Kurz vor Ostern 2013 schleppen Nico Cham und Romeo Sfendules einen Gitarrenverstärker durch den Schnee. Sfendules ist groß und breitschultrig, bei jedem Schritt fallen ihm die schwarzen Haare ins Gesicht. Cham trägt Skinny Jeans und Nerdbrille, er ist einen Kopf kleiner und zart gebaut. Der Verstärker, ein schwarzer, schwerer Röhrenamp, hängt schief zwischen ihnen in der Luft. Eigentlich wollten die beiden heute die Gitarrenspuren für das erste Album ihrer Band einspielen. Jetzt müssen sie jemanden finden, der noch vor Karfreitag den Verstärker repariert. Sie sind ohnehin spät dran mit den Aufnahmen.

"Das alte Ding schraub ich nicht auf", sagt der Mann im Instrumentenladen in der Berliner Kulturbrauerei, "ich will doch keinen gewischt kriegen!" Also wieder raus mit dem Verstärker, schleppen, absetzen, verschnaufen, weiterschleppen und bloß nicht ausrutschen auf dem Schnee, der grau und matschig die Straßen bedeckt.

In einer kleinen Werkstatt werden die beiden fündig, tief im Osten Berlins. In den Regalen liegen Lötkolben und Platinen, hinter der Ladentheke steht ein Langhaariger mit ergrauten Schläfen. "Vor Freitag sollte klappen", sagt er. "An wen geht die Rechnung?" – "F-U-C-K", sagt Romeo Sfendules. Und weiter: "Leerzeichen, A-R-T, Komma, Leerzeichen, L-E-T, Apostroph, S." Der Verkäufer unterbricht ihn: "Was war gleich ein Apostroph?" Sfendules sagt: "Wie ein Komma, nur oben", und buchstabiert weiter: "Leerzeichen, D-A-N-C-E, Ausrufezeichen, Leerzeichen, G-B-R." Der Verkäufer nickt.

1. Die Band

Die Chancen stehen nicht schlecht, dass die Band Fuck Art, Let’s Dance! das nächste große Ding im Indiepop wird. Der Sänger Nico Cham, der Gitarrist Romeo Sfendules und der Schlagzeuger Tim Hansen, alle Mitte 20, sind Schulfreunde aus Hamburg. Es ist keine drei Jahre her, dass sie in einem Hörsaal der Universität Hamburg ihr erstes Konzert spielten. "Beim ersten Song ist mir die Saite gerissen", sagt Sfendules, "es war furchtbar."

Fast zweihundert Mal sind sie seitdem aufgetreten, in leeren Sälen und in schwitzigen Clubs, haben Bandwettbewerbe gewonnen, mit Plattenfirmen gesprochen, eine Single veröffentlicht, The Conqueror, und eine Bekannte gebeten, ein Video dafür zu drehen, das fast kein Geld gekostet hat, aber auf YouTube schon 100.000 Mal angeklickt wurde. Heute gibt es Festivalauftritte, da tanzen die Leute, wenn Fuck Art, Let’s Dance! noch nicht mal mit dem Soundcheck fertig sind.

"Zappeliger Elektropop für Indie-Nerds in bunten Strickpullis", so beschrieb der New Musical Express ihre Musik, eine britische Popzeitschrift, die schon neue Stars ausgerufen hat, als die Beatles noch zur Schule gingen. Der Sänger Nico Cham beschreibt seine Musik selbst als "Joy Division auf Speed" – manchmal melancholisch, immer tanzbar.

Kurz vor der Sache mit dem Verstärker spielte die Band zwei Konzerte in New York und davor auf dem South by Southwest in Texas, dem vielleicht wichtigsten Indie-Festival der Welt. Es ist ungewöhnlich, dass deutsche Musiker im Ausland wahrgenommen werden. Vor allem, wenn sie noch nicht mal ihr erstes Album aufgenommen haben. "Diese Band hat eine riesengroße Chance", sagt Romeo Sfendules. Er hat für die Musik das Studium abgebrochen, Altgriechisch und Theologie. Die anderen beiden, Nico Cham und Tim Hansen, haben nicht angefangen zu studieren. "Wir wollen was reißen", sagt Cham.

