Nein: Tourismus schafft Abhängigkeiten

Wir Deutschen sind Reiseweltmeister. In der Rangliste der Urlaubsausgaben liegt nur China vor uns. Das heißt: Obwohl in Deutschland nur 80 Millionen Menschen leben, sind unsere Gesamtausgaben für Urlaube fast so hoch wie die von 1,3 Milliarden Chinesen. Viele Deutsche sind bereit, für exotische Erlebnisse absurd hohe Preise zu zahlen, insbesondere gemessen an den einheimischen Maßstäben. Doch bei aller Reiselust fällt ein Problem oft unter den Tisch: Tourismus schafft Abhängigkeiten.

Wo Touristen Geld ins Land bringen, geben viele Einwohner ihre traditionellen Berufe auf und eröffnen stattdessen Hostels oder Pensionen. Kurzfristig ist das ein lukratives Geschäftsmodell und scheint verlockender als ein Leben als Landwirt oder Handwerker. Doch nachhaltige Entwicklung kann so nicht stattfinden: Bleiben die Touristen zu Hause, bricht diese Einnahmequelle weg. In Island hat sich in den letzten Jahren eine Tourismusblase gebildet, die irgendwann platzen wird. Für Island ist das wahrscheinlich kein Weltuntergang. Für ärmere Länder, die stärker auf das Geld der Urlauber angewiesen sind, ist es eine Katastrophe, wenn die Touristen ausbleiben.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus 5/2014, das am Kiosk erhältlich ist

Ohne es zu beabsichtigen, schaffen sich wohlhabende Westler ihre eigenen Abenteuerparks. Leider begegnen sich die Menschen dort nicht auf Augenhöhe, sondern als Konsumenten und Dienstleister. Oder, etwas zynischer formuliert: als reiche Touristen auf der einen und exotische Attraktionen auf der anderen Seite. Mit dem Einblick in fremde Kulturen, den sich viele von Reisen versprechen, hat das nichts zu tun. Dafür wäre ein Urlaub von einigen Tagen oder Wochen ohnehin zu kurz. Die Abenteuerreise gleicht eher einem Zoobesuch, dem jeglicher gegenseitiger Austausch fehlt. Es gibt 192 Staaten auf der Erde – da sollte es doch genügend interessante Reiseziele geben, die nicht in einem Entwicklungsland liegen.

Jonas Kellermeyer, 22, studiert Cultural Management in Friedrichshafen. Seine Meinung wurde protokolliert von Simon Hurtz