Sigmund Freud wird erst mit Mitte 60 zum Professor.

Mit 400 aufgeschlitzten Aalen beginnt die wissenschaftliche Karriere von Sigmund Freud. Später wird der Begründer der Psychoanalyse den Fisch als Symbol für den Penis interpretieren: Wer von Fischen träumt, heißt es in Sigmund Freuds erstem Bestseller Die Traumdeutung aus dem Jahr 1899 , der träumt in Wirklichkeit von Sex. Und wer von Schlangen, Schnecken, Stöcken, Schirmen, Bäumen, Messern, Hämmern, Wasserhähnen, Hängelampen, Bleistiften oder Flugmaschinen träumt, der träumt auch von Sex. Freuds Versuche, die verborgenen Fantasien der Menschen zu verstehen, indem er ihre Träume deutet, sind wegweisend für die Psychologie – und umstritten. Kritiker sagen, seine Theorien seien zu spekulativ und viel zu sexlastig. Als Sigmund Freud sich als Student dem ersten Forschungsprojekt widmet, geht es bereits um Sex – aber um eine konkrete, naturwissenschaftliche Frage: Haben Aale Hoden? Freud seziert Hunderte der Fische, die zuvor vielen Wissenschaftlern als Zwitter galten, und untersucht ihre Geschlechtsteile. Es ist eine praktische Vorübung für seine späteren Theorien.

Am 6. Mai 1856 wird Sigismund Schlomo Freud in der kleinen Stadt Freiberg, damals Österreich, geboren. Kurz zuvor hat sein Vater zum dritten Mal geheiratet – die zwanzig Jahre jüngere Amalia. Die Eltern sind arme Leute, der Vater ist Wollhändler, die Mutter Hausfrau. In einer Wirtschaftskrise verlieren sie ihr Geschäft. Ihren Sohn Sigismund behandeln sie wie ihr Lieblingskind: Als einziger von acht Söhnen und Töchtern bekommt er ein eigenes Zimmer.

Sigmund Freud, wie er sich bald nennt, ist ein sehr guter Schüler. Die Matura, das österreichische Abitur, besteht er mit Auszeichnung. Er will studieren, weiß aber nicht, was. Er denkt an Jura, dann entscheidet er sich für ein Medizinstudium, angeregt durch die Forschungen Charles Darwins. Der hatte sein Buch Über die Entstehung der Arten veröffentlicht, als Freud im Vorschulalter war, und damit Wissenschaftsgeschichte geschrieben. Forschungen zu Mensch, Tier und Evolution haben zu Freuds Lebzeiten ein revolutionäres Potenzial.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 2/15, das am Kiosk erhältlich ist.

An der Universität Wien beschränkt sich Freud nicht wie vorgesehen auf die Fächer Chemie und Zoologie. Er besucht zusätzlich Vorlesungen in Philosophie und Mathematik. Seine Eltern machen ihm Druck, er solle das "abstruse Studium" aufgeben und etwas "praktisch besser Verwendbares" machen. Im 19. Jahrhundert studieren nur die wenigsten, und ein akademischer Abschluss garantiert keine Karriere – aber Sigmund Freud lässt sich nicht davon abbringen.