ZEIT Campus: "Pragmatisch", das klingt bescheiden.

Sotomayor: So meine ich das nicht. Selbstverständlich gibt es auch Kinder, die sich die Spritzen von ihren Eltern setzen lassen, bis sie groß sind. Aber unangenehme Dinge hinauszuzögern macht es nicht besser. Vielen Menschen fehlt die Fähigkeit, einen Schritt weiterzudenken. Sie verstehen nicht, was ihnen wirklich wichtig ist und wie sie es erreichen. Oft bedeutet es, Entbehrungen in Kauf zu nehmen.

ZEIT Campus: War es eine bewusste Entscheidung, die Laufbahn der Richterin einzuschlagen, bis zum Obersten Gerichtshof?

Sotomayor: Nein. Als junge Frau wusste ich nicht, wie so eine Karriere abläuft. Mein ganzes Leben war eine Reise ins Ungewisse, denn ich hatte keine Ahnung, was mich erwarten würde. Die einzige Ausnahme war meine Berufung an den Obersten Gerichtshof in Washington, D. C. Da verstand ich, dass dieser Schritt mein Leben verändern wird.

ZEIT Campus: Und dieses Gefühl hatten Sie vorher nie?

Sotomayor: Nein. Im Nachhinein war mein Studienbeginn wahrscheinlich der größte Einschnitt in meinem Leben. Die Uni brachte mich auf den Weg, auf dem ich heute bin. Doch damals, nach dem Auswahlgespräch in Princeton, saß ich mit meiner Mutter im Zug nach Hause. Wir ahnten, dass gerade etwas Wichtiges geschehen war. Aber die Konsequenzen? Die konnten wir nicht im Geringsten abschätzen. Uns fehlte der Maßstab.

ZEIT Campus: Vor Kurzem mussten Sie am Obersten Gerichtshof über einen Fall entscheiden, der mit Ihrem Leben zu tun hat. Es ging um die Frage, ob staatliche Unis Bewerber aus Minderheiten weiter bevorzugen sollen. Die meisten der weißen Richter stimmten dagegen, Sie nicht. Plädieren Sie dafür, dass man Kindern von Schwarzen und Migranten bei gleichen Qualifikationen immer den Vorrang geben sollte?

Sotomayor: Ich plädiere zumindest dafür, dass man stets beide Seiten einer Sache kennen muss und nicht nur die eigene Sicht. Natürlich ist es für viele Eltern aus der Mehrheitsgesellschaft schwer, zu verstehen, warum die Chancen ihres Kindes eingeschränkt werden sollten. Aber es geht hier um die Frage, was die Gesellschaft als Ganzes weiterbringt.

ZEIT Campus: Was würden Sie diesen Eltern sagen?

Sotomayor: Nehmen wir mal an, Sie haben einen Job zu vergeben und zwei Menschen bewerben sich. Der eine kommt aus einer guten Familie, war an einer guten Uni und hat gute Noten bekommen. Der andere ist exakt gleich qualifiziert, kommt aber aus einer Familie, die von Universitäten, akademischen Berufen und alldem keine Ahnung hat. Wen nehmen Sie?

ZEIT Campus: Hm, ich könnte eine Münze werfen.

Sotomayor: Das sagen Menschen aus der Mehrheitsgesellschaft oft. Ich würde denjenigen nehmen, der sich alles selbst beigebracht hat. Den, der bewiesen hat, wie hartnäckig er arbeitet. Aber, Folgefrage: Was ist, wenn ich ihn nehme, obwohl er etwas schlechtere Noten als der andere Bewerber hat? Hieße das, dass ich ihn bevorzuge, nur weil er einer Minderheit angehört? Wenn Sie ernsthaft über diese Frage nachdenken, kommen Sie zu einer Einsicht, vor der sich viele Menschen drücken: "Gleich gute Qualifikationen" gibt es gar nicht.

ZEIT Campus: Was bedeutet das für die Auswahl von Bewerbern an Universitäten?

Sotomayor: Die Uni in Princeton, an der ich war, bekommt jedes Jahr Tausende Bewerbungen. Sie könnte einfach diejenigen mit dem besten Notendurchschnitt auswählen. Tut sie aber nicht. Denn Princeton will auch die kleinen Einsteins, die in allen Schulfächern schlecht waren – aber in Mathe brillant. Und die Konzertpianisten, die das Studentenleben bereichern werden, auch ohne Bestnoten. Und so weiter. Es gibt keine objektive Qualifikation für ein Studium, jeder von uns hat andere Begabungen. Deshalb kommt es auf eine gute Mischung der unterschiedlichen Talente an.

ZEIT Campus: Gerade ist Ihre Autobiografie Meine geliebte Welt in der deutschen Übersetzung erschienen. Dass Verfassungsrichter in der Öffentlichkeit über ihr Privatleben sprechen, kommt in Deutschland nicht vor. Ist es in Amerika üblich?

Sotomayor: Verfassungsrichter sind bei uns öffentliche Personen. Wir mischen uns stark in intellektuelle Debatten ein, gehen an Hochschulen und halten Vorträge. Die meisten meiner Kollegen sprechen dann aber nur über die Verfassung. Über die eigene Biografie referieren ... hm, das mache wohl nur ich.

ZEIT Campus: Warum erzählen Sie von Ihrer Kindheit?

Sotomayor: Ich will zeigen, dass das möglich ist: dass man auch als Tochter einer zerrütteten Familie aus der Bronx Verfassungsrichterin werden kann. Es gibt Hoffnung!