Aber jetzt ist erst mal der Verstärker kaputt und kein Bandbetreuer in der Nähe, der Reparaturläden abtelefoniert, kein Backliner, der Ersatzequipment besorgt, kein Roadie, der beim Schleppen hilft. Noch sind Fuck Art, Let’s Dance! da, wo viele Bands sind: Der Proberaum ist voller Altglas, die Köpfe sind voller Ideen, die Taschen aber meistens leer.

Etwa 5.000 Euro liegen zu diesem Zeitpunkt auf dem Konto der Fuck Art, Let’s Dance! GbR. Damit muss die Band Reparaturen bezahlen, den Proberaum, in dem sie ihr Album aufnimmt, und den Produzenten, der dabei hilft. Regelmäßige Einnahmen hat die Band kaum. Zweimal im Jahr kommt Geld von der Gema. Sie sammelt Gebühren von Indieclubs, Radiostationen und Fernsehsendern, die The Conqueror spielen. Viele sind das bisher noch nicht. Außerdem gibt es Honorare für Konzerte, zumindest wenn zahlende Gäste kommen. Und dann sind da die Einnahmen aus T-Shirts und Stoffbeuteln, die sich gut verkaufen, deren Gewinnmarge aber im einstelligen Euro-Bereich liegt.

Vor einem Konzert im Mai sitzt der Sänger Nico Cham in einem Hamburger Abrissclub an der Bar und stöhnt. "Morgen ist Muttertag", sagt er, "und ich habe kein Geld, um meiner Mutter ein Geschenk zu kaufen." Bisher zahlen sich Romeo Sfendules, Tim Hansen und er nur ein Taschengeld aus: Hundert Euro kriegt jedes Bandmitglied pro Monat, zusammen mit Kindergeld und Nebenjobs gerade genug zum Überleben. In ziemlich genau einem Jahr soll das Debütalbum von Fuck Art, Let’s Dance! erscheinen. Dann könnte alles anders werden – vielleicht.

Früher verschickte man Demotapes

2. Die Branche

Das letzte gute Jahr der Musikindustrie war 1997. Damals, als die Leute in Plattenläden gingen, um CDs von Blur oder den Spice Girls zu kaufen, und als Fernsehsender wie MTV und Viva nichts anderes als Musikvideos zeigten, vermeldete die deutsche Popbranche den höchsten Umsatz ihrer Geschichte: 2,75 Milliarden Euro. Dann kam der Absturz. Seitdem hat sich der Umsatz fast halbiert, auf 1,44 Milliarden im Jahr 2012. Von den sechs marktbeherrschenden Majorlabels der Neunziger sind heute noch drei übrig. Unzählige Menschen haben ihren Job verloren, viele Bands ihren Plattenvertrag.

Es ist nicht die erste Krise der Branche. Vor hundert Jahren musste man noch die Wohnung verlassen, um Musik zu hören – und in Tanzsäle und Bars gehen. Hits waren Songs, die von vielen Kapellen und Tanzorchestern gespielt wurden. Dann kam das Grammofon. Das Radio. Die Jukebox. Mitte des letzten Jahrhunderts wurden Platten wichtiger als Konzerte. Nicht mehr der Song zählte, sondern sein Interpret. Schlecht für die Konzerthausdirektoren, Barpianisten und Musikverlage. Gut für die Plattenfirmen.

Wer mit seiner Band durchstarten wollte, verschickte von nun an Demoaufnahmen an eines der Majorlabels. Manche Bands fingen auch bei kleinen Labels an und wurden an die großen weitergereicht; bei Nirvana war das zum Beispiel so. Das Ziel war, einen Vertrag über zwei oder drei Alben zu unterzeichnen, einen Vorschuss zu kassieren und die Plattenfirma machen zu lassen. Während die Musiker sich um nicht viel mehr kümmern mussten, als neue Songs zu schreiben und aufzunehmen, suchte das Label für sie die Singles aus, die im Radio liefen, drehte die Musikvideos fürs Fernsehen und organisierte Tourneen.

All das waren Werbemaßnahmen für die CD, mit der die Firmen ihr Geld verdienten. Dann kam der CD-Brenner. Das Internet. Die MP3. "Durch die Digitalisierung hat sich die Wertschöpfungskette verändert", sagt Andrea Rothaug. "Von der Musik zu leben ist viel schwieriger geworden."

