ZEIT CAMPUS: Frau Kettner, in welchen Branchen gibt es einen Fachkräftemangel?

Anja Kettner: Ob es einen Fachkräftemangel gibt, ist vor allem eine Frage der Definition. Für unser Institut besteht ein Mangel dann, wenn es keine Bewerbungen auf offene Stellen gibt. Und das ist in Deutschland auf keinen Fall flächendeckend zu beobachten.

ZEIT CAMPUS: Also haben wir genügend Fachkräfte?

Kettner: Bei einer unserer Studien aus dem vergangenen Jahr, für die wir 14.000 Unternehmen in Deutschland befragt haben, kam heraus: Für viele von ihnen ist es komplizierter geworden, offene Stellen zu besetzen. Es gibt zwar keinen Mangel, aber Fachkräfte-Engpässe.

ZEIT CAMPUS: Welche Branchen sind denn von diesen Engpässen besonders betroffen?

Kettner: In weniger dicht besiedelten Regionen werden zum Beispiel Fachärzte gesucht. Und auch in den Bereichen Mathe, Informatik, Naturwissenschaften und Technik ist es für Unternehmen zunehmend problematisch, offene Stellen zu besetzen.

ZEIT CAMPUS: Woran liegt das?

Kettner: Die Unternehmen sagen: "Die Bewerber passen nicht in unser Anforderungsprofil." Die Arbeitsuchenden sagen: "Die Unternehmen verlangen zu viel." Um die Reibungsverluste, die bei diesem Prozess entstehen, zu minimieren, müssen Arbeitgeber und Arbeitnehmer aufeinander zugehen. Da sind beide Seiten in der Pflicht.

ZEIT CAMPUS: Was können Unternehmen und Bewerber tun, um zueinanderzufinden?

Kettner: Arbeitgeber sollten auch denjenigen eine Chance geben, die nicht zu hundert Prozent ins ursprüngliche Anforderungsprofil passen, und dieses Profil auch ein Stück weit flexibel definieren. Sie können mehr Gehalt bieten oder bessere Möglichkeiten, um Arbeit und Familie unter einen Hut zu bringen. Die Arbeitsuchenden müssen sich fragen: Wie viel Neues bin ich bereit zu lernen, um für eine Stelle geeignet zu sein? Lebenslanges Lernen ist extrem wichtig. Die Zeiten, in denen man sich einmal etwas aneignet und dann nur noch dieses Wissen anwendet, sind vorbei.

ZEIT CAMPUS: Berufseinsteigern fehlt es doch eher an Arbeitserfahrung als an der Bereitschaft, Neues zu lernen. Was können sie tun?

Kettner: Wenn explizit ein alter Hase gesucht wird, hat man als Berufseinsteiger schlechte Karten. Doch manche Unternehmen akzeptieren Praktika, Werkstudenten-Tätigkeiten oder Sommerjobs als Arbeitserfahrung. Einsteiger sollten ihren Blick weiten: Viele suchen zuerst bei großen Firmen, aber auch im Mittelstand gibt es tolle Arbeitgeber. Dort verdient man zwar meist etwas weniger, aber dafür hat man oft ein breiteres Aufgabenspektrum und trägt auch schneller Verantwortung.

ZEIT CAMPUS: In welchen Bereichen haben Absolventen zurzeit die größten Chancen?

Kettner: Ingenieure und IT-Fachkräfte haben weiterhin gute Aussichten und gute Verdienstmöglichkeiten.

ZEIT CAMPUS: Inwiefern?

Kettner: Aufgrund der bestehenden Engpässe sind sie in einer guten Verhandlungsposition, das ist auch bei den anderen betroffenen Berufsgruppen so. Die Bewerber müssen nicht alles akzeptieren, was ihnen die Unternehmen vorsetzen, sondern können gute Konditionen aushandeln. Wir haben in einer aktuellen Studie festgestellt, dass deshalb im vergangenen Jahr auch die Zulagen und Gewinnbeteiligungen gestiegen sind.

ZEIT CAMPUS: Wird es zu einer Fachkräfteschwemme kommen, wenn sich Abiturienten nun an den Hochschulen verstärkt für die technischen Fächer einschreiben?

Kettner: Nein, ein Überangebot wird es aus meiner Sicht in den nächsten Jahren nicht geben. Die Zahl derer, die in diesen Branchen bald in Rente gehen, ist ziemlich groß. Hier kommt hoher Ersatzbedarf auf die Unternehmen zu.