Eines Abends sitzt Charles Bukowski, 24, am Schreibtisch in seinem kleinen Zimmer irgendwo in Philadelphia. Es ist heiß, Musik dudelt aus dem Radio. Er ist betrunken und schreibt, für ihn gehört das zusammen. Da klopft es an der Tür. Bukowski knöpft sein Hemd zu und öffnet. Draußen stehen zwei Männer, die er noch nie gesehen hat. Im Suff glaubt er, sie seien gekommen, um ihm den Pulitzerpreis zu verleihen, einen der wichtigsten Literaturpreise Amerikas. Dabei hat er noch fast nichts veröffentlicht. Die Besucher sind vom FBI. Sie holen Bukowski, weil er versäumt hat, seinen letzten Umzug bei der Einberufungsbehörde zu melden. Es ist der Zweite Weltkrieg, seit drei Jahren kämpft Amerika gegen Deutschland und Japan, und es scheint, als wolle Bukowski sich vor der Wehrpflicht drücken. Er muss ins Gefängnis, die Behörden beschlagnahmen die Manuskripte von Kurzgeschichten, in denen Sätze stehen wie "Das Herz meiner Mutter ist tot". Nach ein paar Wochen kommt er frei, bei der anschließenden Musterung notiert ein Psychiater: "Verbirgt hinter seinem Pokerface eine außergewöhnliche Sensibilität." In den Krieg muss er nicht mehr. Er hat Glück bei der Auslosung, die entscheidet, wer wann an die Front muss.

Heinrich Karl Bukowski junior wird am 16. August 1920 in Andernach in Rheinland-Pfalz geboren, als Sohn eines GIs und einer Deutschen. Drei Jahre später zieht die Familie nach Los Angeles. Ihren Sohn nennen die Eltern nun Henry, doch die Mitschüler rufen ihn "Heini", wegen seines deutschen Akzents. Er ist ein Außenseiter, einer, der ein Indianerkostüm trägt, während sich alle anderen Kinder in der Straße als Cowboy verkleiden. Das Indianerkostüm ist ein Geschenk seines Vaters. "Ich hatte ziemlich schreckliche Eltern", erzählt er später. "Und deine Eltern sind so ziemlich deine Welt. Mehr hast du nicht."

Henry entdeckt die Literatur, für ihn ist das wie eine Flucht. Die Bücher von D. H. Lawrence und Ernest Hemingway liest er mit der Taschenlampe unter der Bettdecke, weil sein Vater will, dass er abends um acht Uhr das Licht löscht. Später beschreibt er sein Versteck unter der Decke als "das einzige Paradies, das ich je erlebt habe". Die erste eigene Erzählung verfasst er als Teenager mit eitrigen Pickeln. "Ich war der hässlichste Junge weit und breit, deshalb schrieb ich die Story." Der Protagonist der Erzählung ist ein Jagdflieger im Ersten Weltkrieg, dem eine Hand abgeschossen wird und der trotzdem weiterkämpft. Nach der Schule, im September 1939, schreibt Henry sich am Los Angeles City College ein, er will Journalistik, Englisch und Wirtschaft studieren. Der Englischkurs beginnt jeden Morgen um sieben. Henry kommt oft zu spät, weil er verkatert ist. Der Rausch ist noch so eine Welt, in die er sich flüchtet. Durch seine Aknenarben sieht er älter aus, er kommt leicht an Bier und Whiskey. Den Englischkurs besteht er trotzdem, mit der Note "ausreichend". Sein Kurs in kreativem Schreiben endet schlechter. "Der Typ hat mich sofort abgeturnt", schreibt Henry über den Dozenten, "Tee und Kekse und Studenten, die ihm zu Füßen auf einem weichen Teppich sitzen." Er geht schon nach der ersten Stunde. Auch zu seinen Kommilitonen hat er keinen guten Draht, zumindest zu denen nicht, die sich wie er für Literatur begeistern. Am College geben Studenten eine Literaturzeitschrift heraus, Henry verachtet sie: "Nur Arschlöcher reden über Literatur." Er bevorzugt es, zu schreiben – und zwar sehr viel zu schreiben. Als Student gibt er den Dozenten manchmal 30 Texte pro Woche. Das bleibt auch später so: Um die 50 Lyrikbände wird er veröffentlichen und unzählige Kurzgeschichten, in Sammlungen wie Erections, Ejaculations, Exhibitions oder All the Assholes in the World and Mine.

Am 1. September 1939 überfällt Deutschland Polen, der Zweite Weltkrieg beginnt. Henry mag Hitler, zumindest sagt er das. Es passt zu seiner Rolle an der Uni, er ist dort der Provokateur. Bis heute ist umstritten, ob er wirklich ein Nazi war. Im Juni 1941 verlässt er ohne Abschluss das College, er hat keine Lust mehr. Im Dezember greifen die Japaner Pearl Harbor an, Amerika zieht in den Krieg.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

Henry hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, arbeitet erst bei einem Versandgeschäft für Autozubehör und später als Briefsortierer, was ihm den Stoff für seinen Roman Post Office liefert. Mit 23 schläft er zum ersten Mal mit einer Frau, sie ist sehr dick, "muss zweieinhalb Zentner gewogen haben". Danach schreibt er eine Geschichte über sie. So läuft das meistens: In der Literatur verarbeitet er, was er erlebt hat. Es geht viel um Möpse und Mösen, seine Helden sind die Vergessenen der Gesellschaft. Wenn er schreibt, läuft laute Musik, ein Sixpack steht neben ihm, vor ihm die Schreibmaschine. Als zum ersten Mal eine Geschichte von ihm in einer Zeitschrift abgedruckt wird, trägt sie die Autorenzeile Charles Bukowski. Henry, diesen Namen streicht er.

Lesetipps: Howard Sounes: "Locked in the Arms of a Crazy Life", Canongate 2010; 320 Seiten; David Stephen Calonne: "Charles Bukowski", Reaktion 2012; 220 Seiten