Rothaug ist die Präsidentin des Bundesverbands Popularmusik – und damit so etwas wie die Cheflobbyistin des deutschen Pop-Undergrounds. Sie vertritt die Interessen der Musiker und Clubbetreiber gegenüber der Politik und coacht Nachwuchsbands wie Fuck Art, Let’s Dance!, damit sie am Markt bestehen. "Technisch gibt es so effektive Möglichkeiten wie nie", sagt sie. "Aber Musiker, die sich rein als Künstler verstehen, haben es in Zeiten der Selbstvermarkung schwerer."

Denn wer kein großes Label findet, das ihm den Rücken frei hält, muss sich noch um die banalsten Details der Betriebswirtschaft und des Marketings selbst kümmern: GbR gründen. Preise vergleichen. Buchhaltung machen. Und gleichzeitig Songs schreiben, proben und damit auf Tour gehen, denn erst dadurch kommt Geld rein. "Das Livekonzert ist in den Fokus gerückt", sagt Rothaug. "Bei bekannten Bands sind die Gagen für Konzerte hoch, bei den unbekannten mikroklein bis kaum vorhanden. Das Ziel ist also, bekannt zu werden und viel zu spielen."

3. Die Tour

Ein Samstagabend im Juli, ein Festivalgelände am Ufer des Chiemsees. Die letzten Konzerte sind vorbei. Vor der Bühne wird aufgeräumt, hinter der Bühne gefeiert: mit Schnaps und Weißbier, in einem improvisierten Backstagebereich mit Bierzeltgarnitur. Die Sängerin der vorletzten Band knutscht mit dem Schlagzeuger der letzten, die Jungs von Fuck Art, Let’s Dance! waren die Vorvorletzten: die Helden des Vorabends, auf der Bühne kurz vor der Dämmerung. Nach der Show trugen oberbayerische Indiemädchen neu gekaufte "Fuck Art, Let’s Dance!"-Beutel übers Gelände.

Vorgestern war die Band auf einem Festival in Diepholz, gestern auf halber Strecke in einem Studentenclub in Würzburg. Nicht weil das Geld bringt, sondern eine warme Mahlzeit und die Übernachtung im Zehnbettzimmer eines Hostels. Macht rund 1000 Kilometer in drei Tagen. Für die Festivalauftritte kriegt die Band jeweils etwa 700 Euro Gage, plus Abendessen, Übernachtung und Frühstück, minus 20 Prozent für den Booker, also den Mann, der die Auftritte einfädelt.

Von dem Rest gehen die Kosten für den gemieteten Tourbus ab, für den Sprit und für den Tonmischer, der auch der Fahrer ist. Mittagessen gibt es auf Bandkosten auf Rastplätzen. Einmal kauft der Schlagzeuger Tim Hansen ein Dutzend trockene Hamburger für alle – das ist billiger als McMenüs mit Cola und Pommes.

Im Backstagebereich am Chiemsee erzählt der Veranstalter des Festivals, dass er einen Kollegen habe, der die Bühne baue, einen anderen, der die Stromkabel verlege, und einen dritten, der die Honorarvorschläge an Bands immer gerade so niedrig ansetze, dass die Verhandlungen nicht gleich abgebrochen werden. Die drei organisieren alles neben dem Studium, ehrenamtlich, sagt er, "weil wir Indie-Fans sind". Er habe mit 2000 zahlenden Gästen gerechnet, sagt er, gekommen seien 800.

Es ist irgendwann nach Mitternacht, als Nico Cham aus dem Chiemsee steigt. Hinter ihm läuft ein halb nackter Mann mit Lockenkopf durch die Dunkelheit: David Hadenfeldt, der Tonmischer und Fahrer der Band. An einem Lagerfeuer am Strand trocknen die beiden ihre nassen Boxershorts.

"Ich will was erreichen", sagt Cham.

"Du hast schon derbe viel erreicht", sagt Hadenfeldt.

C: "Ich will das durchziehen."

H: "Das machst du auch."

C: "Ich will, dass Fuck Art steil geht."

H: "Digger, du hast noch nicht mal ein Album rausgebracht und gehst schon steil."

Stille.

C: "Du bist so derbe wisdom-mäßig, Dave."

H: "Ich muss mir den Arsch trocknen."

