Noch nie wurde so viel um unser Vertrauen geworben wie heute. Das sollte uns skeptisch machen.

Alle wollen unser Vertrauen: Freunde, Firmen, Politiker. Auch der ADAC hat neulich eine "Reform für Vertrauen" ausgerufen, die sein Image aufbessern soll. Aber geht das überhaupt, dass man einem Autofahrerverein vertraut wie sonst nur einem Freund? Über solche Fragen denkt Ute Frevert, 60, nach. Sie ist Historikerin und leitet das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Dort beschäftigt sich Ute Frevert mit Gefühlen. Die sind nämlich nicht unveränderlich, sagt sie, sondern unterliegen Moden und Konjunkturen. Liebe bedeutet heute etwas anderes als noch vor hundert Jahren. Und das ständige Gerede über Vertrauen ist ein Trend, der sogar noch jünger ist. Es sei geradezu krankhaft, schreibt Ute Frevert in ihrem Buch "Vertrauensfragen" – eine "Obsession" unserer Zeit. Frevert empfängt uns in ihrem Büro in Dahlem, einem Viertel im Westen Berlins. Fast ländlich wirkt es hier, von der Großstadt ist nicht viel zu spüren. Statt Bürgersteigen gibt es matschige Pfade, hinter Vorgärten liegen Villen. Ute Frevert bittet uns, an einem runden Tisch Platz zu nehmen, dann kann das Interview beginnen. Es ist ein Wintertag, und die Sonne steht bereits tief.

ZEIT Campus: Frau Frevert, können wir heute bei Ihnen übernachten?

Ute Frevert: Airbnb, hm? Das kenne ich von meinen Kindern. Ich habe da kein Profil und werde mir auch keins anlegen. Aber im Prinzip führe ich ein offenes Haus. Wenn ich Sie sympathisch und angenehm finde, könnten Sie gerne einen Abend mit mir und meinem Mann verbringen. Der kocht übrigens auch sehr gut!

Ute Frevert lacht. Mit unserer ersten Frage wollten wir sie überrumpeln, aber das klappt nicht. Die Historikerin ahnt sofort, worauf wir hinauswollen: auf die sogenannte Sharing-Economy. Unsere Eltern haben uns einst eingebläut, auf keinen Fall zu Fremden ins Auto zu steigen. Das war lange vor Websites wie Mitfahrgelegenheit, BlaBlaCar und Uber. Heute gibt es etliche Onlinedienste, die versprechen: Wir müssen Fremden nur vertrauen, dann können wir bedenkenlos zu ihnen ins Auto steigen, ihnen teure Dinge ausleihen oder sie bei uns übernachten lassen.

ZEIT Campus: Sie bestehen darauf, uns zuerst kennenzulernen – anders als bei Airbnb, wo man Fremden die Wohnung öffnet?

Frevert: Nur aus dem Internet zu erfahren, dass jemand noch keine fremde Wohnung kurz und klein geschlagen hat, das reicht mir nicht. Gastfreundschaft ist für mich Vertrauenssache. Das Vertrauen beruht darauf, dass ich Menschen persönlich kenne.

ZEIT Campus: Im Internet entstehen lauter Angebote, fremden Menschen zu vertrauen. Überrascht Sie das?

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 2/15, das am Kiosk erhältlich ist.

Frevert: Ja, schon. Ich habe den Eindruck, dass manche jüngeren Leute glauben, das Internet ermögliche ihnen nicht nur Kommunikation, sondern auch eine Art von Nähe zu anderen. Dabei darf man aber eines nicht aus dem Blick verlieren: Bei all der Sharing-Economy geht es weniger um Sharing als um Economy. Sie möchten hier günstig übernachten, also fragen Sie mich nach einem Schlafplatz, statt einfach in ein Hotel zu gehen.

ZEIT Campus: Der Preis wäre noch Verhandlungssache …

Frevert: Also, das geht gar nicht. Meine Wohnung ist Teil meines Selbst. Wenn ich die öffne, dann nur für nette Menschen und nicht für Geld. Natürlich kann man Airbnb auch positiver sehen und sagen: "Es geht nicht nur darum, Geld zu sparen, sondern auch darum, Menschen kennenzulernen, sich in fremde Leben hineinzufühlen." Ich halte das aber für eine ziemlich billige Illusion.

ZEIT Campus: Wieso sind Sie so kritisch?

Frevert: Zum einen geht es um den Erhalt der Privatsphäre. My home is my castle – diese Vorstellung gibt es in unserer Gesellschaft zwar erst seit 200 Jahren. Doch ich wäre sehr vorsichtig, sie aufs Spiel zu setzen. Zum anderen arbeiten die Begrifflichkeiten der Sharing-Economy mit einem reizvollen, aber problematischen Wohlfühlangebot: Wenn ich da mitmache, dann mache ich etwas moralisch Gutes. Ich bin nicht misstrauisch, sondern trete Fremden mit einem Grundvertrauen gegenüber. Damit stehe ich gut da.

ZEIT Campus: Was ist daran falsch?

Frevert: Dass es nicht um Vertrauen geht, sondern um ein rationales Kalkül. Seit etwa zwei Jahrzehnten kann man beobachten, dass alle möglichen Unternehmen versuchen, sich ein sympathisches Mäntelchen umzuhängen, indem sie auf die Vertrauensschiene setzen. Die Internetfirmen setzen das fort. Ich denke aber: Es gibt Spannungen zwischen einem Vertrauensbegriff, der auf dem Teilen von nicht materiellen Gütern beruht, und einem Vertrauensbegriff, der benutzt wird, um Dienstleistungen zu vermarkten.

Wir unterhalten uns noch keine zehn Minuten, da ist klar: Wir müssen grundsätzlicher werden. Die Zeitschrift "The Economist" mutmaßte im Januar, dass durch die Sharing-Economy der ganzen Arbeitswelt eine Umwälzung bevorsteht wie zuletzt bei der Erfindung des Fließbands. Das amerikanische Technikmagazin "Wired" ging sogar noch weiter. "Digitale Werkzeuge ermöglichen und ermutigen uns, unseren Mitmenschen zu vertrauen", hieß es dort im vergangenen Jahr. "Dies ist nicht nur ein wirtschaftlicher Durchbruch, sondern ein kultureller." Ute Frevert ist skeptischer. Aber auch ihr geht es, wenn sie über Airbnb spricht, nicht nur um ein einzelnes Unternehmen. Sondern um Fragen, die uns alle betreffen: Was ist Vertrauen? Wer hat es verdient?