daten seiner Tour auf dem Smartphone abrufen. Er wird zu den Menschen fahren und danach die einzelnen Posten abhaken. Auf dem Smartphone werden die Begegnungen mit Menschen in Zahlen und Zeiten verwandelt werden. Seine Eingaben macht Scheithauer nie, wenn die Patienten dabei sind, sagt er. Er will nicht, dass sie es sehen.