Gleich an dem Tag, als Edward Snowden weltberühmt wurde, habe ich die Kamera meines Laptops zugeklebt. Mit einem gedrittelten, grellfarbigen Post-it, dessen Klebstelle so neben der Kamera positioniert ist, dass er die Linse nicht verklebt und fast, aber nur fast, dekorativ aussieht.

Vor Snowden kam mir der Gedanke, jemand könne mich an meinem Computer ausspionieren, paranoid vor. Heute ist offensichtlich: Was technisch möglich ist, wird auch gemacht. Zwar habe ich noch nichts darüber gelesen, dass Geheimdienste die Kameras von Privatpersonen anwählen und sie ohne deren Wissen aktivieren, aber ich halte es für möglich. Ich versuche, mich zu schützen – und komme mir ohnmächtig vor. Von der Politik erwarte ich keine Hilfe: Der deutsche Staat ist verstrickt in internationale Absprachen. Das Freihandelsabkommen mit den USA ist wichtiger als meine Privatsphäre. Ich bin auf mich allein gestellt. Aber was kann ich tun?

Computer sind Entmündigungsmaschinen. Handys sind Entmündigungsmaschinen. Erst haben wir uns daran gewöhnt, sie zu gebrauchen, dann haben wir uns daran gewöhnt, sie zu brauchen. Jetzt scheint ein Alltag ohne die Vorzüge von Google und Wikipedia undenkbar. Mit meinem Verzicht auf ein Smartphone bin ich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis inzwischen fast der Einzige.

Wie habe ich meine finnische Kommilitonin Jenny und meinen Theaterkollegen Thomas bewundert. Bis vor wenigen Jahren waren sie die beiden letzten Menschen aus meinem Umfeld, die kein Handy hatten. Wie lustig war es, wenn Jenny von ihren vergeblichen Versuchen berichtete, sich mit finnischen Handybesitzer-Freunden zu verabreden: Stets vergaßen sie, dass sie eine einmal getroffene Verabredung nicht mehr kurzfristig absagen konnten, weil sie Jenny nicht mehr erreichten. Und wie unpraktisch auf der anderen Seite, spontane Probenplanänderungen nur auf Thomas’ Festnetzanrufbeantworter hinterlassen zu können, ohne die Sicherheit, dass er sie auch rechtzeitig abhören würde. Als sich beide innerhalb desselben Jahres schließlich doch ein Handy zulegten, fühlte sich das wie ein persönlicher Verlust an. Nicht nur weil ich um ein paar Anekdoten ärmer war: Jenny und Thomas waren in ihrer Nonkonformität Helden für mich gewesen.

Über die Möglichkeit, am Handy abgehört zu werden, habe ich mir damals viel intensiver Gedanken gemacht als über die Spuren, die mein Surfverhalten hinterlässt. Von dem Trick, den Akku des Handys rauszunehmen, um sein Mikrofon unschädlich zu machen, habe ich anderen gern erzählt, aber selbst nie Gebrauch gemacht – nur um irgendwann zu erfahren, dass man wegen einer weiteren, nicht abschaltbaren Batterie sowieso weiterhin zu orten wäre.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

Eine Kommilitonin schrieb mir vor Jahren urplötzlich zehn Seiten lange Briefe, in denen sie ausführte, die Handys würden nur unters Volk gebracht, damit alle freiwillig die Satelliten mitfinanzierten, die zu kriegerischen Zwecken gebraucht würden. Damals war ich mir ziemlich sicher, dass sie unter einer kreativen Form von Verfolgungswahn litt. Einige Wochen später kam sie tatsächlich in die Psychiatrie. Vielleicht hat sie dennoch recht?

Über das in meinen Laptop eingebaute Mikro denke ich erst nach, seitdem ich die Kamera zugeklebt habe. Eigentlich müsste ich es unschädlich machen und mir ein externes Mikro kaufen, das ich nur anschließe, wenn ich es brauche. Aber diese Überlegung ist nun mehrere Monate alt, und ich habe nichts gemacht. Warum? Aus Faulheit? Oder weil ich der Angst, ich könnte überwacht werden, dann noch mehr Platz in meinem Leben einräumen würde? Oder weil ich glaube, mich doch nicht wehren zu können, und es mir lieber gemütlich mache?