Ja: Gebühren halten Studierwillige nicht vom Studium ab

Wer Studiengebühren ablehnt, der verteidigt Privilegien der Satten und Besserverdienenden. Das ist schon Karl Marx aufgefallen. In der Kritik des Gothaer Programms schreibt er 1875: "Wenn in einigen Staaten [...] auch 'höhere' Unterrichtsanstalten 'unentgeltlich' sind, so heißt das faktisch nur, den höheren Klassen ihre Erziehungskosten aus dem allgemeinen Steuersäckel bestreiten."

Mehr als zwei Drittel der Studenten entstammen der Mittel- und Oberschicht. Die Steuern aber, mit denen die Hochschulen finanziert werden, zahlen alle. Die Kassiererin muss also für das Studium der Tochter ihres Chefs aufkommen.

Natürlich zahlen Akademiker auch mehr Steuern. Aber: Berechnungen der fünf Wirtschaftsweisen, die der Regierung in Deutschland wirtschaftspolitische Maßnahmen empfehlen, zeigen, dass der persönliche Vorteil eines Studiums größer ist als der Vorteil für die Gesellschaft. Das bedeutet: Wenn sich Studenten künftig wieder in Form von Studiengebühren an der Finanzierung ihres Studiums beteiligen würden, wäre das ein Beitrag zur sozialen Gerechtigkeit.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 4/14, das am Kiosk erhältlich ist.

Studiengebühren halten auch keineswegs Kinder aus sozial schwachen Familien vom Studium ab, wie Gebührengegner immer wieder gern behaupten. Im gebührenfreien Deutschland nimmt nur rund die Hälfte der Schulabgänger ein Studium auf, in den gebührengewohnten USA sind es drei Viertel. Auch eine Untersuchung des Wissenschaftszentrums für Sozialforschung in Berlin kommt zu dem Schluss, dass Gebühren Studierwillige nicht vom Studium abhalten. Kinder aus nicht akademischen Familien schon gar nicht.

Thomas Kerstan, 56, leitet das Bildungsressort Chancen der ZEIT und ist Herausgeber von ZEIT CAMPUS. Er befürwortet Studiengebühren seit Jahren.