Dann drehen sich die beiden um, den Rücken zum Feuer, den Blick auf den Chiemsee, die Alpen, den Nachthimmel – und schweigen. Die Sterne leuchten hell hier, viel heller als in Hamburg und Berlin.

Man muss spielen, wo man gebucht wird

Am Sonntag nach dem Konzert springen die Bandmitglieder vom aufblasbaren Eisberg am Strand von Gstadt, rudern in einem Boot über den Chiemsee, posten ein Foto davon auf Facebook ("101 Personen gefällt das") und essen Fischbrötchen auf der Fraueninsel. "Tour ist wie Klassenfahrt", ruft Romeo Sfendules, als er mit nackten Füßen über den heißen Asphalt tapst. "Oder, Jungs? Tour ist echt wie Klassenfahrt!"

Abends fährt der Bandbus wieder über die Autobahn in Richtung Berlin. Es ist fast vier Uhr morgens, bis der Bus ausgeladen und vor dem Büro des Autoverleihers geparkt ist. Romeo Sfendules fällt in das Bett des WG-Zimmers, das er während der Aufnahmen in Berlin gemietet hat. An die Wände hat der Hauptmieter Bandposter und Konzertkarten gehängt, in den Regalen stehen CDs: Ärzte, Bloc Party, Bad Religion. Sfendules schließt die Augen. Eines Tages steht vielleicht auch seine Platte in einem dieser Regale.

Nachmittags geht es wieder ins Studio, Ende der Woche zurück auf die Autobahn. Dann wird Fuck Art, Let’s Dance! auf einem Festival in Österreich auftreten, hin und zurück sind das rund 1.500 Kilometer.

So ist es fast jedes Wochenende im Sommer. Es ist Festivalzeit, und wer sich seine Auftritte nicht aussuchen kann, der muss eben spielen, wann und wo er gebucht wird. Die Tour besteht zu 90 Prozent aus Warten (im Auto, im Backstageraum, am Frühstücksbuffet) – und zu 10 Prozent aus purer Euphorie.

4. Das Label

Als Romeo Sfendules und seine Bandkollegen ihren ersten Plattenvertrag unterschrieben, war das nicht in einem Konferenzraum mit Designerstühlen, sondern in einer Kneipe mit Antifa-Stickern an der Wand. "Danach gab’s Schnaps", sagt Lars Lewerenz, "ist doch klar."

Lewerenz trägt eine rote Schirmmütze und Boxershorts mit Zitronenmuster, sie gucken hinten aus seiner Hose raus. Er ist 37 Jahre alt, Chef der Plattenfirma Audiolith und ein heimlicher Visionär des Popgeschäfts. Vor zehn Jahren gründete er sein Indielabel. Damals, als auf Asta-Partys noch Gitarrenpop von Wir sind Helden lief, setze Lewerenz auf deutschsprachigen Rap über dreckigen Elektro-Tracks. Also auf den Sound, der etwas später mit Deichkind und den Atzen in Deutschland massenkompatibel wurde – bis irgendwann sogar amerikanischer Hip-Hop so ähnlich klang: rau, trashig und aggressiv.

Heute arbeiten vier Angestellte für Lars Lewerenz. Zwei organisieren Konzerte, einer betreut den Onlineshop, eine vierte kümmert sich um Werbung und Pressearbeit. "Wir haben von Anfang an versucht, alles selbst zu machen", sagt Lewerenz. Audiolith ist ein kleiner Betrieb, verglichen mit den Majorlabels, die Tausende Menschen in aller Welt beschäftigen. Aber mitten in der Krise der Musikindustrie, in der die großen Firmen schrumpften, hat Audiolith nicht nur überlebt, sondern ist sogar gewachsen.

Die Firma, die Lewerenz mit dem Existenzgründerzuschuss des Arbeitsamts aufbaute, ist zu einer Marke geworden: Auf Festivals sieht man oft T-Shirts mit dem Schriftzug des Labels. Niemand trägt Shirts, auf denen der Name eines der Majorlabels steht, Warner Music Group zum Beispiel. Bei Warner erscheint der Fahrstuhljazz von Michael Bublé, der Rap von Missy Elliott, der Metal von Slipknot. Dass diese Bands gemeinsam auf Tour gehen oder sich bei der Albumproduktion helfen, ist kaum vorstellbar.

