Prolog: Vor der Glastür

Am Tag, als Literaturgeschichte geschrieben wird, sind alle ein bisschen nervös. "Müssen wir ihn umarmen?", fragt die Verlegerin, "oder ihm bloß die Hand geben?" Die Übersetzerin zuckt mit den Schultern. "Eigentlich bräuchten wir ein Schild", sagt die Verlegerin, "na ja, wir erkennen ihn schon an seinem Muttermal." Die Übersetzerin nickt. "Ich bin begeistert und genervt", sagt die Verlegerin, "schon irre, dass der gleich landet, nach all der Zeit." Die Übersetzerin lächelt. Sie haben in letzter Zeit beide nicht viel geschlafen.

Der alte Flughafen in Berlin-Schönefeld: Es gibt hier keine roten Teppiche und keinen glänzenden Marmor. Bloß graue Fliesen, mürrische Zollbeamte und eine Glastür wie im Supermarkt, durch die schubweise die Gäste aus dem Ankunftsterminal kommen. Trotzdem wird hier gleich etwas Besonderes passieren. Die Verlegerin wartet. Die Übersetzerin telefoniert, auf Deutsch, auf Arabisch, letzte Versicherungen: "Er ist unterwegs!"

Dann rutscht die Glastür zur Seite, und über die Fliesen kommt ein Mann mit Rucksack und Laptoptasche, mit einem Muttermal auf der Stirn und einem Grinsen im Gesicht: Aboud Saeed, ein Dichter, wie es ihn zuvor noch nie gegeben hat. Saeed erkennt die beiden Frauen auch ohne Schild. Er umarmt Nikola Richter, die Verlegerin, und Sandra Hetzl, die Übersetzerin. Er zündet sich eine Zigarette an, schaut sich um, kramt sein Englisch hervor und fragt: "No TV?" Nein, sagt Nikola Richter, leider seien keine Kamerateams gekommen, um seine Ankunft zu dokumentieren. Saeed grinst. Arroganz ist eines seiner Stilmittel. Er nennt sich "der klügste Mensch im Facebook".

1. Kapitel: Krieg

Wann es angefangen hat, dass sich Fremde für seine Texte interessierten, weiß Aboud Saeed selbst nicht mehr genau. Zuerst kamen die Intellektuellen zu ihm nach Hause: Schriftsteller, Journalisten, manche davon aus Aleppo, andere aus dem fernen Damaskus. Seine Mutter verstand das nicht. Warum kamen diese Städter, Menschen in seltsamen Kleidern, und fragten nach ihrem Sohn? Warum reisten sie mitten im Bürgerkrieg durch Syrien, um Aboud zu treffen, ihren Jüngsten? Vor allem verstand seine Mutter nicht, warum diese Leute so viel über ihren Alltag wussten. Einmal erkundigte sich ein Fremder bei ihr, ob es immer noch schwer sei, Tomatenmark aufzutreiben. Sie habe nun ja schon viele Kriegsmonate lang darauf verzichten müssen. "Woher weiß der das?", fragte die Mutter. Da musste Aboud sie einweihen: "Mutter, ich schreibe auf Facebook." Er erklärte ihr, was das ist, Facebook. Seine Mutter kann weder lesen noch schreiben.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

Am 8. November 2009 hat Aboud Saeed sich bei Facebook angemeldet. Seine Statusmeldungen waren von Anfang an öffentlich. Er hatte nicht das Gefühl, etwas verstecken zu müssen. "Die Hälfte meiner Verwandten hatte noch nie von Facebook gehört", sagt er. "Nur meine engsten Freunde lasen von Anfang an, was ich dort schrieb." Aboud Saeed war damals 26 Jahre alt und bisher nicht als Feingeist aufgefallen. An der Schule wollten sie ihn Gehorsam lehren, sagt er, das lag ihm nicht. Nach der Neunten ging er ab und arbeitete danach in einer Werkstatt in seiner Heimatstadt Manbidsch, die ganz im Norden von Syrien liegt, in der Wüste, an der Grenze zur Türkei. Mit 30 wohnte Aboud Saeed noch immer bei seiner Mutter.

Im Mai 2010 postet er auf Facebook den ersten Text, den man im weitesten Sinne einen literarischen nennen könnte. Er heißt Rendezvous auf dem Klo und ist eine Art Kurzgeschichte über das Scheißen: Eine Frau trifft einen Mann und schaut ihm beim Defäkieren zu. "Ich war kurz vorm Platzen", schreibt Saeed, philosophiert dann über die Unschuld weißer Klobrillen und zählt auf, worauf er im übertragenen Sinne scheißt, etwa auf Neonazis, auf die Taliban und auf türkische Rockmusik. Er bekommt dafür elf Likes. "Ich war ein Loser, und kaum einer wollte mich adden", sagt Saeed. Dann bricht der Krieg aus.

In Tunesien gehen die Menschen im Dezember 2010 auf die Straße und fordern das Ende der Herrschaft des Präsidenten Zine el Abidine Ben Ali. Er ist der Befehlshaber der Polizei, der Geheimdienste, der Armee. Am 14. Januar 2011 flieht er vor seinem Volk. Bald demonstrieren die Menschen auch in anderen arabischen Ländern, wie in Ägypten. Panzer rollen über den Tahrir-Platz, es gibt viele Tote. Trotzdem kann der ägyptische Präsident Hosni Mubarak den Protest nicht unterdrücken. Am 11. Februar tritt er ab.