Christoph Bangert fliegt für die "New York Times" in den Irak.

Das Flugzeug steuert rasant auf Bagdad zu. Tiefer, immer tiefer, in engen Kreisen, wie ein Korkenzieher. Krachend setzt es auf der Landebahn auf. Geschafft: Wir sind sicher gelandet im Kriegsgebiet. Die Panzerfäuste und Maschinengewehre, mit denen Flugzeuge hier oft beschossen werden, konnten uns nichts anhaben. Es ist März 2003. Ich bin 26 Jahre alt. Das hier ist mein erster richtiger Auftrag als Fotograf: Ich bin für die New York Times im Irak.

Für mich ist das wie ein Sechser im Lotto, eine riesige Chance. Nach meinem Fotografiestudium habe ich jahrelang Klinken geputzt, bis es so weit war. Alle großen Medien haben mir abgesagt. Kein Wunder, sie haben ihre Stammfotografen, erfahrene Leute. Dann ging ausgerechnet eine Bildredakteurin der New York Times das Risiko ein und hat mich losgeschickt. Wenn ich schlechte Fotos mache oder etwas Unüberlegtes tue und dabei verletzt werde, muss sie das verantworten. Sie setzt ihre Karriere aufs Spiel. Und ich springe ins kalte Wasser. Im Studium habe ich viel gelernt: Technik, Bildaufbau, so was. Aber ob ich der emotionalen und körperlichen Belastung dieser Arbeit wirklich gewachsen bin, weiß ich nicht. Kriegsfotografie ist Learning by Doing .

Als ich in Bagdad lande, haben viele ausländische Reporter das Land bereits verlassen. Die BBC ist noch da, CNN, die Washington Post. Andere Deutsche kommen höchstens für ein paar Tage und reisen dann wieder ab. Die Arbeit ist gefährlich und ein eigenes Korrespondentenbüro vielen Medien zu teuer. In den Regionen, in denen ich bisher auf eigene Faust fotografiert habe, im Gazastreifen etwa und in Darfur, wurden Journalisten nicht gezielt angegriffen. Das ist im Irak anders. Al-Kaida hat ein Kopfgeld auf Ausländer ausgesetzt. Wenn man hier entführt wird, ist das ein Todesurteil. Ich habe Videos von Journalisten gesehen, die vor laufender Kamera geköpft wurden.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 5/14, das am Kiosk erhältlich ist.

Ich bin nervös. Aber ich habe mir alles gut überlegt. Ein Teil meiner Motivation ist die Wut in meinem Bauch. Ich war gegen die amerikanische Invasion im Irak und will ihre Folgen dokumentieren. Vor der Abreise habe ich mich genau informiert, wie meine Kollegen hier arbeiten, die anderen Fotografen und die Schreiber. Das hat mir Mut gemacht, denn mir wurde klar: Die sind nicht leichtfertig. Die New York Times hat ein Haus gemietet, gepanzerte Limousinen und einen Sicherheitsdienst. Normalerweise versuche ich mich von bewaffneten Typen fernzuhalten. Doch unsere unauffälligen irakischen Begleiter mit der Kalaschnikow sind die einzige Chance, in Bagdad unabhängig vom Militär zu arbeiten.