Arbeitsmarkt"Bewerber müssen nicht alles akzeptieren"

Die Arbeitsmarktforscherin Anja Kettner erklärt, was dran ist am Fachkräftemangel und welche Konsequenzen das für Absolventen hat von Jan Guldner

ZEIT CAMPUS: Frau Kettner, in welchen Branchen gibt es einen Fachkräftemangel?

Anja Kettner: Ob es einen Fachkräftemangel gibt, ist vor allem eine Frage der Definition. Für unser Institut besteht ein Mangel dann, wenn es keine Bewerbungen auf offene Stellen gibt. Und das ist in Deutschland auf keinen Fall flächendeckend zu beobachten.

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ZEIT CAMPUS: Also haben wir genügend Fachkräfte?

Anja Kettner

42, arbeitet am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit. Sie hat 2012 über Fachkräftemangel promoviert

Kettner: Bei einer unserer Studien aus dem vergangenen Jahr, für die wir 14.000 Unternehmen in Deutschland befragt haben, kam heraus: Für viele von ihnen ist es komplizierter geworden, offene Stellen zu besetzen. Es gibt zwar keinen Mangel, aber Fachkräfte-Engpässe.

ZEIT CAMPUS: Welche Branchen sind denn von diesen Engpässen besonders betroffen?

Kettner: In weniger dicht besiedelten Regionen werden zum Beispiel Fachärzte gesucht. Und auch in den Bereichen Mathe, Informatik, Naturwissenschaften und Technik ist es für Unternehmen zunehmend problematisch, offene Stellen zu besetzen.

ZEIT CAMPUS:Woran liegt das?

Kettner: Die Unternehmen sagen: "Die Bewerber passen nicht in unser Anforderungsprofil." Die Arbeitsuchenden sagen: "Die Unternehmen verlangen zu viel." Um die Reibungsverluste, die bei diesem Prozess entstehen, zu minimieren, müssen Arbeitgeber und Arbeitnehmer aufeinander zugehen. Da sind beide Seiten in der Pflicht.

ZEIT CAMPUS: Was können Unternehmen und Bewerber tun, um zueinanderzufinden?

Kettner: Arbeitgeber sollten auch denjenigen eine Chance geben, die nicht zu hundert Prozent ins ursprüngliche Anforderungsprofil passen, und dieses Profil auch ein Stück weit flexibel definieren. Sie können mehr Gehalt bieten oder bessere Möglichkeiten, um Arbeit und Familie unter einen Hut zu bringen. Die Arbeitsuchenden müssen sich fragen: Wie viel Neues bin ich bereit zu lernen, um für eine Stelle geeignet zu sein? Lebenslanges Lernen ist extrem wichtig. Die Zeiten, in denen man sich einmal etwas aneignet und dann nur noch dieses Wissen anwendet, sind vorbei.

ZEIT Campus Ratgeber 1/2014
Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Campus Ratgeber, der am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

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ZEIT CAMPUS: Berufseinsteigern fehlt es doch eher an Arbeitserfahrung als an der Bereitschaft, Neues zu lernen. Was können sie tun?

Kettner: Wenn explizit ein alter Hase gesucht wird, hat man als Berufseinsteiger schlechte Karten. Doch manche Unternehmen akzeptieren Praktika, Werkstudenten-Tätigkeiten oder Sommerjobs als Arbeitserfahrung. Einsteiger sollten ihren Blick weiten: Viele suchen zuerst bei großen Firmen, aber auch im Mittelstand gibt es tolle Arbeitgeber. Dort verdient man zwar meist etwas weniger, aber dafür hat man oft ein breiteres Aufgabenspektrum und trägt auch schneller Verantwortung.

ZEIT CAMPUS: In welchen Bereichen haben Absolventen zurzeit die größten Chancen?

Kettner: Ingenieure und IT-Fachkräfte haben weiterhin gute Aussichten und gute Verdienstmöglichkeiten.

ZEIT CAMPUS: Inwiefern?

Kettner: Aufgrund der bestehenden Engpässe sind sie in einer guten Verhandlungsposition, das ist auch bei den anderen betroffenen Berufsgruppen so. Die Bewerber müssen nicht alles akzeptieren, was ihnen die Unternehmen vorsetzen, sondern können gute Konditionen aushandeln. Wir haben in einer aktuellen Studie festgestellt, dass deshalb im vergangenen Jahr auch die Zulagen und Gewinnbeteiligungen gestiegen sind.

ZEIT CAMPUS: Wird es zu einer Fachkräfteschwemme kommen, wenn sich Abiturienten nun an den Hochschulen verstärkt für die technischen Fächer einschreiben?

Kettner: Nein, ein Überangebot wird es aus meiner Sicht in den nächsten Jahren nicht geben. Die Zahl derer, die in diesen Branchen bald in Rente gehen, ist ziemlich groß. Hier kommt hoher Ersatzbedarf auf die Unternehmen zu.

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Leserkommentare
  1. dieses Interview ist kurz knapp und reicht zu diesem Thema nicht. Die Unternehmen wünschen sich erfahrene Mitarbeiter die möglichst wenig Kosten! Ein Leben lang Fortbilden ohne Lasten des Arbeitgebers. Gehaltserhöhung für mehr Qualifikation und Übernahme der Kosten ist auch nicht drin!
    Eine Greencard für Spezialisten aus dem Ausland die sich für weniger Geld holen lassen ist eher die Strategie die politisch gestüzt wird! http://www.bmas.de/DE/Ser...
    Die Arbeitssituation (Druck, Menge der Patienten pro Kraft, Überstunden, Arbeitszeiten) der Pflegenden und bei Ärzten ist dermaßen schlecht, dass viele den Beruf verlassen haben oder wollen! Mehr Studienplätze für Mediziner verhindern die Lobbyvereine. Damit das Angebot knapp bleibt und die Gehälter nicht zu schnell sinken. Statt die Arbeitsbedingungen und Einkommen auf zu bessern senkt man sie weiter und macht eine Flickschusterei wie in den 60èr 70èr und 80èr Jahren!
    http://www.faz.net/aktuel...
    Ein Kollege von mir vermittelt junge Akademiker .... und ist sauer. Praktika ohne Ende, Befristungen für Hungerlöhne. Anstellungen unbefristet mit akzeptablen Arbeitsbedingungen sind Seltenheit.

