Er studiert Jura, weil seine Eltern das wollen. Dabei hasst er das Fach – und noch mehr seinen Vater.

Franz Kafka ist gekränkt. Nietzsche soll ein Schwindler sein? Kafka ist 19 Jahre alt, er studiert Jura, weil das vernünftig ist, doch leidenschaftlich wird er, wenn es um Literatur geht. Kafka besucht literarische Vorträge, hat das Kulturmagazin Kunstwart abonniert, hat schon als Teenager Friedrich Nietzsche gelesen. Und dann kommt dieser Kerl und bezichtigt Nietzsche der Lüge. Nach einem Vortrag in der Lese- und Redehalle der deutschen Studenten in Prag spricht Franz Kafka den Referenten an. Max Brod heißt er, ist etwa so alt wie Kafka und streitet mit ihm, erst in der Redehalle, dann zu Hause, bis tief in die Nacht. Die beiden sind nicht einer Meinung, aber nach diesem Abend sind sie Freunde. Max Brod ist einer, der Franz Kafka versteht, der mit ihm diskutiert und ihn fördert. Bis dahin war er nur auf Unverständnis und Unterdrückung gestoßen – vor allem in seiner Familie.

Franz Kafka wird am 3. Juli 1883 in der Prager Josefstadt geboren, einem verarmten Viertel mit dunklen, verwinkelten Gassen und heruntergekommenen Gebäuden. Hier leben die Juden von Prag, einer Stadt, die in dieser Zeit noch zu Österreich-Ungarn gehört. Der Vater Hermann Kafka betreibt ein Geschäft für Mode und Schmuck. Franz ist geschockt, als er eines Tages miterlebt, wie sein Vater dort die Kunden beleidigt. Zu Hause ist der Alte ebenfalls ein Tyrann. Seine Erziehungsmittel, so beschreibt es Franz, sind "Schimpfen, Drohen, Ironie, böses Lachen". Die Mutter Julie toleriert die Ausbrüche ihres Mannes, ihr Sohn zieht sich zurück. Sein größter Wunsch ist "besinnungslose Einsamkeit". Franz Kafka sieht sich als Sklave, der dem herrschsüchtigen Vater ausgeliefert ist. So schreibt er es in einem Brief, der seine große Aussprache mit seinem Vater einleiten soll.

Mit 18 Jahren unternimmt Franz Kafka die erste richtige Reise. Auf Norderney trägt sein Onkel unter den Namen des Neffen "Student" in ein Gästebuch ein. Der ist aber noch gar nicht Student, er hat gerade das Abi hinter sich gebracht, vor dem er "schreckliche Angst" hatte. An der Uni fängt er vieles an und bringt nichts zu Ende: Sein Ziel ist ein Philosophiestudium. Trotzdem schreibt er sich zum Wintersemester 1901 an der Karls-Universität in Prag für Chemie ein. Kafka glaubt, den Vorstellungen seines Vaters entsprechen zu müssen. Und für den sind Literatur und Kunst nur "unnütze Spielereien". Doch Chemie liegt ihm nicht, das merkt er schnell. Er bricht ab und wechselt zu Jura. Auch das macht ihn nicht glücklich. Er sitzt in den Vorlesungen und kritzelt die Manuskripte voll, den Seminarstoff nennt er von "tausend Mäulern vorgekautes Holzmehl".

Nach einem Semester ist er so frustriert, dass er im Sommersemester 1902 Veranstaltungen der Germanistik und Kunstgeschichte besucht, zum Beispiel Neuhochdeutsche Syntax. In dieser Zeit lernt er Max Brod kennen. Er wird einer seiner wenigen Freunde. Während seines Studiums kapselt sich der ohnehin schon einsame Kafka immer stärker von der Außenwelt ab.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 6/14, das am Kiosk erhältlich ist.

Bereits im Wintersemester wechselt Kafka wieder zu Jura, wohl auf Drängen des Vaters. Er überlegt, nach München zu fliehen, dort ein Germanistikstudium zu beginnen und Schriftsteller zu werden, tut es dann aber doch nicht. Er fühlt sich immer noch als Gefangener. "Prag lässt nicht los", schreibt er. Auch als Erwachsener schafft er es nicht, sich von der Stadt und seinem verhassten Elternhaus zu lösen. Bis zu seinem 31. Lebensjahr wohnt Kafka bei seinen Eltern, eine eigene Wohnung kann er sich nicht leisten.

Er leidet am Leben, an der Arbeit, an sich selbst

Nach dem Studium arbeitet Franz Kafka bei einer Versicherung. Das macht ihm keinen Spaß und bringt kaum Geld ein. Die Arbeit erschöpft ihn anfangs so sehr, dass er nach Feierabend kaum zu seiner wahren Leidenschaft kommt, dem Schreiben. Auch später kann er nur abends und nachts an Erzählungen arbeiten. "Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch?", so beschreibt Kafka seinen Anspruch an die Literatur. "Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns." Seine Texte erzählen von Angst, Einsamkeit, Schmerz. Sie sind kühl, rätselhaft und so einzigartig, dass sich Kritiker später ein eigenes Wort ausdenken, um sie zu beschreiben: kafkaesk. Die Texte, die nach seinem Tod als Meisterwerke gelten werden, empfindet Kafka selbst als minderwertig. Er leidet: am Leben, an der Arbeit, an sich selbst.

"So geht es nicht weiter, hat das Gehirn gesagt und nach fünf Jahren hat sich die Lunge bereit erklärt, zu helfen", schreibt Franz Kafka im September 1917 an seinen Freund Max Brod. Kurz zuvor war bei Kafka Tuberkulose festgestellt worden, damals eine unheilbare Krankheit. Am 3. Juni 1924 stirbt er. Nach seinem Tod veröffentlicht Brod die Texte Kafkas, die dieser nur wenigen Leuten gezeigt hatte. So wird Franz Kafka postum berühmt. Den Brief, in dem er seinem Vater endlich die ganze Wahrheit sagen wollte, schickte er nie ab.