Wie viel Alkohol ist normal, was ist zu viel? Zwei anonyme Alkoholiker erzählen von Rausch und Absturz – und von ihrer Erkenntnis: Ich bin krank.

Anonyme Alkoholikerin:

Lange Zeit fand ich mein Verhältnis zu Alkohol relativ normal. Ich war auf meiner Abi-Party sehr betrunken, aber das waren alle anderen auch. Im Studium trank ich nicht extrem viel, eher zwei Bier oder eine halbe Flasche Wein am Abend. Es drückte irgendwo, und ich dachte: Jetzt erst mal einen trinken. Bei meinem ersten Job als Lehrerin stand ich tagsüber betrunken vor meinen Schülern. Das war dann nicht mehr normal.

Ich hatte immer andere Gründe, warum ich trank, und ich redete mir dann ein: "Ich brauche das jetzt einfach." Zum Beispiel, um Leute kennenzulernen. Wenn ich auf Partys zur Flasche griff, veränderte mich das. Ich fühlte mich nicht mehr so unsicher und gehörte irgendwie dazu. Der Alkohol hat mich beruhigt. Am Anfang meines Studiums habe ich mal vor einem Referat einen Piccolo getrunken. Ich dachte mir: "Kann man ja mal machen, das macht dich locker." Ich habe vor den Examensprüfungen Sekt getrunken. Keiner wusste das, keiner hat es gemerkt. Ich habe super mit Alkohol funktioniert. Vor den mündlichen Prüfungen hatte ich Schiss, aber mit Alkohol haben die gut geklappt.

Ich habe mein Studium gut abgeschlossen. Deshalb hatte ich auch das Gefühl, ich habe die Sache im Griff. Ich war nie komplett weggeschossen, ich trank mehr auf Pegel. Immer so viel, dass ich beruhigt war und alles ertragen konnte. Wenn jemand mal zu mir sagte: "Boah, bist du betrunken", war mir das sehr unangenehm. Deshalb wurde ich immer besser darin, heimlich zu trinken.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 6/14, das am Kiosk erhältlich ist.

Dann kam das Referendariat, eine Zeit, in der es mir einfach insgesamt nicht gut ging. Die Arbeitsbelastung war sehr hoch, ich musste abends den Unterricht vorbereiten, und tagsüber in der Schule hatte ich Verantwortung für die Kinder. Das hat mich sehr belastet. Ich habe angefangen, Sachen mit Alkohol zu verdrängen, auch den Stress mit meiner Vermieterin. Ich habe im Alltag Dinge wie Einkaufen oder Putzen nicht mehr auf die Reihe bekommen, die Probleme haben sich gehäuft. Das Referendariat habe ich hingekriegt. Tagsüber habe ich getrunken, wenn etwas Krasses wie eine Prüfung anstand.

Mein Arbeitsalltag als Lehrerin begann dann meist mit dem Griff zur Flasche, vor allem an anstrengenden Tagen. Manchmal musste ich zwischendurch noch mal nachladen. Die Zeiträume, in denen ich nichts trank, wurden immer kürzer. Ich frage mich oft, ob das Kollegen oder Schüler bemerkt haben. Ich habe ständig Kaugummi gekaut, um es zu vertuschen. Wenn ich echt fertig war, habe ich die Kinder Stillarbeit machen lassen, um wieder klarzukommen. Beschwert hat sich keiner. Aber es sind schon Sachen liegen geblieben, das hätte nicht mehr lange hingehauen. Einmal dachte ich, dass meine damalige Chefin einen Verdacht hat, aber sie hat es mir gegenüber nicht angesprochen, und auch sonst hat nie jemand was gesagt.

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Wenn man erst mal so weit in der Sucht drin ist, kommt man kaum mehr raus. Körperlich war eine Grenze überschritten, ich habe mich abhängig gefühlt. Wenn ich was getrunken habe, wollte ich mehr. Ich konnte nicht ohne Weiteres aufhören. Deshalb habe ich irgendwann meine Freunde um Hilfe gebeten. Als ich es erzählt habe, waren sie überrascht. Ich hatte das tatsächlich so gut versteckt, dass sie nicht gemerkt hatten, wie viel ich trank. Ich versprach, ein Jahr lang nichts zu trinken, und habe das auch geschafft. Auf einer Hochzeit kam dann aber der Rückfall. Ich hatte mir vorgenommen, auf dem Fest ganz normal zu trinken, wie alle anderen auch, aber als ich zu Hause war, konnte ich nicht mehr aufhören, ich hatte völlig die Kontrolle verloren. Mir ging es beschissen, ich bin nicht mehr aus der Wohnung raus, habe nichts gegessen, außer Alkohol nichts getrunken. Ich habe mich dann selbst ins Krankenhaus und dann in eine Entzugsklinik eingewiesen.

Bevor ich in die Klinik gegangen bin, hatte ich mir noch mal die Fingernägel lackiert und mich schick gemacht. Ich wollte nicht aussehen, als wäre ich ein Alki. Es sollte keiner merken. Zu der Zeit bin ich auch zum ersten Mal in eine Selbsthilfegruppe gegangen. Anfangs habe ich mich nicht zugehörig gefühlt, ich habe gedacht, die Leute hier haben voll die Probleme mit Alkohol, aber bei mir ist das nicht so schlimm. Aber je öfter ich hingegangen bin, desto mehr hat es mir geholfen, meine Sucht zu erkennen. Es gibt Leute aller Berufsgruppen, die Alkoholiker sind und denen es so geht wie mir. Das beruhigt mich.

Ich bin jetzt drei Jahre trocken, und die Probleme in meinem Leben werden weniger. Der Alkohol hatte mich im Griff, solange ich trank. Ich hatte immer das Gefühl, depressiv zu sein, vieles hat mich überfordert, ob an der Uni oder im Job. Das hat sich gebessert. Ich traue mir im Beruf viel mehr zu. Bis heute bin ich bei den Anonymen Alkoholikern. Es gibt mir jedes Mal viel Kraft, wenn ich merke, dass ich nicht unnormal oder doof bin, weil ich dieses oder jenes Problem habe, sondern dass es anderen Alkoholikern genauso geht.

Aber wenn ich mich nicht kontinuierlich daran erinnern würde, wie schlimm das war, würde ich das irgendwann vergessen. Und würde wieder zwei, drei Flaschen Wein am Tag trinken.