    9 Leserempfehlungen
  2. 'Kettner: Die Unternehmen sagen: "Die Bewerber passen nicht in unser Anforderungsprofil." Die Arbeitsuchenden sagen: "Die Unternehmen verlangen zu viel." Um die Reibungsverluste, die bei diesem Prozess entstehen, zu minimieren, müssen Arbeitgeber und Arbeitnehmer aufeinander zugehen. Da sind beide Seiten in der Pflicht.'

    Das man es noetig hat sowas schriftlich festzuhalten ist schon erstaunlich. Es ist doch kein Wunder, dass wenn man die Arbeitgeber Jahre lang in Watte packt, sie sich irgendwann wie die Prinzessin auf der Erbse benehmen. Aber z.B. mit dieser Revolutionaeren These, wie in diesem Interview formuliert, sind vielleicht die Samthandschuhe mal fuer eine Zeit ab.

    4 Leserempfehlungen
  3. Die Aussage "Kein Mangel, aber Engpässe" ist
    schon mal ein Schritt in die richtige Richtung.

    Ich habe zwar eine Stelle, habe aber in dem letzten
    Jahr etwa 40 Bewerbungen geschrieben, mit einer
    Erfolgsquote von exakt 0. Da ich Physiker bin und
    damit eigentlich in die MINT-Kategorie falle, ist das
    schon sehr überraschend, wenn man das mit dem
    üblichen "wir finden keine Fachkräfte" Geweine
    korreliert.

    9 Leserempfehlungen
    • MyOwnP
    • 04. November 2013 21:57 Uhr

    Als Ingenieur im Bewerbungsprozess kann ich sagen: offene Stellen gibt es. Allerdings scheinen nahezu alle Unternehmen nur noch auf Ingenieursdienstleister zu setzen. Sucht man nach einer Anstellung, bei der man nicht ständig Angst haben muss versetzt zu werden oder ganz raus zu sein, guckt man als Einsteiger in die Röhre. Gibt scheinbar genug gute Leute, die das mit sich machen lassen.

    5 Leserempfehlungen
  4. Kann ich nur nur bestätigen. Es muss mehr als genug ingenieure geben. Ich bin momentan auch am umschauen. Ingenieursdienstleister stellen gibts wie sand am mehr. Die angebotenen gehälter sind eine frechheit. Dafür hät ich nicht studieren müssen. Die stellen wo es nicht dienstleister sind scheinen derartig überlaufen zu sein das die arbeitgeber sich anscheinend den einen perfekten bewerber raussuchen könne der genau ins profil passt.

    In dem sinne kann ich vom ingenieurstudium nur abraten. Der ingenieur ist heute auch nicht viel mehr als als ein facharbeiter und die kosten dafür gilt es zu minimieren.

    Nur hab ich von keiner brance gehört wo es besser läuft........

    5 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • -NKWD-
    • 05. November 2013 1:13 Uhr

    Bin gerade auch auf der Suche nach einem Job als Konstruktionsingenieur. Von 100 stellen sind 95 Ingenieursdienstleister und diese 95 werden von weniger als 10 Dienstleister angeboten. Aber man darf sich nicht täuschen lassen, dass es die aufgeschriebene Stellen auch tatsächlich gibt, mit den Ausschreibung wollen die Dienstleister nur ihr Bewerberpool erweitern.
    Man darf sich auch nicht von der Bezeichnung "Ingenieursdienstleister" täuschen lassen, es sind Zeitarbeitsfirmen und dementsprechend sind auch die Gehälter niedrig 1800-3000€ Brutto.

    • -NKWD-
    • 05. November 2013 1:13 Uhr

    Bin gerade auch auf der Suche nach einem Job als Konstruktionsingenieur. Von 100 stellen sind 95 Ingenieursdienstleister und diese 95 werden von weniger als 10 Dienstleister angeboten. Aber man darf sich nicht täuschen lassen, dass es die aufgeschriebene Stellen auch tatsächlich gibt, mit den Ausschreibung wollen die Dienstleister nur ihr Bewerberpool erweitern.
    Man darf sich auch nicht von der Bezeichnung "Ingenieursdienstleister" täuschen lassen, es sind Zeitarbeitsfirmen und dementsprechend sind auch die Gehälter niedrig 1800-3000€ Brutto.

    6 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Nr.4...."
    • -NKWD-
    • 05. November 2013 1:16 Uhr

    Ingenieure und IT-Fachkräfte haben weiterhin gute Aussichten und gute Verdienstmöglichkeiten.
    Gerade bei Ingenieuren ist es eine Lüge, die Löhne sinken!

    Nein, ein Überangebot wird es aus meiner Sicht in den nächsten Jahren nicht geben.
    Das Überangebot ist bereits da!

    4 Leserempfehlungen
  5. ... in der SAP Branche rennen einem die Headhunter die Mailbox ein, sobald man irgendwo ein Profil angelegt hat.

    Eine Leserempfehlung

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