Bernd Schwarzer atmet tief ein und tief wieder aus. Er trägt ein weißes Unterhemd, draußen gackern die Hühner. Nils Kathmann drückt ihm das Stethoskop auf die Brust. Schwarzer beginnt zu erzählen: "Meine Frau, die isst zu wenig."

"Ick will deine Wurscht nich, dit begreift der nich, Herr Doktor."

"Die will nur noch Marmelade."

"Ick werd imma dicker."

"Ach, hör uff jetzt, immer dicker!"

Nils Kathmann legt das Stethoskop auf den Tisch und setzt sich auf die Holzbank mit den geblümten Kissen. Er ist 24, hier, in einem kleinen Dorf in Sachsen-Anhalt, begleitet er den Landarzt Thomas Dörrer bei seinen Hausbesuchen. Schwarzers Ehefrau Helga bietet Cappuccino an. "Man merkt, dass sie lange verheiratet sind. Marmelade ist schon okay", sagt Thomas Dörrer. "Siehste, der Doktor kennt mich!", sagt Helga Schwarzer.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 1/15, das am Kiosk erhältlich ist.

Nils Kathmann studiert im siebten Semester Medizin an der Universität Halle-Wittenberg. Sein praktisches Jahr beginnt erst in anderthalb Jahren. Aber schon jetzt begleitet er Thomas Dörrer bei seinen Hausbesuchen. Er gehört zur Klasse Allgemeinmedizin, einem besonderen Programm seiner Uni. Dabei unterstützen Medizinstudenten Ärzte in der Provinz – von der Altmark bis in den Südharz. Nils Kathmann weiß schon jetzt: Er will später selbst als Landarzt arbeiten. Dieser Wunsch macht ihn zur Ausnahme. "Die meisten Medizinstudenten wollen Kardiologen oder Chirurgen in einer großen Klinik werden", sagt Thomas Dörrer, "Hausarzt auf dem Land, das klingt nach Husten, Schnupfen, Durchfall." Es gibt kaum junge Mediziner, die diesen Job übernehmen wollen. Viele Landärzte müssen ihre Praxen früher oder später schließen. In der Großstadt ballen sich Praxen auf engem Raum, auf dem Land sind rund 3.000 unbesetzt. Dabei arbeiten viele bis weit über das Rentenalter hinaus, in Sachsen-Anhalt ist die älteste Hausärztin bereits 86 Jahre alt.

Weil in Deutschland der medizinische Nachwuchs fehlt, lockt die Kassenärztliche Vereinigung mit Stipendien für Studenten. Sie zahlt Subventionen für Niederlassungen. Krankenkassen zahlen sogar ein knapp 80.000 Euro teures Studium in Ungarn, um die deutsche NC-Hürde zu umgehen – wenn sich die Studenten verpflichten, später für fünf Jahre als Landarzt in Sachsen zu arbeiten. Universitäten erfinden Programme, die den Studenten die Arbeit der Landärzte näherbringen sollen.

Wie hier in Halle. Nils Kathmann hockt auf einer Pritsche im Labor der medizinischen Fakultät. Gleich beginnt das Seminar. Er und seine neun Kommilitonen tauschen sich über ihre Erfahrungen auf dem Land aus:

"Ich durfte rektal tasten – das war ’n Erlebnis!"

"Mein Highlight war ein Herzinfarkt."

"Ich habe einen Aderlass gesehen – wusste gar nicht, dass es das noch gibt."

Am Anfang ihres Studiums waren sie noch zwanzig Leute, jetzt, im siebten Semester, ist nur noch die Hälfte übrig. Manche kamen nicht durchs Physikum, anderen wurde Halle irgendwann doch zu klein. Sie zog es zum Beispiel nach Berlin, an eine der größten Universitätskliniken Europas.

Der Kurs beginnt, diesmal mit einem Rollenspiel: Der Dozent wird zum Kaninchenbauern, der trotz Herzinfarkt nicht ins Krankenhaus will. Die Studenten sollen seine Brust abhören, das EKG auswerten und ihn überreden, doch mit in die Klinik zu kommen. Das Fach Allgemeinmedizin kommt im normalen Studium nur drei Wochen lang vor. Anders als andere Mediziner trainieren Kathmann und seine Kommilitonen hier mehrmals im Semester die speziellen Herausforderungen im Alltag als Landarzt. Neben dem Fachwissen müssen sie vor allem lernen, wie man mit Menschen umgeht. Wie sie bei der Untersuchung Nähe zeigen statt Distanz. Auf dem Land ist die Arztpraxis häufig auch ein wichtiger sozialer Ort. Viele Patienten kennen sich, manche legen sogar extra ihre Termine zusammen, damit sie im Wartezimmer plaudern können. "Du kennst Mutter, Vater und das ungeborene Kind, und alle erzählen dir den Klatsch und Tratsch", sagt Kathmann. Ihn stört das nicht, im Gegenteil: "Ich finde es spannend, am Leben meiner Patienten teilzuhaben, zu erfahren, was sie bewegt."