Sie haben jahrelang studiert, dann kam das Aus. Drei, die an der Uni gescheitert sind, erzählen, wie das passieren konnte – und wie es danach weiterging.

"Ich schätze, es ist noch nie jemand mit einem besseren Schnitt aus dem Jurastudium geflogen"

Karl Wolfgang Epple, 27, schrieb gute Noten. Dann verließ ihn seine Freundin

"Ich wollte Jura studieren, um mich für Menschen und für eine bessere Welt einzusetzen. Und ich war richtig gut, einer der Besten meines Jahrgangs. Mein Schnitt lag bei 14 von 18 möglichen Punkten – mit neun Punkten im Staatsexamen, sagt man, stehen einem alle Türen offen. Fast ein Jahr lang belegte ich schon Seminare im Hauptstudium, als die Uni mir nachträglich mein Grundstudium aberkannte. Ich hatte einen Prüfungsnachweis im Fach Strafrecht nicht erbracht. Nach dem ersten Schreck dachte ich: ›Was soll’s, schreibst du die Klausur eben nach.‹ Mir war im Studium nie etwas schwergefallen, geschweige denn, dass ich durch eine Klausur gefallen wäre. Dann kam der Liebeskummer. Ausgerechnet während meiner Klausurvorbereitung trennte sich meine Freundin von mir. Es war das erste Mal, dass ich verlassen wurde, und es ging mir so schlecht, dass an Lernen kaum zu denken war.

Am Ende vergeigte ich die Klausur – mir fehlte nur ein Punkt. Beim Prüfungsamt sagten sie mir, dass ich keinen Zweitversuch bekommen könne, weil ich bereits im sechsten Semester wäre, das Grundstudium aber in fünf abgeschlossen werden müsse. Zuerst fand ich das alles noch lächerlich und war überzeugt, dass es eine Möglichkeit geben musste. Sie selbst hatten schließlich erst so spät gemerkt, dass mir die Klausur fehlte. Außerdem war ich vorher immer ein hervorragender Student gewesen, das mussten sie doch anerkennen! Taten sie aber nicht. Ich ging zu dem zuständigen Professor in der Hoffnung, den fehlenden Punkt noch zu bekommen. Die Antwort: ›Die persönliche Härte, die Sie trifft, darf bei der Bewertung eines juristischen Gutachtens keine Rolle spielen.‹ Was zählt, sind die Paragrafen. Niemanden interessiert es, ob du in der Klausur den schlimmsten Liebeskummer deines Lebens hattest.

Ich schätze, es ist noch nie jemand mit einem besseren Schnitt aus dem Jurastudium geflogen. Ich exmatrikulierte mich, bevor es die Uni tun konnte. So blieb mir wenigstens die Chance, es im Lebenslauf und vor Arbeitgebern wie einen Fachrichtungswechsel aussehen zu lassen und vor allem: wie meine eigene Entscheidung.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 5/14, das am Kiosk erhältlich ist.

Freunden und Bekannten habe ich gesagt, ich sei freiwillig gegangen. ›Hatte keinen Bock mehr. War doch nichts für mich, spät gemerkt.‹ Das stimmte natürlich nicht. Vom ersten Tag meines Studiums an hatte ich Anwalt werden wollen. Zu wissen, dass ich das nun nicht mehr konnte, war ein schreckliches Gefühl. Das möchte ich nicht noch einmal durchleben. Ich lag Monate in meinem Zimmer, habe mit nur wenigen gesprochen, bin kaum rausgegangen. Ich schob Kummer und hing bei Facebook ab.

Letztendlich war gerade das mein Glück: Von einem Kumpel kannte ich die Facebook-Seite der Texterschmiede, einer der besten Akademien für Werbetexter in Deutschland. Aus Langeweile habe ich mich an Aktionen beteiligt, bei denen man einen Slogan für ein Foto posten sollte. Völlig unerwartet lud mich die Texterschmiede eines Tages zu einem Vorstellungsgespräch ein. Ich ging hin und wurde nach einem Test und dem Gespräch an der Akademie angenommen.

Zuerst habe ich nur zugesagt, weil ich keine Alternative hatte und natürlich geschmeichelt war, dass mich die Leute dort für ein Talent hielten. Ich konnte mich immer gut ausdrücken, das hatte mir bereits bei Jura geholfen. Aber eigentlich wusste ich nichts über Werbung, und besonders kreativ fand ich mich nie. Während der einjährigen Ausbildung habe ich dann gemerkt, dass mir Texten wirklich liegt und dass man auch mit Werbung etwas bewirken kann. Die Werbung macht nicht nur Filme für Limonade, es kann auch eine Kampagne sein, die Menschen dazu bringt, für eine gute Sache zu spenden.

Dann lief es richtig gut. Bei der Texterschmiede lernte ich meine jetzige Freundin kennen, und nach dem Abschluss unterschrieb ich bei der Agentur thjnk. Vor Kurzem habe ich für eine Ikea-Werbung in Cannes den Silbernen Löwen gewonnen. Bei der After-Show-Party standen der ehemalige Nirvana-Schlagzeuger Dave Grohl und Kanye West neben mir an der Bar. Für sie war ich nicht Karl, der durchs Studium gefallen ist, sondern Karl, der versilberte Werbetexter.

Heute bin ich froh, dass Jura nicht geklappt hat. Ich glaube, jeder Mensch hat mehr als ein Talent und somit eine Alternative, wenn etwas schiefgeht. Vielleicht muss man aber erst einmal gescheitert sein, um zu sehen, dass das Leben danach wirklich weitergeht."