Bei Audiolith ist das anders: Bevor Lars Lewerenz eine neue Band unter Vertrag nimmt, muss sie ein Gespür für den Sound der Kollegen entwickeln. Die drei von Fuck Art, Let’s Dance! traten erst als Vorband von Frittenbude auf, jetzt produziert der Bassist von Frittenbude ihr Album. "Es ist ein Familiending", sagt Nico Cham. Und Lars Lewerenz, der seinen Bands keine fetten Vorschüsse zahlt, aber zum zehnjährigen Labeljubiläum alle für ein Wochenende an die Ostsee einlädt, sagt: "Wir finden’s geil, wenn unsere Bands keine beschissenen Nebenjobs machen müssen. Aber versprechen können wir das nicht."

5. Die Hauptbühne

"So, die Herrschaften", erklingt eine Stimme, die man nur auf der Bühne hört, "ich würde gern mit dem Soundcheck anfangen." David Hadenfeldt, der Tonmischer von Fuck Art, Let’s Dance!, steht mehrere Hundert Meter entfernt in einem kleinen Turm, in dem das Mischpult aufgebaut ist, das größte, an dem er bisher gearbeitet hat. Heute ist alles überdimensioniert: die Bühne. Das Publikum. Der Biervorrat im Backstageraum. Fuck Art, Let’s Dance! spielen auf der Hauptbühne des Dockville-Festivals in Hamburg. Die Tickets sind ausverkauft, 25 000 Gäste werden das Wochenende über erwartet.

Tim Hansen sitzt etwas verloren an seinem Schlagzeug und tritt auf das Bodenpedal der Bassdrum, langsam und gleichmäßig: Bumm. Bumm. Bumm. Mit jedem Schlag verändert sich der Sound. Hall kommt hinzu, mehr Tiefen, der Beat wird fett, fetter, richtig fett. Dann nimmt Hansen die Sticks und schlägt auf die Snare, langsam und gleichmäßig: Tssk. Tssk. Tssk. "Woohoo!", schreit eine Frau, die im Schneidersitz vor der Bühne hockt und auf den Auftritt wartet. So laut waren Fuck Art, Let’s Dance! noch nie.

Hinter der Bühne beugt Nico Cham sich über ein Textblatt mit hastiger Handschrift. We’re Manicals hat Cham vorgestern erst fertig geschrieben. Später soll der Song die Single des neuen Albums werden – jetzt muss Cham erst noch den Text auswendig lernen.

Winter im Proberaum

Eine halbe Stunde später drängen Gameboy-Sounds, Kuhglocken und E-Gitarren aus den Boxen, das Konzert läuft auf seinen Höhepunkt zu: Fuck Art, Let’s Dance! spielen The Conqueror. "You take the risk to leave it all", singt Nico Cham und jagt dabei über die Bühne, zehn Meter nach links, nach rechts und runter in den Graben, zum Publikum. Romeo Sfendules krümmt sich über seiner Gitarre, Tim Hansen drischt auf sein Schlagzeug ein, mit offenem Mund und geschlossenen Augen, Schweißtropfen wirbeln durch die Luft. "You take the risk to leave it all", singen die Leute vor der Bühne mit, Mädchen in Hippiekleidern und Jungs mit Glitzer im Gesicht. Obwohl Fuck Art, Let’s Dance! erst die zweite Band des Abends sind und die Sonne noch auf den Festplatz knallt, stehen die Fans bis hinter den Turm mit dem Mischpult, singen, tanzen, pusten Seifenblasen in den Sommerhimmel und rufen nach Zugaben.

Als die letzten Akkorde verklungen sind, hinkt Nico Cham mit schmerzverzerrtem Gesicht von der Bühne. Er hat sich neue Sneakers angezogen für das Konzert, jetzt schält er seine geschwollenen Füße aus den Schuhen. In der halben Stunde auf der Bühne hat er sich mindestens drei fette Blasen ertanzt. "Wolltest geil aussehen, wa?", spottet ein Roadie. Nico Cham antwortet nicht. Den Rest des Abends versackt er im Backstageraum, in dem alle zum Gratulieren und Feiern vorbeikommen: der Tonmischer, der Labelchef, der Booker, die Frau, die das Musikvideo zu The Conqueror gedreht hat, und ein halbes Dutzend andere Leute. Morgen gilt Chams Eintrittsbändchen immer noch, dann wird er wieder aufs Festival kommen. Diesmal nicht als Musiker, sondern als Fan.

