Lisa Herzog sagt, die moderne Welt sei zu komplex: Wer eine Jeans kaufe, wisse nicht mehr, was dieser Einkauf bedeutet. © Andrew Winning/Reuters

Lisa Herzog, 31, sitzt im obersten Stockwerk eines Gebäudes der Uni Stanford in Kalifornien und schaut runter auf die Palmen. "Sehr angenehm hier", sagt die Philosophin mit einem fränkischen Einschlag. Draußen sind milde Temperaturen, drinnen herrscht Klimaanlagenwinter. Gut zum Denken und Diskutieren, gerade wenn es um Themen geht, bei denen es schnell hitzig wird. Lisa Herzog überlegt, wie man die Wirtschaft gerechter machen kann. Sie bezieht sich dabei auf den Liberalismus – also auf jene Philosophie, die nach der Finanzkrise und dem Absturz der FDP viele für überholt halten. Rund 240 Jahre ist es her, dass der liberale Philosoph Adam Smith sein Buch über den "Wohlstand der Nationen" veröffentlichte. Lisa Herzog sagt: Zeit für ein Update! Sie arbeitet im Center for Ethics in Society in Stanford*. Ihr Büro ist kaum breiter als ihr Schreibtisch – aber die Aussicht ist fantastisch.

ZEIT Campus: Frau Herzog, ist der Kapitalismus böse?

Lisa Herzog: Der Kapitalismus hat sehr verschiedene Gesichter. Er kann wild werden, soziale Verhältnisse aufbrechen, Ungleichheiten erzeugen und durchaus böse Züge annehmen. Man sollte allerdings nicht unterschätzen, dass wir vieles von dem, was uns heute selbstverständlich erscheint, auch dem Kapitalismus verdanken.

ZEIT Campus: Der Filmemacher Michael Moore sagte über den Kapitalismus: "Was böse ist, kann man nicht regulieren. Man muss es durch etwas ersetzen, das für alle gut ist."

Herzog: Das Problem ist, dass wir eine globalisierte Wirtschaft haben, aber die Regulierungsgewalt weitgehend bei den Nationalstaaten liegt. Viele Firmen gehen dorthin, wo sie am wenigsten reguliert werden. Aber daraus folgt nicht, dass die Wirtschaft grundsätzlich nicht regulierbar ist.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 2/15, das am Kiosk erhältlich ist.

ZEIT Campus: In der Finanzkrise haben Menschen in der ganzen Welt ihre Ersparnisse verloren, ihre Häuser, ihre Zukunftsperspektiven. Es war nicht die erste Krise. Sie halten den Kapitalismus trotzdem für reformierbar?

Herzog: Ich halte die Marktwirtschaft für reformierbar.

ZEIT Campus: Was ist der Unterschied?

Herzog: "Marktwirtschaft" bedeutet, dass es keinen staatlichen Planer gibt, sondern die einzelnen Menschen entscheiden, was sie kaufen und wo sie investieren. Das hat viele Vorteile und ermöglicht individuelle Freiheiten, die es bei einer zentralen Planung der Wirtschaft nicht gäbe.

ZEIT Campus: Und Kapitalismus?

Herzog: "Kapitalismus" bedeutet über "Marktwirtschaft" hinaus das Privateigentum an den Produktionsmitteln. Damit assoziieren viele, dass die Politik von der Wirtschaft dominiert wird. Wenn man Kapitalismus so versteht, dass Politiker nur noch die Interessen der Kapitaleigentümer vertreten, bin ich auch dafür, ihn abzuschaffen. Es ist aber möglich, dass die Politik der Wirtschaft einen Rahmen setzt. Das ist der sogenannte ordoliberale Gedanke: die Idee, dass wir mit dem Kapitalismus gut arbeiten können, wenn wir ihn politisch einbetten.

ZEIT Campus: Der Kapitalismus kann also durch moralische Regeln gezähmt werden?

Herzog: Was im Kapitalismus als solchem nicht angelegt ist, ist soziale Gerechtigkeit, wie wir sie heute verstehen – dazu braucht es zusätzliche staatliche Maßnahmen. Im 18. Jahrhundert dachte man hingegen noch, der Kapitalismus würde der Mehrheit der Bevölkerung erlauben, ihre Situation zu verbessern, und die Gesellschaft auf diese Weise gerechter machen.

ZEIT Campus: Der liberale Philosoph Adam Smith schrieb damals, dass es sich lohnt, gute Produkte herzustellen: Der Bäcker mit den guten Brötchen verkauft mehr Brötchen.

Herzog: Genau, die Idee ist, dass Leute ihrem Eigeninteresse folgen und dass damit auch der Gesellschaft gedient ist. Adam Smith ging aber auch davon aus, dass sich alle an Gesetze halten und dass sie ihre Interessen nicht ungebremst auf Kosten der Moral verfolgen. Das klappt an manchen Stellen auch heute noch, aber nicht an allen.

*Anm. d. Red.: In der gedruckten Fassung steht, Frau Herzog wäre nach ihrer Doktorarbeit in Oxford in St. Gallen im Alter von 30 Jahren habilitiert worden. Das ist nicht zutreffend und wurde daher entfernt.