Der Hochschulforscher Kolja Briedis über chaotische Auswahlverfahren, lästige Tests und den Weg zum Studienplatz.

ZEIT Campus: Herr Briedis, stimmt es, dass nicht alle Bachelorabsolventen einen Masterplatz bekommen?

Kolja Briedis: Einen echten Mangel an Masterplätzen können wir nicht erkennen. Das kann man durch eine einfache Rechnung veranschaulichen: Es gibt etwa 7.000 Masterstudiengänge in Deutschland. Pro Jahr werden 180.000 Bachelorstudenten fertig. Von diesen entscheiden sich rund zwei Drittel für einen Master. Wenn jeder Masterstudiengang jährlich 15 bis 20 neue Studenten zulässt, dann ginge die Rechnung schon auf.

ZEIT Campus: Aber das heißt nicht, dass jeder den Master bekommt, den er gerne hätte.

Briedis: Richtig. Wer ausschließlich auf besonders attraktive Studiengänge und Städte setzt, kann leer ausgehen. Das wissen wir zum Beispiel von BWL in Köln oder von den Sozialwissenschaften in Mannheim. Aus unseren Befragungen unter Bachelorabsolventen des Jahrgangs 2009 geht aber auch hervor, dass 85 bis 90 Prozent der Bewerber ihren Wunschmaster bekommen.

ZEIT Campus: Und die restlichen 10 bis 15 Prozent?

Briedis: Sie haben oft einen Plan B, entscheiden sich entweder für ein anderes Fach oder für eine andere Stadt. Nur etwa zwei bis drei Prozent der Bewerber landen nicht in der gewünschten Stadt und auch nicht im Fach, das sie gerne hätten. Fünf bis sieben Prozent gaben an, dass sie gern einen Master machen wollten, aber bisher nicht angefangen hätten. Darunter sind sicher auch einige, die vor dem Master arbeiten wollen.

ZEIT Campus: Für das Jahr 2016 sagt eine aktuelle Studie des CHE voraus, dass 36000 Masterplätze fehlen könnten, weil immer mehr Absolventen um die Plätze konkurrierten.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 01/2014. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

Briedis: Das ist das Worst-Case-Szenario. Dazu müsste sich aber die Zahl der Bachelorabsolventen insgesamt erhöhen, und der Anteil derer, die einen Master machen wollen, müsste von zwei Drittel auf 85 Prozent steigen. Die Zahl der Bewerber wird zunehmen. Aber die Unis haben auf die steigende Nachfrage gut reagiert. Zu Beginn der Bologna-Reform war das politische Ziel, dass nur ein Drittel der Studenten einen Masterplatz bekommen sollte, nun gibt es deutlich mehr Plätze.

ZEIT Campus: Also ist alles in Ordnung?

Briedis: Ein großes Problem ist, dass die Zu- und Absagen häufig erst kurz vor Semesterbeginn verschickt werden. Die Bewerber müssen kurzfristig eine Bleibe in einer neuen Stadt suchen. Und an der Entscheidung für eine Uni hängen ja auch persönliche Fragen. In der alten Stadt hat man Freunde gefunden.

ZEIT Campus: Entscheidet nur die Bachelornote darüber, ob man seinen Wunschmaster bekommt?

Briedis: Sie ist meist das wichtigste Kriterium. Das liegt daran, dass eine Note als "gerichtsfest" gilt. Es ist sehr schwer, eine Entscheidung, die auf Noten beruht, juristisch anzufechten.