Alisa Batsevitsky, 24, studiert Psychologie an der Universität in Ariel

Seit der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 gab es mehrere Kriege und Konflikte mit Palästinensern und Nachbarstaaten darüber, wo seine Grenzen verlaufen. Vor gut zehn Jahren wurde auf einer Friedenskonferenz eine sogenannte "Roadmap" beschlossen. Darin war für die israelische Regierung vorgesehen, dass sie den Ausbau von Siedlungen im Westjordanland stoppt. Trotzdem ziehen weiterhin Israelis dorthin. Ariel ist die größte israelische Siedlung im Westjordanland und hat eine Hochschule mit 14.000 Studenten.

ZEIT Campus: Frau Batsevitsky, Ihre Uni liegt im besetzten Gebiet, sagen Kritiker.

Alisa Batsevitsky: Wir Studenten betrachten dieses Gebiet nicht als besetzt. Wir sind auch nicht aus ideologischen Gründen an dieser Uni. Die meisten von uns kamen an die Universität Ariel, weil sie in der Nähe wohnen, weil man hier leichter als anderswo einen Studienplatz bekommt oder weil die Lebenshaltungskosten in dieser Gegend ziemlich niedrig sind.

ZEIT Campus: Wie muss man sich Ihre Uni vorstellen?

Batsevitsky: Die Studenten sind sehr verschieden. Es gibt viele religiöse Juden, aber hier studieren auch viele Araber mit israelischer Staatsangehörigkeit. Die Universitätsleitung möchte uns Studenten eine umfassende Bildung ermöglichen und uns gut auf den Beruf vorbereiten. Man sollte diese Uni nicht allein auf ihren Standort reduzieren.

ZEIT Campus: Kann man in Ariel studieren, ohne die Siedlungspolitik zu unterstützen?

Batsevitsky: Man sollte Menschen nicht danach beurteilen, wo sie studieren. Natürlich hätte ich auch umziehen können, aber ich bin in Ariel aufgewachsen und fühle mich hier wohl. Meine Eltern haben sich aus denselben Gründen in Ariel niedergelassen wie die meisten anderen Leute: Hier sind die Häuser billiger. Viele Studenten, die hergezogen sind, bekommen ein Stipendium, das der Staat an Leute vergibt, die nach ihrer Wehrpflicht in die Randgebiete von Israel ziehen. Ich glaube nicht, dass die Studienplatzwahl für diese Leute in erster Linie eine politische Entscheidung ist.

ZEIT Campus: Würden sich Kritiker der Siedlungen an Ihrer Universität unwohl fühlen?

Batsevitsky: Absolut. Ich hatte mal eine Kommilitonin, die politisch deutlich links von mir stand. Sie ist hier nicht gut klargekommen. Ich fragte sie, warum sie sich in Ariel eingeschrieben habe, und sie erklärte mir, dass sie niemals hergekommen wäre, wenn sie an einer anderen Universität einen Platz bekommen hätte. Das hat dann vermutlich auch eine Rolle gespielt, als sie sich nach einiger Zeit entschieden hat, ihr Studium hier abzubrechen.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 2/14. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

ZEIT Campus: Wird Ihnen hier eine politische Meinung aufgezwungen?

Batsevitsky: Nein, das nicht. Wir müssen aber einige Wahlpflichtveranstaltungen in israelischer Geschichte und in Theologie belegen. Ich bin mir sicher, dass sich die arabischen Studenten in diesen Vorlesungen manchmal unwohl fühlen – selbst mir geht es so. Die Professoren sind hier politisch eher rechts eingestellt. Trotzdem hat jeder Student das Recht, seine Meinung zu vertreten. Es ist nicht so, dass man in den Seminarräumen oder auf den Fluren aufpassen muss, was man sagt.

ZEIT Campus: Ihre Hochschule wurde im vergangenen Jahr von der israelischen Regierung zur Universität aufgewertet und bekommt jetzt mehr Geld vom Staat. War das eine politische Entscheidung?

Batsevitsky: Bestimmt haben politische Erwägungen bei der Aufwertung zur Universität eine Rolle gespielt – so wie bei allen Regierungsentscheidungen. Unabhängig davon gab es hier aber einfach den Bedarf für eine Universität. Es gibt viele Städte in der Nähe. Manche davon liegen im Westjordanland, andere nicht. Als die Regierung ihre Entscheidung bekannt gab, haben viele Leute zum Boykott meiner Universität aufgerufen – sogar viele Israelis. Das hat mich wütend gemacht.

ZEIT Campus: Warum?

Batsevitsky: Ich bin hier aufgewachsen, und ich habe es verdient, genauso behandelt zu werden wie Gleichaltrige in Tel Aviv oder anderswo.

ZEIT Campus: Befürchten Sie, dass Sie wegen Ihres Studienortes bei der Jobsuche Probleme bekommen könnten?

Batsevitsky: Nein. Wenn ich mit anderen über mein Studium spreche, dann interessiert sie meistens nicht die Lage der Uni, sondern die Qualität der Lehre. Bisher hat die Uni Ariel leider noch keinen so guten Ruf wie die Universitäten von Tel Aviv oder Jerusalem. Diejenigen, die uns boykottieren, kennen unser Leben hier in Ariel nicht und versuchen auch nicht, unsere Situation zu verstehen. Eine Firma, die mich wegen meines Studienortes nicht einstellt, ist keine Firma, für die ich arbeiten will.