Woran man merkt, dass man sich mit der Uni zu sehr stresst. Und wie man mit weniger Zeit zu besseren Ergebnissen kommt.

Wie viel lernen die anderen?

Manche Studenten "lernen und lernen und bringen trotzdem nichts zustande", sagte der Bundesrichter Thomas Fischer neulich im Interview mit ZEIT CAMPUS. Mit anderen Worten: Für den Studienerfolg kommt es nicht darauf an, wie viel man lernt, sondern darauf, dass man den Lernstoff auch versteht. Fischer ist auch Jura-Professor, er kennt die Zustände an den Unis und nimmt kein Blatt vor den Mund. Seine Aussage traf bei vielen Lesern einen wunden Punkt.

Eigentlich ist das einleuchtend: Noten hängen nicht in erster Linie davon ab, wie viel man für die Uni macht – auch andere Faktoren sind entscheidend: Zum Beispiel die eigene Begabung und die Begeisterung fürs Fach, die Fairness des Professors und nicht zuletzt, wie gut man die Lerninhalte verstanden hat. Die Arbeitszeit spielt nur eine untergeordnete Rolle. Ganz ohne geht es nicht, aber wenn man Schwierigkeiten hat, den Stoff zu verstehen, hilft es auch nicht, stundenlang in der Bibliothek zu sitzen. Trotzdem setzen sich viele unter Druck, weil sie das Gefühl haben, mit anderen mithalten zu müssen, die viel mehr für die Uni tun. Wie viel machen die anderen wirklich?

Laut einer neuen Studie, die Forscher der Universität Konstanz im Auftrag des Bundesbildungsministeriums im Oktober veröffentlicht haben, investieren Studenten im Schnitt 31 Stunden pro Woche in ihr Studium. Sie verbringen davon rund 17 Stunden in Lehrveranstaltungen und 12 Stunden beim Selbststudium. Die restlichen zwei Stunden gehen für Teamarbeit drauf, wie das Treffen mit der Referatsgruppe.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 1/15, das am Kiosk erhältlich ist.

In leseintensiven Fächern wie Literaturwissenschaften und Philosophie predigen viele Professoren in ihren Einführungsveranstaltungen, man müsse für jede Seminarstunde zwei Stunden Lesezeit zur Vor- und Nachbereitung einplanen. Die Zahlen der Uni Konstanz zeigen: Die wenigsten machen das. Am meisten arbeiten Tiermediziner (45 Wochenstunden), gefolgt von Pharmaziestudenten (40 Wochenstunden) und Chemikern (37 Wochenstunden). Germanisten und Romanisten kommen auf 29 Stunden. Deutlich unter dem Durchschnitt liegen die Kunstwissenschaftler mit 25 Wochenstunden.

Auf ähnliche Zahlen kommt auch der Dachverband der Studentenwerke in Deutschland. Er befragt Studenten in seiner Sozialerhebung regelmäßig nach ihrem Zeitaufwand. Die aktuellste Zahl aus dieser Erhebung bezieht sich auf 2012, damals lag der durchschnittliche Aufwand für ein Studium bei wöchentlich 35 Lernstunden. Das bedeutet, dass Studenten etwa so viel Zeit in ihr Studium stecken wie Angestellte in ihren Beruf.

Zu einem ganz anderen Ergebnis kam der Bildungsforscher Rolf Schulmeister, der das Hochschul- und Weiterbildungszentrum der Uni Hamburg leitet. Er brachte 2011 Zahlen heraus, die für viel Aufregung sorgten. 403 Studenten hatten für seine Studie ihre Lernzeiten ganz genau protokolliert. Das Ergebnis: Die Probanden arbeiteten im Schnitt nur 23 Stunden pro Woche für die Uni. Der tatsächliche Zeitaufwand ist demnach viel geringer als der geschätzte (den die Forscher der Uni Konstanz und die des Studentenwerks abfragten).

Viele Medien berichteten daraufhin über die "faulen" Studenten, die zu Unrecht über Stress klagten. Die Zahlen sind zwar nicht repräsentativ, da Schulmeister nur ausgewählte Studiengänge untersucht hat. Trotzdem werfen sie eine interessante Frage auf: Warum schätzen Studenten ihre Arbeitsbelastung auf 31 Stunden, wenn sie in Wirklichkeit nur 23 Stunden lernen? "Eine gewisse subjektive Überschätzung ist normal", sagt Rolf Schulmeister, "aber diese Zahlen haben mich auch überrascht."