6. Das Album

Über den Winter zieht sich die Band in ihren Proberaum zurück. Die Songs für das Album sind aufgenommen, jetzt beginnt der technische Teil der Produktion: Die Tonspuren gehen für den akustischen Feinschliff ins Audio-Mastering. Dort werden Lautstärken angepasst, und es wird die Vorlage erstellt, von der die CDs gepresst werden.

Im März 2014, einige Wochen nachdem Audiolith-Chef Lars Lewerenz an Journalisten und Konzertveranstalter den Link zur Promo-Website mit den neuen Songs verschickt hat, gibt es gute Nachrichten vom Bundesverband Musikindustrie: "Der deutsche Musikmarkt ist 2013 erstmals wieder gewachsen." 1,2 Prozent Plus, die erste schwarze Zahl seit rund 15 Jahren. Es sei zu vermuten, dass es nach anderthalb Jahrzehnten des Absturzes jetzt wieder dauerhaft aufwärtsgehe.

"Das Album ist tot", dieser Satz ist in den vergangenen Jahren zu einem Mantra in Popzeitschriften und auf Musikmessen geworden. Der Satz ist falsch. Die Verkäufe von CDs machen noch immer den größten Anteil der Labelumsätze aus. Bei den Downloads dominieren Alben gegenüber Singles. Auch für Bands, die heute oft mehr Geld mit Liveauftritten verdienen als mit Plattenverkäufen, ist das Album nicht tot, sondern höchstens untot: Es ist für Promoter etwas, was sie den Radiosendern anbieten können, für Journalisten ein Anlass, um über eine Band zu berichten, für Fans eine Erinnerung, sich Konzert- und Festivalkarten zu kaufen und dem Sommer entgegenzufiebern. Für Bands bleibt es ein großer Wurf. Etwas, das viele Monate lang Leidenschaft und Arbeitskraft erfordert. Ein Kunstwerk.

"Wir sind richtig krass pleite", sagt Romeo Sfendules im März 2014. Letzten Monat hat sich die Band kein Honorar ausgezahlt, diesen Monat wird’s vermutlich auch nichts. "Die nächsten Konzerte sind erst im April", sagt Sfendules. Trotzdem klingt er optimistisch. Gerade ist We’re Manicals erschienen, als Vorab-Single zum neuen Album. Außerdem gibt es ein neues Bandmitglied, Bassist Damian Palm. Bisher kamen die Bässe als Playback aus dem Laptop. "Jetzt können wir live mehr improvisieren", sagt Sfendules.

In den nächsten Tagen wird das Album aus dem Presswerk kommen, es gibt eine erste Auflage auf CD, Vinyl und als Download. Lars Lewerenz, der Labelchef von Audiolith, sagte im letzten Jahr, er gehe nicht davon aus, mehr als 3.000 Exemplare zu verkaufen. Die Radiosender und Charts werden von deutschsprachigen Bands dominiert. Trotzdem wird das Album für Fuck Art, Let’s Dance! darüber entscheiden, wie es mit der Band weitergeht. Ob sie so bekannt wird, dass die Gagen steigen – und die Bandmitglieder eines Tages von der Musik leben können.

Romeo Sfendules blickt der Veröffentlichung gelassen entgegen. "Ich glaube nicht, dass die Platte richtig Mainstream wird", sagt er. "Wenn sie floppt, haben wir später eine zweite Chance." Er freue sich auf die Konzerte, sagt er, vor allem die im Ausland: England, Dänemark, Spanien. "Wenn wir dahin kommen und die Leute singen unsere Songs mit, würde mir das viel bedeuten."

Das Album heißt Atlas. Auf dem Coverfoto ist eine nackte Frau zu sehen, die über einen Felskamm kraxelt und bald hinterm Horizont verschwinden wird. Ende April kommt die Platte in die Läden. Ein Jahr lang wollen Fuck Art, Let’s Dance! danach auf Tour gehen. Es sieht so aus, als komme der alte Gitarrenverstärker noch mal mit. Seit Ostern hat er alle Konzerte überstanden.