Gute Noten, erfolgreiche Bewerbungen, Lob vom Chef: Manche überzeugt das alles nicht. Sie fürchten aufzufliegen – als Nichtskönner

Das Bewerbungsgespräch für seine erste Stelle nach dem Designstudium dauerte nur eine Viertelstunde. Dann wurde Daniel Schäfer, 29, genommen. Für viele Absolventen wäre es ein Traumjob gewesen: eine junge Firma in Berlin, eine Festanstellung mit gutem Gehalt, ein unbefristeter Vertrag. Doch für Daniel Schäfer, der eigentlich anders heißt, begann ein Albtraum der Ungewissheiten. "Die wussten gar nicht, ob ich ein guter Grafikdesigner bin", sagt er, "die haben sich meine Bewerbungsunterlagen gar nicht richtig angeschaut."

Schäfer wollte zeigen, dass er den Job verdient hat. Er machte Überstunden, arbeitete sechs Tage am Stück. Aber wenn seine Chefs ihn lobten, war das für ihn nicht genug. "Die waren selbst noch Anfänger", sagt er. Nach fünf Monaten kündigte Schäfer. Weil er die Zweifel nicht mehr aushielt, sagt er. Er gab eine gute Stelle auf, ohne jede Notwendigkeit. So wirkt es für Außenstehende, die nicht nachvollziehen können, was er empfand.

Sein Fall ist krass, aber nicht einzigartig: Viele Berufsanfänger zweifeln an ihren Fähigkeiten, selbst Menschen, die als die Besten ihres Faches gelten. Jodie Foster zum Beispiel. Sie war 25, als sie den Film Angeklagt drehte. Anschließend sei sie kurz davor gewesen, zurück an die Uni zu gehen, sagte sie damals. Sie hatte das Gefühl, als Schauspielerin versagt zu haben. Einige Monate später bekam sie den Oscar für die beste Hauptdarstellerin.

Von ähnlichen Selbstzweifeln erzählte Emma Watson, als ihre Harry Potter-Filme schon längst zu Publikumserfolgen geworden waren. Denis Moschitto, der unter anderem in Kebab Connection neben Nora Tschirner gespielt hat, glaubt sogar, dass jeder junge Schauspieler das Gefühl habe, seinen Job nicht gut zu machen. "Alle quatschen doch nur von ihren Schauspielschulen, weil sie in Wirklichkeit wissen, dass sie keine Ahnung haben, was sie da machen", sagt Moschitto in unserem Interview (ab Seite 84).

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

Es ist nicht nur ein Schauspielerproblem: Sheryl Sandberg, die Geschäftsführerin von Facebook, sagte mal, sie fühle sich manchmal wie eine Betrügerin, die ihre Positionen nicht verdient hätte. Auch der Modeschöpfer Christian Lacroix gab zu, sich als Modedesigner immer ein wenig wie ein Hochstapler zu fühlen. Ähnlich ist es in der Wissenschaft. Markus Gabriel, der mit 29 zum jüngsten Philosophieprofessor Deutschlands wurde, sagt: "Ich habe oft mit Kollegen zu tun, die Angst haben, für ihre Professur ungeeignet zu sein." Die Erziehungswissenschaftlerin Monika Klinkhammer, die Menschen aus dem Uni-Bereich als Coach begleitet, sagt: "Viele Promovierende und Post-Docs, die zu mir kommen, leiden unter starken Selbstzweifeln." Ihr Eindruck: "Diese Gefühle sind unabhängig vom fachlichen Hintergrund."

Wie kann es sein, dass man glaubt, versagt zu haben, und später Preise gewinnt? Dass Chefs zufrieden sind mit der Leistung, die man bringt – nur man selbst nicht? Das haben sich Pauline Clance und Suzanne Imes gefragt. Die beiden amerikanischen Psychologinnen stellten in den siebziger Jahren fest, dass vor allem junge Frauen in Karrierejobs die Angst hatten, eines Tages vom Chef ins Büro gerufen zu werden und zu hören: "Sorry, wir haben uns vertan. Sie sind doch nicht so gut, wie wir dachten. Sie sind entlassen."

Clance und Imes prägten einen Begriff für diese Angst: Impostor Phenomenon , zu deutsch: Hochstaplerphänomen. Wer darunter leidet, ist kein Hochstapler, aber er empfindet sich so. "Frauen, die vom Hochstaplerphänomen betroffen sind, glauben, dass sie nicht intelligent sind", schreiben sie, "sie sind sogar überzeugt davon, dass sie alle betrogen haben, die etwas anderes von ihnen denken."