Wer Abitur hat, soll auch studieren – das fordern Bildungspolitiker. Dabei ist das Quatsch, sagt unser Autor. Er war noch nie so glücklich wie nach seinem Studienabbruch.

Drei Semester lang habe ich der Uni eine Chance gegeben – dann ging es nicht mehr. Nach anderthalb Jahren habe ich mein Studium der Politikwissenschaften abgebrochen. Das ist jetzt zwei Jahre her und war eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Meine Probleme mit dem Studium kamen nicht daher, dass ich das falsche Fach gewählt hatte oder keine guten Noten bekam. Sie gingen tiefer: Ich hasste es, komplizierte Texte zu lesen. All die Theorien, die ich an der Uni lernen sollte, erschienen mir nutzlos. Ich war wütend, weil ich das Gefühl hatte, meine Zeit zu verplempern. Ich wollte etwas Praktisches tun. Als ich das Uni-Gebäude zum letzten Mal verließ, war ich unglaublich erleichtert. Zumindest so lange, bis sich eine Stimme in meinem Kopf meldete. Sie klang verführerisch wie die eines Teufels. "Ein Studium ist die beste Versicherung gegen Arbeitslosigkeit", rief der Studierteufel in meinem Kopf, "die Wirtschaft braucht hoch qualifizierte Fachkräfte!"

Der Studierteufel ist wie das schlechte Gewissen, das man bekommt, wenn man etwas politisch Unkorrektes tut – und etwa den Müll nicht trennt. Er hat starke Verbündete, zum Beispiel die Bundesregierung. Sie will, dass mehr Abiturienten studieren. Das tun in Deutschland, verglichen mit anderen Industrienationen, eher wenige. Auf dem Bildungsgipfel 2008 beschloss die Regierung, den Universitäten mehr Geld für Studienplätze zu geben. "Qualifizierungsinitiative" nannte sie das. Deutschland solle im internationalen Wettbewerb besser mithalten können. Damals studierten knapp 37 Prozent aller Abiturienten, das Ziel waren 40 Prozent. Heute sind es mehr als 50 Prozent. Das macht den Studierteufel noch stärker: Wenn alle etwas tun, ist es schwer, nicht mitzumachen.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 01/2014. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

Ich habe keine Lust, mir vom Studierteufel in meine Entscheidungen reinreden zu lassen. Mag sein, dass Deutschland Vorteile hat, wenn mehr Leute studieren. Aber woher nehmen die Bildungspolitiker das Recht, die Akademiker auf einen Sockel zu heben? Und damit all jene abzuwerten, die Schreiner, Altenpfleger oder Bühnenbildner werden wollen, ohne Studium und trotz Abitur?

Jeder sollte die Möglichkeit haben, seinen Talenten zu folgen. Ich bin kein Wissenschaftler. Aber ich dachte, ich müsste einer sein, weil der Studierteufel für Leute wie mich diesen Weg vorgibt. Dabei war es schon in der Schule so, dass ich abgeschaltet habe, wenn mich etwas nicht interessierte. Im Matheunterricht las ich heimlich den Spiegel, versteckt hinter Büchern und Heften. Nur vor Klausuren überwand ich mich und bat einen Freund, mir den Stoff zu erklären, der mir viel zu abstrakt war. Dann kannte ich die binomischen Formeln und wusste, wie man eine Ableitung bildet – zumindest bis zur Abgabe der Klausur. Zwei Minuten später hatte ich das alles wieder vergessen.

Viel lieber, als Mathe zu lernen, arbeitete ich an unserer Schülerzeitung. Der Studierteufel hätte mir wohl geraten, die Zeit besser für die Abiturvorbereitung zu nutzen. "Eine gute Abiturnote ist wichtig", hätte er gesagt. "Denk an den Numerus clausus!" Zum Glück kannte ich den Studierteufel damals noch nicht und wurde bei der Arbeit, die mir Spaß machte, nicht von einem schlechten Gewissen gebremst. Einmal stürzte mein Computer ab, und ich konnte die Datei mit der fast fertigen Zeitung nicht mehr öffnen. Ich rief meine Mitschüler an, und wir begannen von vorne. Es dauerte bis morgens um fünf, aber das war egal. Die Zeitung war unsere Leidenschaft.

Im Studium kehrte bei mir die Mentalität aus dem Matheunterricht zurück: Ich lernte nicht, weil ich mich leidenschaftlich für etwas begeisterte, sondern nur aus Angst, bei der Prüfung durchzufallen. Um den Matheunterricht kam ich nicht herum, schließlich gibt es die Schulpflicht. Eine Studierpflicht gibt es nicht, auch wenn uns der Studierteufel das einreden will.

Die Bildungspolitiker, die heute fordern, dass in Deutschland so viele Abiturienten wie möglich studieren müssen, haben wohl ihre eigene Laufbahn vergessen. Denn warum wird jemand Politiker? Warum setzt er sich Stress und Spott aus für einen durchschnittlichen Lohn und für einen Arbeitsplatz, der alle vier Jahre aufs Neue gefährdet ist? Aus Leidenschaft.

Seit meinem Studienabbruch arbeite ich als Journalist. Journalisten sind Handwerker, das liegt mir. Der Studierteufel verfolgt mich immer noch. Mal als Stimme in meinem Kopf, mal spricht er aus Freunden oder Kollegen: "Irgendwann wirst du dich ärgern, nicht studiert zu haben", sagt er. Ich hoffe, ich kann widerstehen.