Viertens: Die Entscheidung lieben

Wenn Ruth Chang von schweren Entscheidungen redet, weiß sie, wovon sie spricht. Das kann man an ihrem Lebenslauf ablesen: Erst machte sie einen Abschluss in Philosophie (inhaltlich interessant, sagt sie, aber wirtschaftlich unsicher), dann einen zweiten in Jura (inhaltlich nicht so interessant, zumindest für Ruth Chang, dafür sicherer). Schließlich wurde sie doch Philosophin – und denkt nun über das Entscheiden nach.

Ihre Philosophie dazu geht so: Wenn eine Option eindeutig besser ist als die andere, dann ist die Entscheidung leicht. Zum Beispiel: Ein Geflügelschnitzel mit Pommes kostet 3,10 Euro. Ein Geflügelschnitzel mit Pommes inklusive eines Desserts nach Wahl kostet 2,95 Euro. Seltsam, wie die Mensaleitung auf diese Preise kommt, aber: Es ist eine leichte Entscheidung.

Schwere Entscheidungen sind anders: Ein Geflügelschnitzel mit Pommes kostet 3,10 Euro. Zum gleichen Preis gibt es Mangocurry mit Paprika und Reis. Die Portionen sind gleich groß. Und beide lecker (das ist schließlich die Mensa!). Wer nicht Vegetarier ist oder Currys hasst, für den ist das eine schwere Entscheidung: Keine der beiden Optionen ist eindeutig besser.

Schwere Entscheidungen müssen nicht wichtig sein, aber viele wichtige Entscheidungen sind schwer: Soll ich in der Stadt leben oder auf dem Land? Eine Familie gründen oder Single bleiben? Philosophie studieren oder Jura?

Bei schweren Entscheidungen sieht es oft so aus, als habe man nicht genug Informationen, um die richtige Wahl zu treffen. Deshalb liest man Ratgeberbücher, schreibt Pro-und-Contra-Listen, besucht Coaching- Sitzungen und grübelt. Das ist falsch, sagt Ruth Chang. Egal, wie lange man über eine schwere Entscheidung nachdenkt, man wird nie zu einem Ergebnis kommen, das so unzweifelhaft richtig ist wie die bessere Option bei einer leichten Entscheidung. Es bleibt das Dilemma, dass es gute Argumente für die eine Option gibt und gute Argumente für die andere: Jura ist sicherer, Philosophie ist interessanter.

"Man sollte nicht zu viele Informationen sammeln, denn das schadet der Entscheidungsfindung", sagt auch der Psychologe Gerd Gigerenzer, der das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung leitet. Seine Experimente zeigen, dass es oft besser ist, auf das eigene Bauchgefühl zu hören, als lange zu grübeln. Nach der perfekten Lösung zu suchen mache unglücklich – die gebe es meistens nämlich gar nicht, sagt Gigerenzer. "Wer immer versucht, Fehler zu vermeiden, und zu vorsichtig ist, vergibt wichtige Chancen."

Tatsächlich sollten wir für schwere Entscheidungen sogar dankbar sein, sagt die Philosophin Ruth Chang. Denn sie erlaubten es uns, die "Autorenschaft über das eigene Leben zu übernehmen". Das klingt poetisch, ist aber eigentlich ganz einfach: Schwere Entscheidungen muss jeder für sich selbst begründen. Was für ein Typ bin ich? Ist mir Sicherheit wichtiger als Selbstverwirklichung? Familie oder Freiheit? Die Ruhe des Landes oder der Abwechslungsreichtum der Stadt? Mit jeder Begründung schreiben wir an der Geschichte weiter, die wir selber sind. Wir erfinden uns selbst.

Es wäre schlecht, wenn es nur leichte Entscheidungen gäbe. Denn dann wäre immer klar, wie wir zu entscheiden hätten. Wir wären nicht mehr freie Menschen, sondern würden zu Sklaven der Vernunft werden, vielleicht mit Ausnahme von ein paar Rebellen, die in der Mensa absichtlich den höheren Preis für die kleinere Portion bezahlen.

Wirklich frei ist nur, wer schwere Entscheidungen trifft, die ihm niemand abnehmen kann. Die Studienberatung nicht, die Frau hinter der Mensatheke nicht und zum Glück auch nicht mehr der Staat mit seinen Gesetzen und Verboten.

Wer ewig grübelt, wer versucht, sich alle Optionen offenzuhalten um sich bloß nicht zu früh festzulegen, der betrügt sich selbst: Er scheut sich, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, und tut so, als gebe es dafür gute Gründe. Dabei stimmt das Gegenteil: Keine Entscheidung ist so schlecht wie keine Entscheidung.

Fehler machen bringt uns weiter, als abzuwarten. Nämlich mindestens bis zur nächsten Entscheidung. Darf ich? Kann ich? Muss ich? Will ich? Soll ich? Egal, ich mach das jetzt!